Wenn Hautschuppen zum Täter führen

Bayerische Kriminaltechnik:Immer feinere Analysemethoden führen zu immer mehr Arbeit im Landeskriminalamt

MÜNCHEN
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Das DNA-Labor des Bayerischen LKA stößt an seine Grenzen. Foto: Sven Hoppe (dpa)
Foto: Sven Hoppe

Die Kriminaltechnik geht in Bayern bei der Analyse von DNA-Spuren neue Wege. Seitdem der Landtag im Mai 2018 die umstrittene Novelle des Polizeiaufgabengesetzes (PAG) verabschiedete, können die Wissenschaftler des Bayerischen Landeskriminalamts (LKA) das Aussehen eines Täters rekonstruieren - ohne ihn jemals gesehen zu haben.

Sebastian Grün ist einer der DNA-Analytiker am Kriminaltechnischen Institut (KTI). Er steht in einem der Labore im Zentrum Münchens. Um ihn herum Geräte so teuer wie mehrere Einfamilienhäuser, »Hightech vom Feinsten«, schwärmt der promovierte Biologe. Er deutet auf den Bildschirm. Es geht um die sogenannte Phänotypisierung. Grün erklärt: »Wir haben eine Spur und wir haben einen unbekannten Täter. Können wir etwas über dessen Eigenschaften lernen?« Die Antwort: Schwarze Haare. Braune Augen. Ostasiatische Abstammung. Was einfach klingt, ist für die Kriminaltechnik ein Meilenstein.

Bestimmung der Augenfarbe

Bislang durften er und seine Kollegen nur den Teil der DNA auslesen, der keine Erbinformationen enthält - umgangssprachlich genetischer Fingerabdruck genannt. Die Idee dahinter: Die DNA jedes Menschen hat einen individuellen Bauplan. Finden Ermittler am Tatort eine Spur, wird diese mit einer bundesweiten Datenbank abgeglichen.

Das neue Werkzeug der Phänotypisierung ist umstritten, denn die Bestimmung der geografischen Herkunft, Augen- und Haarfarbe fußt lediglich auf Wahrscheinlichkeiten. Sie ist damit nicht absolut beweissicher. Ein weiteres Problem: Die Erbinformation eines Menschen spiegelt das Aussehen im späten Kindes- und Jugendalter. Doch Haare kann man färben, irgendwann werden sie grau. Das wird bei der Untersuchung nicht berücksichtigt. Auch das Alter kann noch nicht präzise ermittelt, bei der Herkunft kann die DNA nur grob einem Kontinent zugeordnet werden. Grün: »Da ist noch viel Luft nach oben.« Aber die Technik schreite rasant voran.

Gleiches gilt auch für komplexe Mischspuren, bei denen die Zellen in einer Tatortprobe von mehreren Personen und aus verschiedenen Geweben - etwa Speichel, Sperma, Blut oder Schweiß - stammen. Ein neues Gerät soll es dem KTI bald ermöglichen, die einzelnen Zellen zu sortieren, um so den Tathergang besser rekonstruieren zu können.

Vor neuen Herausforderungen stehen auch die Kollegen ein Stockwerk höher. Michael Uhl leitet dort das Sachgebiet »Chemie«, in dem unter anderem Drogen, Gift und Sprengstoff untersucht werden. Gerade bei den Betäubungsmitteln hat das KTI über Jahrzehnte eine Routine entwickelt. Marihuana, Kokain, Ecstasy und Heroin: alles kein Problem. Mehr Kopfschmerzen bereitet Uhl die rasante Verbreitung der sogenannten neuen psychoaktiven Stoffe (NpS).

Dabei handelt es sich um rauschgiftartige Stoffe, die in Laboren in Asien chemisch hergestellt, in Europa auf harmlose Pflanzen aufgetragen und teilweise legal verkauft werden. Die Kräutermischungen dienen Jugendlichen als Joint-Ersatz, wirken aber stärker. Konsumenten kennen weder Inhaltsstoffe noch Dosierung. Das sei, als wüsste man nicht, ob man Weißbier oder Schnaps trinkt, erklärt Uhl.

Markt wird geflutet

Seit 2007 wurde der Markt mit Hunderten Stoffen geflutet - eine Herausforderung für die Kriminaltechnik. Immer neue Moleküle müssen identifiziert und katalogisiert werden. Nur so können sie ins Betäubungsmittelgesetz aufgenommen und verboten werden. Ändern Hersteller die Zusammensetzung nur geringfügig, beginnt die Arbeit von vorn.

Über die Jahrzehnte ist die Kriminaltechnik in einen Teufelskreis geraten: Durch intensive Forschung wird die Analytik zwar immer genauer, die Untersuchungen aber auch aufwendiger. Heute kann eine winzige Hautschuppe den entscheidenden Hinweis liefern. Das hat sich bei den Ermittlern im Freistaat herumgesprochen. Immer mehr Tatortspuren landen auf den Labortischen des Münchner Instituts. Allein nach dem Bombenanschlag in Ansbach vor drei Jahren mussten mehr als 700 Gegenstände auf DNA-Spuren untersucht werden - unter hohem Zeitdruck. Dazu kommen Altfälle, sogenannte »cold cases«, die nach Jahrzehnten neu aufgerollt werden (siehe Hintergrund).

Tausende DNA-Aufträge

2014 gingen am KTI ganze 5800 DNA-Aufträge ein, der Fachbereich stieß an seine personellen Grenzen. Seitdem werden einfache Untersuchungen systematisch an externe Labore vergeben. Genaue Zahlen kann das LKA allerdings nicht bereitstellen. Ob ein Auftrag, eine einzelne Spur oder - wie bei größeren Delikten - Hunderte enthält, wird nicht erfasst.

Hintergrund: Aschaffenburger Alt-Fall »Tatort Hasenkopf«

Vor zwei Jahren gelang es der Aschaffenburger Kriminalpolizei, einen Altfall aus dem Jahr 1988 zu lösen. Ein Mann hatte auf dem Hasenkopf-Berg zwischen Aschaffenburg und Haibach eine Frau vergewaltigt und versucht zu töten. Die Frau überlebte. Damals gesammelte Spuren konnten nicht ausgewertet werden, die Kriminaltechnik war schlicht noch nicht dazu in der Lage. 2017 schickte die Kriminalpolizei den letzten kleinen Rest einer Spur zur Kriminaltechnik nach München - die letzte Hoffnung der Ermittler. Dort gelang es Fachleuten mit den neuesten Methoden eine DNA-Spur zu finden. Durch einen Treffer in der Kriminaldatenbank war der bereits vorbestrafte Täter überführt. Er wurde verurteilt und sitzt nun im Gefängnis. (mai)

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