»Pushback« ist Unwort des Jahres

Sprache: »Beschönigte Menschenfeindlichkeit«

MARBURG
2 Min.

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Das »Un­wort des Jah­res« 2021 lau­tet »Push­back«. Da­mit rügt die Ju­ry der sprach­kri­ti­schen Ak­ti­on ei­nen Be­griff aus der Mi­g­ra­ti­ons­de­bat­te.

Der aus dem Englischen stammende Ausdruck bedeute zurückdrängen oder zurückschieben und sei im vergangenen Jahr von ganz unterschiedlichen Politikern, Journalisten oder Organisationen in der Diskussion um die Einwanderung über die EU-Außengrenzen aufgegriffen worden, sagte die Sprecherin der Jury, Constanze Spieß, am Mittwoch in Marburg.

»Unreflektierter Gebrauch«

Der Begriff »Pushback« wird dabei im Zusammenhang mit möglichen illegalen Zurückweisungen von Flüchtlingen an den Grenzen benutzt. Die »Unwort«-Jury kritisierte die Verwendung des Ausdrucks, »weil mit ihm ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt wird, der den Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nimmt, das Menschen- und Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen«. Die Nutzung eines Fremdwortes verstärke noch den Effekt, erläuterte Sprachwissenschaftlerin Spieß. Die Jury sah zudem einen unreflektierten Gebrauch des Wortes in den Medien auch bei Kritikern der Zurückweisungen.

Das Wort »Pusback« tauchte in den vergangenen Monaten etwa im Zusammenhang mit der Situation an der EU-Außengrenze zwischen Polen und Belarus mit Tausenden gestrandeten Migranten auf. Berichten zufolge wurden jene, die es über die Grenze nach Polen schafften, sofort abgeschoben - auch dann, wenn sie um Asyl ersuchten. Experten erläuterten in den Medien die Rechtslage und nahmen dabei mitunter ebenso »Pushback« in den Mund wie es auch Politiker taten. Die damalige Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sagte etwa im November einer Zeitung: »Erstens: Nein zu menschenunwürdigen Pushbacks. Und zweitens: Ja zu Solidarität.«

Platz zwei der »Unwörter« in diesem Jahr belegte die Formulierung »Sprachpolizei«. Die Jury wählte damit einen Begriff aus der Debatte um eine sensiblere Sprache etwa in Bezug auf Geschlecht oder Herkunft. Das Wort sei irreführend und diffamiere Personen, die sich für einen »angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzten, der bisher benachteiligte und ausgegrenzte Gruppen sprachlich einschließt«, befanden die Juroren.

Auch die Pandemie führte aus Sicht der mehrheitlich aus Sprachwissenschaftlern bestehenden Jury zu verbalen Auswüchsen. Sie rügte daher Vergleiche mit der NS-Zeit, die Gegner der Corona-Maßnahmen oder der Corona-Schutzimpfungen in den vergangenen Monaten zogen. Dazu gehören zum Beispiel: »Impfnazi«, »Ermächtigungsgesetz« - als Bezeichnung für das Infektionsschutzgesetz - oder der Aufdruck »ungeimpft« auf gelben Sternen. Dies alles lege »völlig unzulässig« eine Ähnlichkeit zwischen den Corona-Maßnahmen und der NS-Diktatur nahe und verharmlose außerdem den Nationalsozialismus.

1300 Einsendungen

Die Jury wählte das »Unwort des Jahres« aus zahlreichen Vorschlägen aus, die Interessierte bis zum 31. Dezember eingereicht hatten. Insgesamt gab es rund 1300 Einsendungen mit 454 unterschiedlichen Begriffen, von denen knapp 45 den Kriterien entsprachen. Viele Vorschläge betrafen die Corona-Pandemie: Besonders häufig sei etwa »Tyrannei der Ungeimpften« genannt worden, »Querdenker«, »Verweilverbotszone« oder »Covidiot«.

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