Von Inflation und Rezession zu einer Wirtschaftskrise?

Konjunkturerwartungen: Ökonomen teilen die Befürchtung von Bundesfinanzminister Christian Lindner - Sie sehen aber auch noch Chancen, eine tiefe Krise abwenden zu können

BERLIN
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Eine tiefe Wirtschaftskrise würde sicher auch zu mehr Unternehmensinsolvenzen führen, was einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen nach sich ziehen würde. Foto: Fernando Gutierrez-Juarez (dpa)
Foto: Fernando Gutierrez-Juarez
Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Chris­ti­an Lind­ner (FDP) hat of­fen aus­ge­spro­chen, wo­vor sich der­zeit vie­le Ver­t­re­ter von Wirt­schaft und Po­li­tik fürch­ten. »Mei­ne Sor­ge ist, dass wir in ei­ni­gen Wo­chen und Mo­na­ten ei­ne sehr be­sorg­ni­s­er­re­gen­de Si­tua­ti­on ha­ben könn­ten«, sag­te Lind­ner.

Es gehe um drei bis vier, möglicherweise fünf Jahre Energieknappheit. »Es besteht die Gefahr einer sehr ernstzunehmenden Wirtschaftskrise aufgrund der stark gestiegenen Energiepreise, aufgrund der Lieferketten-Probleme, aufgrund der Inflation«, sagte der FDP-Chef.

Schmerzhafter und teurer

Eine »ernst zunehmende Wirtschaftskrise« - das wäre schmerzhafter, kostspieliger und folgenreicher als eine kurzfristige Rezession in diesem Herbst, ein bloßer Konjunktureinbruch, der rasch wieder überwunden werden könnte. Eine Wirtschaftskrise würde länger andauern, wahrscheinlich über mehrere Jahre, wie auch Lindner erklärte. Sie könnte tiefe strukturelle Umbrüche in der Industrie auslösen, verbunden mit Wohlstands-, Wachstums- und Jobverlusten. Der Staat könnte infolgedessen weniger Steuern einnehmen als erwartet, der Verteilungsspielraum für soziale Leistungen würde geringer.

Noch ist es allerdings nicht so weit. In ihren Konjunkturprognosen für das laufende und das kommende Jahr erwarten die meisten Ökonomen nach wie vor eine wachsende Wirtschaft, wenn auch mit deutlich geringeren Raten als noch vor einigen Wochen. Doch mit jedem weiteren Kriegstag in der Ukraine und jedem weiteren Schritt des Kreml-Herrschers Wladimir Putin, der sein Gas als Waffe gegen die Europäer einsetzt, rückt Deutschland einer Rezession im zweiten Halbjahr ein bisschen näher. Sie würde per Definition bereits eintreten, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale hintereinander schrumpft. Oft ist eine solche »technische Rezession« für die Menschen kaum spürbar, wenn der Arbeitsmarkt robust bleibt und - wie derzeit noch in Deutschland - keine Entlassungen in größerem Umfang anstehen.

Eine tiefe Krise dagegen würde wohl ausgelöst, wenn Putin den Gashahn schlagartig komplett zudrehen würde. »Eine tiefgreifende Wirtschaftskrise rührt daher, dass Produktionsstrukturen im großen Stil nicht mehr marktfähig sind und umgebaut werden müssen. Das ist schlimmer als eine herkömmliche Rezession, weil eine solche Anpassungskrise länger andauert und kostspieliger für uns alle ist«, sagt Stefan Kooths, Vize-Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). »Ein Wegfall der sicheren Gasversorgung für die Industrie wäre ein solcher Krisenauslöser, ebenso wie ein dauerhaft kräftiger Preisanstieg von Gas gegenüber anderen Weltregionen. Dann wäre der Anpassungsdruck in der deutschen Industrie enorm hoch, da hängt ein Großteil der Chemieindustrie dran. Eine solche Krise könnte Jahre dauern, weil die Neuausrichtung der Produktion Zeit braucht. Sie würde insbesondere mit Produktionsschließungen und Jobverlusten in größerem Umfang einhergehen«, sagt Kooths voraus.

Enorme Herausforderungen

Krisenanfällig ist die deutsche Wirtschaft, weil auf sie ohnehin schon enorme Herausforderungen zukommen, die sich durch den Ukraine-Krieg jetzt verstärken. »Wir hatten zwischen 2006 und 2016 ein goldenes Jahrzehnt, jetzt steuern wir wohl auf ein verlorenes Jahrzehnt zu. Denn wir stehen vor einer Fülle struktureller Herausforderungen, die das Wirtschaftswachstum für eine längere Zeit belasten werden: Demografie, Dekarbonisierung, Deglobalisierung und Defizite in der Infrastruktur wirken sich negativ aus«, sagt Andreas Scheuerle, Deutschland-Experte der Dekabank. »Und nun kommt der Ukraine-Krieg noch oben drauf.« Allerdings sei es derzeit noch nicht so weit, dass man eine tiefe Krise tatsächlich erwarten müsse. Denn noch habe die Politik Möglichkeiten in der Hand, das Schlimmste abzuwenden - etwa durch die schnelle Beschaffung von alternativen Energielieferungen.

Ungut wirkt die hohe Inflation: Sie könnte sowohl kurzfristig eine Rezession herbeiführen als auch eine längere Krise vertiefen. »Durch die hohe Inflation sind die real verfügbaren Einkommen auf das Niveau von 2017 geschrumpft. Das heißt: Die Menschen werden ärmer. Die gefühlte Inflationsrate liegt viel höher als die statistisch gemessene, und zwar bei rund 20 Prozent«, sagt Scheuerle von der Dekabank. Entsprechend würden die Menschen ihre Konsumnachfrage reduzieren. Einen noch größeren negativen Effekt hätte ein radikales Umsteuern der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank: Würde sie ihre Zinsen schnell und deutlich anheben, würde die Investitionstätigkeit gestoppt, mindestens eine Rezession wäre die Folge. »Inflation führt typischerweise über die notwendige Notenbankreaktion in eine Rezession«, sagt Stefan Kooths vom Kieler IfW. > Seite 3

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