Wischen mal ganz wichtig

Gedenktag: Heute ist Weltputzfrauentag - Initiatorin Gesine Schulz arbeitet längst nicht mehr in der Branche

Aschaffenburg
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Wirbeln für Sauberkeit, Dasein im Verborgenen: Putzfrau.
Foto: Imago
»Darf ich?« Der Mann steckt seinen Kopf durch die Tür und wartet höflich auf die Aufforderung zum Eintreten. Wenn es mal später wird in der Redaktion, kann man ihm begegnen. Diesem unsichtbaren Geist, der bewaffnet mit Staubsauger, Wischtüchern, Glasreiniger und Müllbeuteln von Raum zu Raum eilt. Und dafür sorgt, dass man sich wohl fühlt und arbeiten kann in einem sauberen Umfeld.
Gefeiert wird er dafür am heutigen Montag, den 8. November. Es ist nämlich Weltputzfrauentag - wohl gemerkt nicht Weltputzmännertag. Dabei sorgt er genau so wie seine weiblichen Branchenkollegen dafür, dass der Dreck weggeräumt wird. Tagtäglich. Und seine Branche boomt. 2008 waren in der Gebäudereinigung und Raumpflege in Deutschland rund 916 000 Menschen beschäftigt - 47 Prozent mehr als 15 Jahre zuvor.
Und damit diese Reinemacher auch mal zu offiziellen Ehren kommen, hat man den Weltputzfrauentag erfunden. Vielmehr Gesine Schulz hat das. Die aus dem Ruhrgebiet stammende Initiatorin war selbst mal Putzfrau, hat aber inzwischen die Branche gewechselt und verdingt sich nun als Krimiautorin. Hat den Schrubber gegen eine
Computertastatur getauscht.
Zwischen dem 7. November, dem Tag der Oktoberrevolution, und dem 9. November, an dem der Reichspogromnacht 1938 und des Mauerfalls 1989 gedacht wird, kommen also die Reinemacher beiderlei Geschlechts zu Ehren. Die
können dann mal richtig ausspannen, die Füße hoch legen und den lieben Staubsauger ein gutes Gerät sein lassen? Schön, aber unrealistisch. Denn einen Tag ohne Schmutz, ohne Dreck gibt es nicht. Also: weiter wischen.
Aber wer - wenn schon nicht die Geehrten - braucht diesen Gedenktag dann? Nie taucht er im Alltag auf. Ist nicht im allgemeinen Gedächtnis präsent. Denn die gesellschaftliche Anerkennung für ihre Leistungen bleibt Putzkräften auch trotz Gedenktages oft verwehrt, die offiziellen Mindestlöhne sind mit 8,40 Euro pro Stunde in den alten und 6,83 Euro in den neuen Bundesländern immer noch sehr niedrig. Obwohl britische Forscher kürzlich herausfanden, dass eine Reinigungskraft mehr für das Funktionieren der Gesellschaft leistet als ein Spitzenbanker.
In Wahrheit sind Gedenktage wohl nur für die Medien erfunden worden, damit sie darüber spekulieren können, warum es so etwas wie Weltputzfrauentage gibt.
Wischen wird für genau
einen Tag ganz wichtig. Und verschwindet dann wieder in der Bedeutungslosigkeit. Und noch nicht mal die, die das hinterlassen, was das Heer von Wischfeen und Saubermännern Tag für Tag beseitigt, können etwas damit anfangen. »Weltputzfrauentag? Wer braucht denn so was?«, fragt der Kollege irritiert. Und lässt sich selbstverständlich an seinem sauberen Schreibtisch nieder. Bettina Kneller
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