Ein Wirtschaftsfaktor erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Kultur- und Kreativwirtschaft: Am Untermain entdecken Branchenangehörige neben ihrer ökonomischen Bedeutung gemeinsames Handeln als Erfolgsgeheimnis

Aschaffenburg
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Ott­mar Hörl (Wert­heim), Prä­si­dent der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in Nürn­berg, ist be­kannt für kla­re Wor­te - und so sorg­te 2009 bei ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on des Neu­en Kunst­ve­r­eins Aschaf­fen­burg Hörls Hin­weis bei den an­we­sen­den Künst­lern für Un­mut, dass sei­ne Kunst an den Na­gel hän­gen soll­te, wer da­mit kei­nen wirt­schaft­li­chen Er­folg ha­be.
Sieben Jahre später sind Kunsttreibende sowie Kunst- und Kreativschaffende am Bayerischen Untermain stolz darauf, von ihrer Arbeit leben zu können - oder zu wollen. An die 1000 Adressaten der Kultur- und Kreativwirtschaft hatte die IHK Aschaffenburg zur Veranstaltung »Kreativ am Bayerischen Untermain« angeschrieben. Und an die 100 - vom DJ bis zum Vertreter des Fraunhofer-Instituts - kamen am Donnerstagabend tatsächlich in das Aschaffenburger Casino-Kino, wo die Plattform für Netzwerken und zum Anstoß gemeinsamer Projekte ausgegossen wurde.
Unternehmensvorstellungen aus der Branche und eine Podiumsdiskussion erzählten Erfolgsgeschichten von Kunst- und Kreativarbeitenden zwischen Alzenau und Amorbach - perspektivisch wichtiger nicht nur für das Publikum im Kinosaal ist die für September angekündigte Gründung des IHK-Arbeitskreises »Kultur- und Kreativwirtschaft« und der kurz darauf folgende Beratungstag des Bayerischen Zentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft in Aschaffenburg . Versteht sich der Arbeitskreis eher als Ideenbörse für die kulturelle Entwicklung der Region, bietet der Beratungstag praktische Informationen zu Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten, Kundenakquise, Aufbau von Geschäftsmodellen.
Sehr klar wurde am Donnerstagabend: Das Motto »Kreativ am Bayerischen Untermain« spielt auf drei Handlungsebenen mit unterschiedlichen Akteuren:
• Der Künstler oder Kreativschaffende muss sich selbst positionieren, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben. Siggi Schlee und Marco Gleixner von der gleichnamigen Aschaffenburger Design- und Werbeagentur dokumentierten ihre eigenen Wege, um in der vermeintlichen Provinz zu gefragten Partnern der globalen Wirtschaft zu werden.
• Künstler und Kunstformen müssen genregerecht und auch -übergreifend kommunizieren, um gemeinsam auf sich aufmerksam zu machen. IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Freund verwies auf die Alltagswahrnehmung, in der selten genug realisiert werde, »wie heterogen Kunst- und Kreativwirtschaft ist«.
• Jeder kulturelle und künstlerische Beitrag ist eine infrastrukturelle Stärkung für Kommunen und Szenen. Wenn der Hösbacher Musikproduzent Daniel Stenger selbstbewusst darauf verwies »Ich mache mich zum Standort«, dann meinte er damit: Im digitalen Zeitalter brauchen Kunstschaffende keine Metropolen mehr, um sich zu inspirieren - und die potenziellen Kunden in eben diesen Metropolen erhalten trotzdem die geforderte Leistung. Dass außerhalb der Zentren dennoch Aufbauarbeit für die Branche notwendig ist, dokumentierte der Abend trotzdem. Das im März vergangenen Jahres in Nürnberg von Wirtschaftsministerin Ilse Aigner eröffnete Zentrum soll vorerst bis Ende 2019 beraten und fortbilden, vernetzen und kooperieren - und Kultur- und Kreativschaffende mit anderen Branchen der bayerischen Wirtschaft zusammenbringen. Denn das eigentliche Problem abseits der Großstädte ist die Kommunikation innerhalb der Branche: 97 Prozent der Unternehmen in der bayerischen Kultur- und Kreativwirtschaft sind dem Bereich »Kleinst-« oder »Mikro-« zuzurechnen - sind also vom Wust des Arbeitsalltags oft genug überfordert.
Miteinander tut da also gut - und so sieht denn Claus Berninger nur Vorteile in einer Aufbruchstimmung der IHK, den Bereich Kultur aus der Wahrnehmung einer wirtschaftlichen Randständigkeit zu holen. Der Betreiber des Aschaffenburger Colos-Saals - dessen Bühne selbst Plattform für Künstler ist - glaubt vor allem wegen der Vernetzungsmöglichkeiten an eine Entwicklung des Casino-Aufbruchs: »Was als nächstes kommen wird, sind die Kooperationen über verschiedene Bereiche hinweg«, prognostizierte Berninger am Freitag im Gespräch mit der Redaktion.
Was wiederum kreative Spielräume eröffnet: Denn neun Jahre, nachdem die Bundesregierung die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft ins Leben gerufen, und sieben, nachdem die Wirtschaftsministerkonferenz den Begriff erstmals definiert hat, erkennen Beteiligte noch immer viel zu selten, wie sehr sie voneinander profitieren (für ein positives Beispiel siehe »Gemeinsam geht es besser«). Dass die Referenten vom Donnerstag ausnahmslos ihren künstlerischen Erfolg auch von ihrem wirtschaftlichen - und damit von Dritten - abhängig machten: Ottmar Hörl hätte es wirklich gefreut. > Seite 3
Stefan Reis
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