Mittwoch, 03.06.2020
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Das Modehaus geht - die Stolpersteine bleiben

Familie Brückheimer führte ab 1920 für ca. 20 Jahre ein Schuhgeschäft am Platz. Man wünscht sich künftig wieder ein ähnlich prachtvolles Gebäude an dieser Stelle.
Wohl Bernhard Wehnert, vor 1920.
Freitag, 08. 05. 2020 - 23:34 Uhr

Das Modehaus Volpert in der Wertheimer Bahnhofstraße 4 ist abgerissen. Was bleiben und auch den nächsten Bau begleiten wird, sind vier Stolpersteine. Es handelt sich um Steine für vier ermordete Mitglieder der Familie Brückheimer, die an diesem Platz im wunderschönen Vorläufergebäude zu siebt gewohnt hat und das auch ihr Eigentum war. Die Külsheimer Familie Brückheimer hat das Gebäude 1920 von Bildhauer Bernhard Wehnert gekauft. Übrigens: Familie Wehnert war ursprünglich im Steinmetz-Handwerk tätig. Man sieht auf dem Foto im Schaufenster noch Skulpturen aus Stein. Weil es zu beschwerlich war, diese Figuren zu den Kunden über Land zu bringen, hat Bernhard Wehnert begonnen, sie zu fotografieren. So kam die Familie vom Gewerbe der Steinmetzen zur Fotografie und stellte vier Generationen lang das führende Fotogeschäft der Stadt. Seit der Geschäftsaufgabe vor wenigen Jahren ist das Fotoarchiv Wehnert im Stadtarchiv untergebracht und stellt einen immensen Schatz für die Stadtgeschichte Wertheims dar. Familie Brückheimer führte ab 1920 etwa 20 Jahre lang ein Schuhgeschäft in diesem Haus. Auch waren sechs Zimmer des Hauses an Einzelpersonen vermietet. Der Familienvater Isaak Brückheimer verstarb 1931, die Mutter Sophie, geb. Wolf, und ihre drei Töchter Selma, Hilda und Hedwig Brückheimer führten den Schuhladen weiter. Das Geschäft wurde, wie alle Wertheimer Geschäfte von Juden, ab 1933/34 boykottiert. In der Pogromnacht 1938 wurde das Inventar des Ladens zerstört. Die Mutter und ihre drei Töchter wurden verschleppt und in Vernichtungslagern im Osten ermordet. Nur die beiden jüngeren Kinder der Familie, Ludwig und Max, konnten in die USA fliehen und überleben. Sie waren ab 1975 bis zu ihrem Tod 1983 und 1995 mit Wertheim in Verbindung, geprägt von Verzeihen und Versöhnung.
Es wurde schon erwogen, am neu zu errichtenden Gebäude zusätzliche Tafeln für die Ermordeten anzu-bringen. Gerne! Doch genügt die erneute Niederlegung der Stolpersteine. Man kann dazu ja im Werthei-mer Gedenkbuch zum Nationalsozialismus lesen. Besser ist eine defensive Erinnerungskultur, damit in der Öffentlichkeit kein Überdruss und keine Abstumpfung entsteht.
Die vier Steine sind Teil von insgesamt 75 Stolpersteinen in Wertheim. Die Öffentlichkeit geht mit diesen Steinen respektvoll um. Den Steinen wird auch dann Raum geschenkt, wenn der Platz eigentlich sehr knapp ist. Erwähnt sei der Schreibwarenladen in der Maingasse 17, der mit seinen üppigen Auslagen vor dem Ge-schäft trotz gedrängter Platzverhältnisse noch nie die Stolpersteine, die auf dieser Auslagefläche platziert sind, verdeckt hat. Beim Vorbeigehen jedes Mal berührt ist der Projektleiter auch von der Rücksichtnah-me des Friseurgeschäfts Väth in der Maingasse. Tag für Tag steht ein Blumenkübel etwas deplatziert, um dem Stolperstein dort Geltung zu verschaffen. So schenkt die Wertheimer Öffentlichkeit dem Projektlei-ter und Autor dieser Zeilen immer wieder Kraftquellen, das Projekt mit großer Freude weiter zu betreuen.

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