»Rückfälle in alte europäische Krankheiten«

Christoph Heubner: Der Vize-Exekutivpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees über die Lehren des Holocaust

Warschau/Oswiecim
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Auschwitz-Prozess in Lüneburg - Christoph Heubner
Christoph Heubner vom Auschwitz-Komitee. Foto: Julian Stratenschulte (dpa)
Foto: Julian Stratenschulte (dpa)
KZ Auschwitz-Birkenau
FILE - Shoes of victims of the former Nazi-German concentration and extermination camp KL Auschwitz I ahead of the upcoming 70th anniversary of the liberation of the camp in Oswiecim, Poland, 26 January 2015. On 27 January 1945, Soviet forces liberated the biggest German Nazi death camp. Photo: Rolf Vennenbernd/dpa (zu dpa "Auschwitz-Birkenau - Symbol des Holocaust" vom 24.01.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)
Am 27. Ja­nuar wird am In­ter­na­tio­na­len Ho­lo­caust-Ge­denk­tag der Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­dacht. Für Chri­s­toph Heub­ner, Vi­ze-Exe­ku­tiv­prä­si­dent des In­ter­na­tio­na­len Au­sch­witz-Ko­mi­tee, vor al­lem ein An­lass zu Wach­sam­keit und War­nung.

Holocaust-Gedenktag 2016, das bedeutet Gedenken in einer Zeit mit frischen Erinnerungen an Terroranschläge, aber auch dem Erstarken nationalistischer Bewegungen. Was sollte da aus der Sicht der Überlebenden die Kernbotschaft des Gedenkens sein?
Die Überlebenden sehen die Welt um sich herum mit zunehmender Verunsicherung: Es gibt akute Rückfälle in alte europäische Krankheiten. Der Antisemitismus ist längst nicht mehr nur eine widerliche Einstellung, sondern ein Grundübel, das zu Mord und Terror führt. Die Überlebenden empfinden es als ekelhaft, wie Rechtsextreme, alte und neue Nazis, aber auch islamistische Fundamentalisten mit diesem Mantra des antisemitischen Hasses in Europa unterwegs sind. Und wegen all dieser Empfindungen lautet die Kernbotschaft des Gedenkens an Auschwitz: Seid heute wachsam, schützt die Demokratie - in eurem eigenen Interesse.
Antisemitismus nimmt wieder zu - haben da Schulen und andere Bildungseinrichtungen versagt? Haben Auschwitz-Überlebenden heute Angst, in Europa zu leben?
Viele Überlebende sehen sich in Europa mit einem Déjà Vu von Entsetzen konfrontiert: Sie haben Angst um ihre Enkelkinder. Die Tatsache, dass man sich an immer mehr Orten in Europa besser nicht als Jude zu erkennen gibt, oder im gutbürgerlichen Bekanntenkreis mit altbekannten antisemitischen Klischees konfrontiert wird, ist eine zutiefst bittere Erfahrung: Es kommt ihnen so vor als ob - trotz großen Engagements in vielen Bereichen - die Vorurteile und die Demütigungen, die ihre Jugend und ihre Familien zerstört haben, unbesiegbar bleiben. Dennoch wollen sie weiter mit all den Engagierten in den europäischen Gesellschaften das Gespräch suchen und die Hoffnung und den Kampf um die Zukunft der Menschen nicht aufgeben.

Kaum ein Thema spaltet die Menschen derzeit so stark wie die Aufnahme von Flüchtlingen. Viele Nazi-Opfer kennen das Problem, an Grenzen abgelehnt zu werden, andererseits sehen sich gerade Juden im Visier radikalislamischer Täter - ruft das Thema Flüchtlinge da zwiespältige Gefühle hervor?
Das Schicksal der Flüchtlinge berührt die Überlebenden sehr. Sie fühlen mit ihnen und sie können die Erfahrungen von Ausgrenzung und Todesangst sehr gut nachempfinden. Natürlich verfolgen die Nazi-Opfer die Geschehnisse in Europa sehr genau. Dass Europa jetzt angesichts dieser großen Herausforderung so schnell ins Taumeln gerät ist für alle die, die Auschwitz überlebt haben, beängstigend. Und dass Rechtspopulisten in Europa immer mehr Regierungen dominieren oder vor sich her treiben und die Bevölkerung verunsichern und nach rechts zu treiben versuchen, empfinden sie als empörend.
Sie erwarten aber auch, dass europäische Politiker gegenüber den ankommenden Flüchtlingen konsequent und wehrhaft die Werte und die Vielfalt Europas verdeutlichen und Respekt vor ihnen einfordern: Keine Toleranz gegenüber Intoleranz, Antisemitismus, sexuellen Übergriffen und Haß gegen Minderheiten.

Im vergangenen Jahr hatten Auschwitz-Überlebende die Gelegenheit, noch einmal in einem Prozess gegen einen Täter zu Wort zu kommen, ein weiterer NS-Prozess beginnt in Kürze. Eine wichtige Gelegenheit für die noch lebende Opfer, Gerechtigkeit zu erfahren?
Viele Überlebende haben ihr ganzes Leben lang gehofft, einmal in einem deutschen Gerichtssaal als Zeuge gegenüber einem SS-Täter aussagen zu können und damit auch ihren ermordeten Angehörigen etwas Gerechtigkeit widerfahren lassen zu können. Dass diese Prozesse kaum stattgefunden haben und erst jetzt einige wenige SS-Männer in hohem Alter vor Gericht stehen, ist ein fortwährender Schandfleck der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Deshalb sind diese Prozesse nicht nur für die deutsche Gesellschaft Lehrstücke des Versagens. Dennoch haben sie die Chance, zu  verdeutlichen, wohin der Hass gegen Minderheiten führen kann und wovor sich gerade heute junge Menschen schützen müssen.
EVA KRAFCZYK
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