Zwist um Ende der Teilzeitfalle

Arbeit: Ministerin Nahles will Rückkehrrecht auf einen Job in Vollzeit durchsetzen - Wirtschaft und Union dagegen

Berlin
3 Min.

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Immer mehr Frauen wollen längere Teilzeitjobs
Teilzeit oder Vollzeit? Foto: Daniel Naupold (dpa)
Foto: Daniel Naupold (dpa)
Die Kin­der ge­hen in die Schu­le, den El­tern im Ren­te­nal­ter geht es gut, jetzt bleibt mehr Zeit für Be­ruf und Job. Doch macht der Chef bei der Auf­sto­ckung von der Teil­zeit­s­tel­le in den Voll­zeit­job mit? Um Klar­heit zu schaf­fen, will Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin And­rea Nah­les (SPD) per Ge­setz ei­nen An­spruch auf die Rück­kehr in die vol­le Stel­le fest­klop­fen. Doch seit Wo­chen hängt der Ent­wurf in der Res­sort­ab­stim­mung fest.
Der Streit um die befristete Teilzeit soll im Koalitionsausschuss in der kommenden Woche zur Sprache kommen.
Der aktuelle Entwurf sieht vor, dass Beschäftigte ihre Vollzeitstelle für einen bestimmten Zeitraum reduzieren können. Der Anspruch gilt für Firmen ab 15 Mitarbeitern. Wer weniger arbeiten will, muss wenigstens sechs Monate dort beschäftigt sein. Gründe für die befristete Teilzeit muss er oder sie nicht angeben. Auch aus betrieblichen Gründen darf nichts gegen die verkürzte Arbeitszeit sprechen. Sind alle Punkte erfüllt, könnten Arbeitnehmer künftig befristet in Teilzeit arbeiten und dann nach einer bestimmten Zeit wieder aufstocken.
Nahles hofft, dass mit dem Rechtsanspruch mehr Frauen in Vollzeit arbeiten. Aber auch Männer könnten durch das Gesetz mutiger werden und zeitweise weniger arbeiten. Es geht um mehr Flexibilität, darum, dass der Job besser zum Lebensalltag passt. Es geht um nichts weiter, als die Frage: Wie wollen wir in Zukunft arbeiten?
Karl Schiewerling, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ist im Prinzip für ein flexibles Teilzeitrecht. Aber: »Für kleine Unternehmen mit 15 Mitarbeitern ist es oft allein durch die Größe des Betriebes schwierig, auf die Flexibilitätswünsche der Mitarbeiter genügend zu reagieren«, sagt Schiewerling. Das Gesetz schaffe neue Bürokratie für die Unternehmen. Der CDU-Politiker spricht sich für eine Erhöhung der Mitarbeitergrenze bei den Firmen aus.
Mit dieser Haltung ist Schiewerling nicht allein. Für René Bohn, Arbeitsmarktexperte beim Verband der Familienunternehmer, birgt das Gesetz etliche Fallstricke. »Es ist völlig unklar, ob tatsächlich alle Teilzeitbeschäftigten mit dem Gesetz Vollzeitstellen einfordern können«, sagt Bohn. Er plädiert dafür, dass das Gesetz erst für Betriebe mit mehr als 100 Mitarbeitern gelten soll. Warum Firmen Jobs in Teilzeit anbieten, hat Bohn zufolge nicht nur mit den Wünschen der Mitarbeiter zu tun, sondern mit den betrieblichen Aufgaben. Das müsse das Gesetz berücksichtigen.
Laut einer OECD-Studie sind in Deutschland rund 70 Prozent der Mütter erwerbstätig, nur 30 Prozent arbeiten in Vollzeit. Andere Umfragen haben errechnet, dass mehr als 40 Prozent der Frauen in Teilzeit arbeiten, aber nur sieben Prozent der Männer. Über ein Drittel der Teilzeitbeschäftigten würde aber gerne länger arbeiten. Als Grund für die Teilzeit geben die Frauen vor allem schlechte Betreuungsangebote für ihre Kinder an. Auch wenn die Erziehung nicht mehr so viel Zeit beansprucht, schaffen viele Frauen nicht den Sprung in die Vollzeit. Experten sprechen von einer »Teilzeitfalle«. Die Folgen sind langfristig spürbar. Weniger Arbeitsstunden heißt weniger Einkommen. Ein geringeres Gehalt bedeutet weniger Rente.
Arbeitsmarktexperte Bohn hält nichts von der »Teilzeitfalle«. Wer mehr arbeiten will, sollte das Gespräch mit dem Chef suchen, sagt er. »Die Bereitschaft von Unternehmern ist enorm hoch, gerade bei gut ausgebildeten Fachkräften Kompromisse einzugehen.« Ein Gesetz sei dafür nicht nötig.
Auch der Verband der Unternehmerinnen bezweifelt, dass ein solches Gesetz überhaupt gebraucht wird. »Nach unseren Erfahrungen gehen die geplanten Regelungen am Bedarf vorbei«, sagt Claudia Große-Leege, Geschäftsführerin des Verbands. In vielen Firmen bemühe man sich Mitarbeiterinnen zu motivieren, mehr zu arbeiten. Aber das sei nicht immer erfolgreich. Für Große-Leege ist die zusätzliche Regulierung in Zeiten des Fachkräftemangels »kontraproduktiv«. Der Verband plädiert für flexible Arbeitszeitmodelle und für passgenaue Vereinbarungen mit den Arbeitgebern im Interesse der Unternehmerinnen und der Beschäftigten.
Gewerkschaften für Nahles-Plan
Für die Gewerkschaften sind die Nahles-Pläne ein Fortschritt. Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied, sieht aber Schwierigkeiten bei der Durchsetzung. Schließlich kann das Unternehmen aus betrieblichen Gründen den Wunsch seines Mitarbeiters ablehnen. »Beschäftigte müssen dann vor Gericht gehen und die rechtskräftige Entscheidung abwarten«, sagt Buntenbach. »Das ist gerade für zeitlich begrenzte Reduzierungswünsche nicht wirklich praktikabel und müsste dringend korrigiert werden.« Positiv dagegen sieht sie die sogenannte Beweislastumkehr. Will der Mitarbeiter wieder aufstocken, doch der Chef lehnt ab, muss die Geschäftsleitung nachweisen, warum. Die Angst der Arbeitgeber vor zu viel neuer Bürokratie wiegelt sie ab. »Vor dem Hintergrund einer auf vier Paragrafen beschränkten Regelung, die sich nahtlos in das bestehende System des Teilzeitrechts fügt, klingt das wenig überzeugend«, sagt Buntenbach.
Ministerin Nahles drückt bei der Umsetzung ihrer Pläne nun aufs Tempo. Schließlich soll der Gesetzesentwurf zur befristeten Teilzeit noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden. In der nächsten Woche kommen die Spitzen der großen Koalition zusammen. Nahles' Pläne stehen wohl auch auf der langen Liste, die Union und SPD abarbeiten müssen.
TANJA TRICARICO
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