Streit und Sorge um ukrainisches Atomkraftwerk

Enerhodar (dpa)
2 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

AKW Saporischschja
Ein russischer Soldat bewacht einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja.
Foto: -/AP/dpa
Das AKW Saporischschja im Süden der Ukraine ist in der Hand von russischen Truppen. Moskau will die Anlage auf die Krim umstellen, der ukrainische Atomkonzern droht in diesem Fall mit einer Zerstörung der Stromleitung.

Das von russischen Truppen besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja ist trotz des Beschusses vor wenigen Tagen weiter in Betrieb. «Das AKW Saporischschja funktioniert mit dem Risiko von Verstößen gegen die Vorgaben der Strahlungs- und der Brandsicherheit», teilte der Kraftwerksbetreiber Enerhoatom im Nachrichtendienst Telegram mit.

Zuvor hatte der Chef der Behörde die russischen Truppen beschuldigt, mit dem Beschuss das Kraftwerk vom ukrainischen Netz abkoppeln zu wollen. Aktuell sind nach der Notabschaltung eines Blocks zwei Reaktoren des Kraftwerks in Betrieb.

Das größte Atomkraftwerk Europas

Das Kraftwerk im Ort Enerhodar im südukrainischen Gebiet Saporischschja ist mit sechs Blöcken und einer Nettoleistung von 5700 Megawatt das größte Atomkraftwerk Europas. Die russische Armee eroberte es Anfang März kurz nach dem Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine. Kiew und Moskau werfen sich gegenseitig den Beschuss des Geländes am vergangenen Wochenende vor.

Am Dienstag hatte der Chef von Enerhoatom, Petro Kotin, den Russen vorgeworfen, gezielt drei Hochspannungsleitungen zerstört zu haben. Damit solle der Anschluss des Atomkraftwerks an die 150 Kilometer entfernte Halbinsel Krim vorbereitet werden.

«Um das AKW auf die Krim umzustellen, müssen sie den gesamten Süden der Ukraine, den besetzten Teil der Gebiete Cherson und Saporischschja abschalten», erläuterte Kotin im Fernsehen. Danach würden diese Gebiete schrittweise von der Krim aus wieder ans Stromnetz angeschlossen und seien dann mit dem russischen Stromnetz synchronisiert. Dann könne das AKW Saporischschja nicht mehr an das ukrainische Energienetz angeschlossen werden.

Hintergrund ist eine Mitteilung vom Juli, wonach die 2015 zerstörten Stromleitungen zur von Russland annektierten Krim repariert worden seien. Zudem hatte die Ukraine sich mit dem benachbarten Moldau kurz nach Kriegsbeginn Ende Februar vom ehemals sowjetischen Stromnetz abgekoppelt. Im März hatten sich beide Staaten dann an den europäischen Stromnetzverbund angeschlossen.

Moskau: Welt «wandelt am Abgrund»

Bezüglich der Eskalation um das Atomkraftwerk Saporischschja hat das russische Außenministerium schwere Vorwürfe gegen die Vereinten Nationen erhoben. «Die UN haben in dem vorliegenden Fall leider eine negative Rolle gespielt», sagte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa dem staatlichen russischen Radiosender Sputnik.

Die Diplomatin warf den verantwortlichen Stellen in den Vereinten Nation vor, eine Inspektionsreise der Internationalen Atombehörde (IAEA) verhindert und damit eine Eskalation der Lage provoziert zu haben. «Im UN-Sekretariat, welches sich mit Problemen der Atomenergie befasst, darunter auch mit den Folgen technischer Katastrophen und der Problematik im weitesten Sinne, sollten sie begreifen, dass die Welt am Abgrund wandelt», erklärte Sacharowa.

Das russische Außenministerium hatte schon am Dienstag in einer Mitteilung beklagt, dass eine geplante Reise der IAEA-Vertreter zu dem Atomkraftwerk in letzter Minute an Sicherheitsbedenken des UN-Sekretariats gescheitert sei. Sacharowa legte nun nach und sprach von «verantwortungslosem Handeln». Für Donnerstag hat Russland hat eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats beantragt. Der Rat soll von IAEA-Chef Grossi über den Zustand des AKW unterrichtet werden.

G7 fordern ukrainische Kontrolle

Die Außenminister der sieben führenden demokratischen Wirtschaftsmächte (G7) haben Moskau aufgefordert, Saporischschja unverzüglich wieder der vollständigen Kontrolle der Ukraine zu unterstellen. «Das ukrainische Personal, das für den Betrieb des Kernkraftwerks Saporischschja verantwortlich ist, muss in der Lage sein, seinen Aufgaben ohne Drohungen oder Druck nachzukommen», teilte das Auswärtige Amt in Berlin in einer Erklärung der G7-Außenminister mit. «Es ist Russlands fortdauernde Herrschaft über das Kernkraftwerk, die die Region gefährdet», kritisierte die Runde.

Die G7 bezogen ihre Forderung auch auf sämtliche anderen kerntechnischen Anlagen innerhalb der international anerkannten Grenzen der Ukraine, um deren sicheren und gesicherten Betrieb zu gewährleisten. Deutschland führt in der G7-Runde derzeit den Vorsitz, zu ihr gehören auch Frankreich, Großbritannien, Italien, die USA, Kanada und Japan.

Die G7-Außenminister warnten, das Vorgehen Russlands erhöhe das Risiko eines nuklearen Unfalls oder Zwischenfalls erheblich und gefährde die Bevölkerung der Ukraine, die Nachbarstaaten sowie die Weltgemeinschaft.

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!