Dienstag, 07.12.2021

Droht eine "Generation Corona"?

Schlauster Azubi im Mainviereck:Viele Auszubildende lernen im Ausnahmezustand - Verbände und Gewerkschaften in Sorge

FRANKFURT
Schlauster Azubi
2 Min.
Friseurinnen üben an Kunststoffköpfen Haarschnitte - während der Corona-Lockdowns die einzige Möglichkeit, um im Beruf fit zu bleiben. Foto: Waltraud Grubitzsch (dpa)
Foto: Waltraud Grubitzsch

Friseur-Azubis lernen nur noch an Übungsköpfen, die Berufsschule lehrt über das Internet - Corona hat auch die Berufsausbildung hart getroffen. Verbände und Gewerkschaften machen sich große Sorgen um die Zukunft der Jugendlichen und auch der Betriebe. »Wir müssen eine Generation Corona unter allen Umständen verhindern«, sagte die zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner.

Wenn gegen die aktuelle Entwicklung in der Ausbildung nicht weiter konsequent etwas getan werde, habe das massive Auswirkungen, sagte sie: Kurzfristig für die Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz fänden, mittelfristig für die Unternehmen, denen schon bald die Fachkräfte fehlten. Und langfristig auf die Gesellschaft, »die sich vorwerfen muss, einer ganzen Generation eine Zukunftsperspektive versagt zu haben«, sagte Benner.

Viele Jugendliche hätten bereits jetzt gut die Hälfte ihrer Ausbildung im Ausnahmezustand gelernt, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Elke Hannack. Dazu gehört auch, dass Berufsschulen zeitweise auf Distanzunterricht umgestellt haben.

Prüfungen im Blick

Dem Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer, zufolge gibt es keine Anzeichen dafür, dass Auszubildende schlechter qualifiziert würden. »In den meisten Betrieben kann unter Beachtung der Hygiene- und Abstandsvorgaben weitergearbeitet und auch weiter ausgebildet werden.« Außerdem gebe es pragmatische Lösungen. »Da schalten sich beispielsweise Friseur-Ausbilder und Azubis über WhatsApp-Gruppen zusammen und tauschen sich über die Ergebnisse von Übungen an Übungsköpfen aus.«

Wie der ZDH hat auch der DGB die Prüfungen der Jugendlichen im Blick. Einig sind sich beide Organisationen darin, dass die Auszubildenden mehr Unterstützung brauchen. Diese könne von den Kammern, aber auch mithilfe der Gewerkschaften und der Berufsschulen angeboten werden, so Hannack. Betriebe sollten etwa Freistellungen für zusätzliche Lerntage ermöglichen. »

Ende Januar hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) einen neuen Schutzschirm für Auszubildende ins Spiel gebracht. So sollen etwa Ausbildungsprämien Anreize schaffen, einen hohen Ausbildungsstand in Betrieben zu halten - oder auch zusätzliche junge Leute auszubilden. Für DGB-Vize Hannack ist das Modell zu kompliziert gestrickt. »Deshalb kommt das Geld nicht bei allen Ausbildungsbetrieben an«, sagte sie.

2020 wurden laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) 57 600 Ausbildungsverträge weniger abgeschlossen als im Vorjahr - ein Minus von elf Prozent. Dies sei aber auch der sinkenden Zahl von Schulabgängern geschuldet.

Fehlende Orientierung

Vor allem fehlende Berufsorientierung in Form von Praktika oder Ausbildungsmessen hätten dazu geführt, dass weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen worden seien, sagte Handwerkspräsident Wollseifer. Im Handwerk sei der Rückgang gegenüber dem Vorjahr mit einem Minus von 7,5 Prozent moderat ausgefallen. Besonders hart habe es den Tourismus, das Hotel- und Gaststättengewerbe sowie die Veranstaltungsbranche getroffen.

Wie aus einer Antwort des Arbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linken hervorgeht, bildet nicht einmal jeder fünfte Betrieb in Deutschland aus. Das Ministerium stützt sich auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. »Es kann nicht sein, dass zunehmend Arbeitgeber über Fachkräftemangel klagen, gleichzeitig aber nur wenige Betriebe ausbilden«, so eine Klage der Linken.

Obwohl die Lage auf dem Ausbildungsmarkt schwierig sei, »sollten die Schulabsolventen nicht die Flinte ins Korn werfen«, sagte Hannack. »Trotz aller Schwierigkeiten werden in Deutschland auch 2021 noch mehr als 400 000 Auszubildende gesucht.«