»Vielleicht werden wir bescheidener«

Rolf J. Langhammer: Ökonom meint, der Welthandel werde nicht mehr als Win-Win-Situation betrachtet

BERLIN
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Was be­wir­ken der Russ­land-Krieg und die Sank­tio­nen für die Glo­ba­li­sie­rung? Der Welt­han­del wer­de nicht mehr als Win-Win-Si­tua­ti­on be­trach­tet, ver­mu­tet Öko­nom Rolf J. Lang­ham­mer (Fo­to: ifw) vom In­sti­tut für Welt­wirt­schaft (ifw) in Kiel. Mit ihm sprach un­se­re Ber­li­ner Re­dak­ti­on.

Russland, das größte Land der Erde wird weitgehend aus der Weltwirtschaft ausgeschlossen - als Reaktion auf seinen Angriff gegen die Ukraine. Ist das ein Bruch mit dem Modell der Globalisierung seit 1990?

Schon vor der russischen Invasion bewegten sich die tektonischen Platten der Weltwirtschaft - USA, Europa und China - auseinander. Der Schock des Krieges verstärkt diese Tendenz nun. Die große Zeit der Globalisierung vom Fall der Mauer bis zur Finanzkrise ab 2008 liegt hinter uns. Während damals Kooperation, Vernetzung und freierer Handel im Mittelpunkt standen, dominiert nun der Rückzug auf den Austausch mit sicheren Partnern.

Warum rücken die großen Wirtschaftsblöcke auseinander?

China konzentriert sich zunehmend auf seinen Binnenmarkt. Die Führung betrachtet den globalen Handel als nicht mehr so wichtig für die eigene Entwicklung. Die Europäische Union denkt infolge der Corona-Pandemie an die sichere Versorgung mit strategischen Produkten wie Arzneimitteln und Computerchips. Man will Lieferketten widerstandsfähiger gegen Schocks machen sowie besser an Menschenrechten und Umweltschutz ausrichten. Der Handel innerhalb Europas und mit Partnern auf ähnlichem Einkommensniveau dürfte davon profitieren. Die USA machen Ähnliches. Präsident Joe Biden ist kein Freihändler.

Politik scheint jetzt vor Wirtschaft zu gehen - die Umkehrung der früheren Priorität?

Geoökonomische Interessen werden stärker als bisher Einfluss auf die Wirtschaftspolitik nehmen. Das Prinzip der nationalen Sicherheit spielt eine größere Rolle. Welthandel wird nicht mehr als Win-Win-Situation betrachtet. Der grenzenlose Optimismus der 1990er und 2000er Jahre ist dahin.

Die harten Sanktionen, beispielsweise das Einfrieren des Kapitals der russischen Zentralbank und der Ausschluss von Geschäftsbanken aus dem internationalen Verrechnungssystem Swift, werden vermutlich so schnell nicht aufgehoben. Erprobt der Westen damit eine Politik, die auch China treffen könnte, sollte die Pekinger Regierung Moskau militärisch unterstützen oder sich an Taiwan vergreifen?

Die Sanktionen treffen China schon jetzt, weil die Weltnachfrage schwächelt und damit auch die Nachfrage nach Chinas Gütern. Die dortigen Unternehmen halten sich wohl an die Beschränkungen. Technologie, in denen westliche Vorleistungen stecken, werden sie nicht nach Russland liefern. China versucht immer die Kosten für die eigene Wirtschaft zu begrenzen. Das belegt einerseits die Wirksamkeit der westlichen Sanktionen, dürfte andererseits aber die chinesischen Bemühungen um Autarkie stärken.

Als Reaktion auf den russischen Angriff macht Europa sich schneller unabhängig von fossilen Energien. Das ist eine schlechte Nachricht für alle Staaten, die Kohle, Öl, Gas verkaufen und sonst wenig zu bieten haben - neben Russland unter anderem die arabischen Autokratien. Werden diese für eine gemeinsame Weltökonomie zunehmend unwichtig?

Die Golfstaaten haben den Schuss schon lange gehört. Sie wissen, was durch die Klimaerwärmung und das Pariser Abkommen auf sie zukommt. Deshalb bereiten sie sich vor und setzen auf neue Geschäftsfelder, etwa Transportlogistik, Kongresse, Kultur oder Finanzdienstleistungen. Den Golfstaaten wird es wohl gelingen, die fossile Ökonomie hinter sich zu lassen und später trotzdem eine Rolle in der Weltwirtschaft zu spielen. Für Russland sieht es dagegen schlechter aus. Im Vergleich zu den fortgeschrittenen Ländern ist es in allen Bereichen auf dem absteigenden Ast. Russland ist eine Kriegswirtschaft, und wird es bleiben.

Führt die energiepolitische Transformation der reichen Länder dazu, dass diese in den kommenden Jahrzehnten eher bei sich zu Hause investieren und weniger im globalen Süden - siehe der E-Auto-Hersteller Tesla bei Berlin, der Chipkonzern Intel bei Madgeburg und der Batterieproduzent Northvolt bei Hamburg?

Die Staaten des Nordens werden eher ihre Beziehungen untereinander verstärken. Ich halte ein neues Handelsabkommen zwischen Europa und den USA für naheliegender und inhaltlich weitergehender als eines zwischen der EU und Afrika. Wobei der Mittelmeerraum, Nordafrika und die Sahara für Europa geoökonomisch wichtiger werden. Diese Länder haben beste Voraussetzungen, um grünen Strom und grünen Wasserstoff produzieren - Importe, die wir dringend brauchen.

Besteht die Gefahr, dass eine schwächere Globalisierung bei uns zu Einbußen beim Wohlstand führt?

Wenn sich die Globalisierung abschwächt, leidet vor allem das Wirtschaftswachstum der armen Länder. In den reichen Staaten geht das Potenzialwachstum wegen der Alterung der Gesellschaft zurück. Denn der Bedarf an sozialen und medizinischen Dienstleistungen steigt, die geringere Produktivitätsgewinne erwirtschaften. Die großen materiellen Sprünge liegen hinter uns liegen. Vielleicht werden unsere Gesellschaften bescheidener. Eine andere Definition von Wohlstand könnte sich durchsetzen: geschützte Grenzen, Sicherheit, soziale Stabilität und intakte Umwelt statt immer mehr Güter.

Hintergrund

» Die Sanktionen treffenChina schon jetzt, weil die

Weltnachfrage schwächelt. «

Rolf J. Langhammer, Ökonom

Hintergrund

» Russland ist im Vergleich zu den fortgeschrittenen Ländern auf dem absteigenden Ast. «

Rolf J. Langhammer, Ökonom

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