Fragen und Antworten: Vierte Corona-Impf-Dosis oder nicht?

Lauterbach rät dazu, Fachleute winken ab

Berlin
3 Min.

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Wer über ei­ne zwei­te Boos­ter-Do­sis der Co­ro­na-Imp­fung nach­denkt, kann sch­nell den Durch­blick ver­lie­ren: Rat­schlä­ge aus Po­li­tik, Be­hör­den und von der Stän­di­gen Impf­kom­mis­si­on (Sti­ko) un­ter­schei­den sich. Wer emp­fiehlt was?

Die für Impfempfehlungen in Deutschland zuständige Stiko hält eine zweite Auffrischimpfung bisher nur für Teile der Bevölkerung für sinnvoll: etwa für Menschen ab 70 Jahren, Patienten mit unterdrücktem Immunsystem, Pflegeheimbewohner und Personal medizinischer Einrichtungen. Weitere Fachleute stärkten der Stiko in den vergangenen Monaten bei dieser Frage den Rücken.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hingegen drängt immer wieder auf mehr Viertimpfungen und brachte diese zuletzt für alle gesunden Erwachsenen ins Spiel.
Dann sind da noch zwei EU-Behörden: ECDC und EMA riefen die Mitgliedsstaaten auf, zweite Booster schon ab 60 Jahren anzubieten. 

Wie begründet Lauterbach seinen Rat für unter 60-Jährige?

Wolle man den Sommer ohne Risiko einer Erkrankung genießen, würde er die zweite Auffrischimpfung - »in Absprache natürlich mit dem Hausarzt« - auch Jüngeren empfehlen, sagt Lauterbach. Mit der zweiten Booster-Impfung habe man »eine ganz andere Sicherheit«. Er argumentiert mit einem für ein paar Monate deutlich verringerten Infektionsrisiko und deutlich geringerem Long-Covid-Risiko.

Was sagen Kritiker dieser Forderung?

Der Virologe Mertens sagt, er kenne keine Daten, die den Ratschlag von Lauterbach rechtfertigten. »Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto »viel hilft viel« auszusprechen.« Die EU-Behörden ECDC und EMA hielten fest, dass es derzeit keine klaren epidemiologischen Beweise gebe, die die Gabe zweiter Booster bei immungesunden Menschen unter 60 Jahren stützen - es sei denn, Patienten hätten gesundheitliche Schwachstellen.

Was sind die Argumente gegen Lauterbachs Rat?

Aus Sicht mehrerer Immunologen reichen für gesunde Erwachsene unter 60 die bisher von der Stiko empfohlenen drei Corona-Impfungen, um ein stabiles immunologisches Gedächtnis aufzubauen. Es biete in der Regel zumindest Schutz vor schwerer Erkrankung, Krankenhaus und Tod. Absoluten, langanhaltenden Schutz vor Infektion bringe jedoch auch Dosis vier für diese Gruppe nicht. Wer zum Beispiel vor dem Urlaub keine Ansteckung mehr riskieren wolle, solle sich durch Maske, Abstand und Kontaktreduktion schützen, rät Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Auch Epidemiologe Hajo Zeeb geht von einem allenfalls geringen Vorteil der zweiten Booster-Impfung für unter 60-Jährige aus, insbesondere wenn Menschen auch noch zwischenzeitlich erkrankt waren.

Welche Rolle spielt der Impf-Zeitpunkt?

Der ist keineswegs nebensächlich. Schließlich wird für den Herbst nicht nur wieder eine Zunahme des Infektionsgeschehens erwartet - sondern auch Vakzine, die an Omikron angepasst sind. Es dürfte also nochmal eine größere Impfkampagne anstehen. Allerdings ist momentan ungewiss, mit welchen Mutationen das Virus bis dahin aufwartet und für wen dann erneute Impfempfehlungen ausgesprochen werden.


Was man aber sagen kann: Impfabstände von mehreren Monaten haben sich laut Stiko-Mitglied Christian Bogdan als vorteilhaft erwiesen für die Stärke der ausgelösten Immunantwort und für die daraus resultierende Schutzdauer. »Besonders wichtig ist, dass eine Booster-Impfung - also die dritte Impfung - in einem deutlichen Abstand zur zweiten Impfung stattfindet«, im Idealfall nicht früher als sechs Monate danach. Dies gelte auch für einen möglichen zweiten Booster. Dieser Abstand gewährleiste eine Steigerung der Immunantwort. Impfe man jedoch in eine laufende Immunantwort hinein, sei der Effekt stark abgeschwächt.

Kann die vierte Dosis auch anderweitig kontraproduktiv sein?

Stiko-Mitglied Bogdan sagt, dass es zur Frage des möglichen Schadens von zusätzlichen, klinisch nicht angezeigten Impfungen bisher für die Covid-Impfstoffe keine umfassenden immunologischen Untersuchungen gebe. Manche Experten verweisen zwar darauf, dass etwa von wiederholten Impfungen etwa gegen Pocken oder Influenza keine negativen Effekte bekannt seien - ebenso wenig bei den Einzelfällen, in denen sich Menschen etliche Male gegen Covid-19 impfen ließen.

Jetzt bitte Klartext: Sollte ich mir den zweiten Booster holen?

Zum jetzigen Zeitpunkt kann man diese Frage nicht pauschal beantworten. Es hängt auch davon ab, wie gut das Immunsystem des Einzelnen auf die ersten drei Impfungen reagiert hat. Der Immunologe Andreas Thiel von der Berliner Charité sagt, für »manche wenige« Menschen unter 60 könnte die vierte Impfung essenziell sein - allerdings könne man die nicht einfach erkennen. Für die meisten in dieser Altersgruppe sei eine vierte Dosis dagegen nicht wirklich essenziell.

Allerdings kann der Hausarzt bei der Entscheidung helfen. Gesetzlich zuständig für Impfempfehlungen ist die Stiko, auch viele Ärzte richten sich nach ihren Ratschlägen. Mediziner dürfen auch ohne Stiko-Empfehlung einen zweiten Booster spritzen.

Wie steht es um den Impfstatus der Nation?

Abgesehen von der Frage nach mehr Viertimpfungen: Schon gemessen an den bisherigen Stiko-Empfehlungen klaffen einige Impflücken. Das Robert Koch-Institut gab in einem Bericht vom Juli an, dass noch etwa 1,3 Millionen Menschen ab 60 Jahren und rund 7,9 Millionen Erwachsene unter 60 ihren Impfschutz mit mindestens einer Impfung auffrischen müssten. Noch gar keine Impfung erhalten hätten 1,9 Millionen Menschen ab 60 und 7,3 Millionen Erwachsene unter 60 Jahre.

Der Intensivmediziner Stefan Kluge berichtete auf Twitter, dass immer wieder Risiko-Patienten mit unvollständiger Corona-Impfserie aufgenommen würden. »Diese Impflücken sollten geschlossen werden«, appelliert er.

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