Weltverbrauchertag? Keine Ahnung!

Seit 1983 wird am 15. März der Tag begangen

BERLIN
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Um einem Missverständnis vorzubeugen: Am Weltverbrauchertag geht es um Aufklärung von (potenziellen) Kunden, nicht um besonders viel Konsum. Foto: Carsten Koall (dpa)
Foto: Carsten Koall
Da sch­reit doch die der­zei­ti­ge wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on nach die­sem The­ma - und Po­li­tik, Ver­wal­tung, In­du­s­trie, Han­del, Hand­werk las­sen es (wie­der ein­mal) lie­gen statt ge­ra­de jetzt mit Rat und Tat zu in­for­mie­ren. Aber so ist das schon seit Jah­ren:

Der jährlich am 15. März begangene Weltverbrauchertag zählt zu den gerne übersehenen unter all den Gedenktagen im Jahreslauf.

Dabei böte sich zu Inflationszeiten das internationale Thema »Der nachhaltige Verbraucher« für diesen Dienstag besonders an. Nur hat sich Deutschland - also die Bundesregierung - für ein eigenes Thema, »Die Macht der Daten«, entschieden. Auf der Homepage der Bundesregierung wird zwar nach eigenen Angaben »Verbraucherschutz ?großgeschrieben« und gleich mal darauf verwiesen, die Bundesregierung wolle »mit annähernd 100 Maßnahmen die Situation der Verbraucher konkret verbessern«: Gleich der erste Punkt - »sozial faire Energiepreise« - wirkt da aber wie (unfreiwillige) Satire.

Vier Rechte

Der Weltverbrauchertag wurde erstmals am 15. März 1983 gefeiert. Er geht auf US-Präsident John F. Kennedy zurück, der im März 1962 vier Verbraucherrechte formulierte: das Recht auf sichere Produkte, umfassende Information, freie Wahl und das Recht, gehört zu werden. In Deutschland war das Engagement in Politik und Wirtschaft, aber auch bei themenbezogenen Verbänden anfangs vergleichsweise hoch - zumindest was das Aufstellen von Forderungen anbelangt. So verlangten noch 2006 die bundesdeutschen Verbraucherzentralen in einer gemeinsamen Erklärung ein Schulfach für Verbraucherwissen - eine Forderung, der sich die damalige FDP-Bundestagsfraktion anschloss.

Erst über neun Jahre später - am 3. Dezember 2015 - legte die Kultusministerkonferenz ihren »Bericht zur Verbraucherkompetenz von Schülerinnen und Schülern« vor - mit einem politisch desaströsen Fazit: »Es liegen demnach keine Studien vor, die im Sinne des Arbeitsauftrages herangezogen werden können. Weder die Pisa-Sonderstudie zum Kreativen Problemlösen noch die weiteren Studien bieten ausreichend geeignete Ansatzpunkte zur systematischen Evaluierung der Verbraucherkompetenz von Schülerinnen und Schülern.« Oder einfach ausgedrückt: Das Thema wurde schlicht und einfach nicht behandelt.

Noch einmal etwas mehr als sechs Jahre später - Frühling 2022 - gibt es tatsächlich in einigen Bundesländern Unterrichtsfächer »Verbraucherbildung« im weitesten Sinne. Bayern beispielsweise bietet seit diesem Schuljahr ein Gesamtkonzept »Alltagskompetenzen - Schule für´s Leben« mit den sechs Handlungsfeldern Ernährung, Gesundheit, Haushaltsführung, Umweltverhalten, Selbstbestimmtes Verbraucherverhalten und Digital handeln mit je einer verbindlich vorgeschriebenen Projektwoche in den Jahrgangsstufen 1 bis 4 sowie in den Jahrgangsstufen 5 bis 9. Baden-Württemberg hat seit 2016 fächerübergreifend Verbraucherbildung in den Bildungsplan aufgenommen. Verbraucherbildung kann laut Kultusministerium »in nahezu alle Schulfächer integriert werden. Sie umfasst Themen zur Lebensführung wie Ernähren, Kleiden, Wohnen und Gesundheit sowie den nachhaltigen Konsum, aber auch die Ressourcen, die Finanzen, die Verbraucherrechte sowie den Umgang mit den Medien in der digitalen Welt.«

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz setzt sich mit der Verbraucherzentrale Bundesverband dafür ein, dass die Verbraucherbildung verbindlich in den Unterricht integriert wird, damit Kinder und Jugendliche zu verantwortungsvollen Konsumenten werden. Damit stehen die beiden nicht allein. Der Ruf nach einem bundesweit verbindlichen Schulfach Verbraucherbildung wird von allen Seiten lauter: Selbst bei der Jahrestagung des Deutschen Ethikrats im vergangenen Jahr forderten gleich mehrere Redner, das Wissen über gesunder Ernährung müsse »im Bildungsbereich stärker berücksichtigt werden«. Verbraucherbildung müsse in Schulen und Universitäten verankert wer­den.

Spitze des Zuges

2006 war - ganz nebenbei - »Energie - nachhaltiger Zugang für alle« das Motto des Weltverbrauchertags. 2022 stöhnen wir über explodierende Energiepreise und bekommen medialen Nachhilfeunterricht über kostensparendes Heizen und Alternativen zum Automobil-Verkehr. Tatsächlich war der Weltverbrauchertag 2006 in Deutschland ein Wendepunkt. Danach erlosch das öffentliche Interesse an ihm schlagartig. Über den Grund lässt sich nur spekulieren - ein Blick in das Archiv der Deutschen Welle hilft dabei: »Das Jahr 2006 war ein spannendes Jahr für die Weltwirtschaft. Denn während die US-Konjunktur langsam wieder abflaut, kommt Europa erst richtig in Schwung. Und Deutschland ist nicht mehr das Schlusslicht in Europa, sondern setzt sich an die Spitze des Konjunkturzuges.«

Wer vorne ist, macht sich in der Regel wenige bis keine Gedanken darüber, möglicherweise eines Tages wieder hinten zu stehen. Immerhin hat die Ampel-Koalition in ihrem gemeinsamen Programm ja »100 Maßnahmen« im Sinne von Verbrauchern versprochen. Die Zeit dafür jedenfalls ist gekommen, um sie auch anzupacken.

bBundesregierung: https://www.bundesregierung.de (Suchbegriff Weltverbrauchertag)

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