Mittwoch, 24.04.2019

Sudan: Machtvakuum nach »Revolution am Nil«

Regierungssturz:Militärführung hat Sicherheitslage unter Kontrolle, politisch sitzen die Generäle jedoch weniger fest im Sattel

KHARTUM
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Das Gesicht des Protestes: die Sudanesin Alaa Salah. Foto: dpa
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Nach dem als »Re­vo­lu­ti­on am Nil« be­zeich­ne­ten Um­s­turz im Su­dan ist noch nicht klar, wer dort künf­tig wir­k­lich die Macht ha­ben wird. Die Füh­rung der St­reit­kräf­te hat Lang­zeit­herr­scher Omar al-Ba­schir ab­ge­setzt und kon­trol­liert den Si­cher­heits­ap­pa­rat. Das Mi­li­tär scheint je­doch un­si­cher, wie es po­li­tisch wei­ter­ge­hen soll.

Die Demonstranten und die Opposition hingegen sind aufgrund ihrer bisherigen Erfolge zuversichtlich. Sie fordern eine zivile Regierung, in der die alten Schergen nichts mehr zu sagen haben. Die Proteste am Wochenende in dem Land im Nordosten Afrikas fanden in ausgelassener, aber entschlossener Stimmung statt. »Die Revolution hat erst begonnen«, skandierten Demonstranten.

Doch in den Reihen der Opposition zeigten sich erstmals Risse: Teile der etablierten Oppositionsparteien schienen gewillt, sich mit dem Militär zu arrangieren. Die Demonstranten und die treibende Kraft hinter den Protesten, das Gewerkschaftsbündnis SPA, wollen hingegen weiter eine rein zivile Regierung.

Die Militärführung wiederum hat klargemacht, dass sie die für die Sicherheit entscheidenden Ressorts - das Innen- und Verteidigungsministerium - nicht an Zivilisten übergeben will. »Wir werden unsere Sitzblockade nicht aufgeben, weil wir der Militärführung, die Teil des bisherigen Regimes war, nicht trauen«, sagt Demonstrant Ibrahim Adam (29) vor dem Militärhauptquartier in Khartum.

Noch ist unklar, ob sich alle Hoffnungen der Demonstranten erfüllen werden. Infolge der Massenproteste des sogenannten Arabischen Frühlings wurden 2011 zwar mehrere langjährige Herrscher vertrieben. Doch in Ländern wie Syrien, Libyen oder dem Jemen kam es zu blutigen Bürgerkriegen. Einzig Tunesien leitete weitreichende demokratische Reformen ein, kämpft aber mit wirtschaftlichen Problemen. Experten warnen, ein großer Konflikt im Sudan könnte die ganze Region destabilisieren. Zudem könnte die Zahl der Migranten, die den Sudan als Transitland nach Libyen und Europa nutzen, dann rasch ansteigen.

Sturz und Rücktritte

Am Wochenende sah es so aus, als trieben die Demonstranten im Sudan das Militär vor sich her: Am Freitagabend, also nur einen Tag nach dem Sturz Al-Baschirs, erklärte Militärherrscher Awad Ibn Auf überraschend seinen Rücktritt. Der frühere Verteidigungsminister galt als langjähriger Weggefährte Al-Baschirs und war von den Demonstranten abgelehnt worden. Am Samstag verkündete sein Nachfolger, der als volksnäher geltende frühere Generalinspekteur Abdel Fattah Burhan, dass der Chef des verhassten Geheimdienstes NISS, Abdallah Gusch, zurückgetreten sei. Viele Demonstranten jubelten und forderten zudem die Auflösung des Geheimdienstes: dessen Agenten sollen politische Gefangene oft brutal gefoltert haben.

Die Proteste im Sudan dauern bereits seit Dezember an, wurden aber Anfang April mit dem Beginn einer Sitzblockade vor der Zentrale der Streitkräfte in Khartum immer größer. Die Demonstranten stellen einen Querschnitt aller Bevölkerungsgruppen dar, wobei Frauen oft eine führende Rolle spielen. Zum Symbol der Proteste wurde zunächst die 22-jährige Studentin Alaa Salah: Ein Foto zeigt, wie sie locker in ein weißes Tuch gewickelt auf dem Dach eines Autos steht, Parolen ruft und singt. Videos halten fest, wie sie Sprüche ausruft, auf die die Menschenmenge mit dem arabischen Wort für »Revolution« antwortet.

Salah freut sich, dass die Bilder von ihr - die sich in sozialen Netzwerken rasch um die ganze Welt verbreiteten - mehr Aufmerksamkeit auf die Revolution im Sudan gelenkt haben. Sie hofft auf einen grundlegenden Neuanfang. »Seit dem Beginn der Proteste bin ich jeden Tag auf die Straße gegangen, um an den Demonstrationen teilzunehmen, weil mich meine Eltern dazu erzogen haben, meine Heimat zu lieben«, sagte Salah dem britischen »Guardian«.

Eines der ärmsten Länder

Die Mehrheit der rund 41 Millionen Sudanesen ist noch jünger als 25. Sie wünschen sich ein Land, in dem sie Arbeit, Einkommen und Würde finden können. Unter Al-Baschir war der Sudan jedoch in eine tiefe Wirtschaftskrise geschlittert. Das Land gehört einem UN-Index zufolge zu den 25 ärmsten Ländern der Welt. Daher ist klar: Wer auch immer demnächst im Sudan das Sagen hat, wird Hilfe von außen brauchen. Saudi-Arabien sagte der Militärführung am Wochenende Unterstützung zu. Aus den USA oder den EU-Staaten war bislang noch kaum etwas zu hören - dort scheint man noch abzuwarten.

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