Mittwoch, 14.11.2018

Wissenschaftler fordern Umbau des Waldes

Dürre:Von Trockenheit geschwächte Bäume sind anfällig für Schädlinge - Wie kann der Wald dem Klimawandel trotzen?

BERLIN. Dienstag, 11.09.2018 - 19:35 Uhr

Der Hit­ze­som­mer 2018 hat nicht nur der Land­wirt­schaft, son­dern auch den Wäl­dern in Deut­sch­land mas­siv zu­ge­setzt. Der Ver­band der Wald­ei­gen­tü­mer spricht von ei­ner »Jahr­hun­dert­ka­tastro­phe« und schätzt die Er­trags­ein­bu­ßen - auch we­gen des zu­sätz­li­chen Kol­lap­ses des Holz­mark­tes - auf meh­re­re Mil­li­ar­den Eu­ro.

Wissenschaftler sind deutlich vorsichtiger.

»Ob es so dramatisch ist wie einige befürchten, dafür fehlen noch die Zahlen«, teilte die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald mit. »Die Dürreschäden sind regional sehr unterschiedlich ausgeprägt«, sagte Hans Pretzsch, Leiter des Lehrstuhls für Waldwachstumskunde der Technischen Universität München. In den stärker betroffenen Gebieten gebe es Ertragseinbußen von 50 bis 75 Prozent, in anderen liegen die Zuwächse dem Experten zufolge nur wenig unter dem langjährigen Durchschnitt.

Runder Tisch bei Klöckner

»Einzelne Trockenjahre werden von vielen Arten relativ gut überwunden», sagte Pretzsch. Deutlicher dürften die Einbußen werden, wenn sich Trockenjahre häufen, also zum Beispiel gleich drei oder vier Jahre wie 2018 aufeinander folgen - wie es die meisten Klimaprognosen für die kommenden 20 bis 50 Jahre voraussagen. Notwendig sei ein Umbau des Waldes, betonte der Experte. »Naturnahe Rein- und Mischbestände sind einfach stabiler und auf lange Sicht auch produktiver als naturferne Reinbestände zum Beispiel aus Fichte.« Zudem erbrächten Mischwälder auch viele andere ökologische Leistungen wie Klimaschutz sowie Erholung für alle Menschen. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) will mit dem Bundesumweltministerium und Verbänden einen Runden Tisch einberufen, um die Klima-Probleme der Wälder zwischen Alpen und Nord- und Ostsee zu analysieren. Sie sehe die Lage im Wald mit großer Sorge, sagte die CDU-Politikerin vorige Woche bei der Besichtigung von Dürreschäden in einem Forst in Mecklenburg-Vorpommern. Hilfen für betroffene Forstbetriebe sollen bei der nächsten Agrarministerkonferenz von Bund und Ländern Ende des Monats September besprochen werden.

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald plädiert für mehr Anreize für den Umbau hin zu Mischwäldern mit verschiedenen Baumarten. Hier seien private und staatliche Waldbesitzer gleichermaßen gefragt. Die bisherigen Förderprogramme seien aufgrund des hohen bürokratischen Aufwandes uninteressant für Eigentümer von kleineren Flächen, hieß es. Zudem müssten Vorsorgemaßnahmen gegen Waldbrände bundesweit ausgebaut werden. Wegen der höheren Brandgefahr der Kiefernwälder sei man in diesem Punkt im Osten am weitesten, so die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald.

Die TU München und die Bayerische Forstverwaltung haben große Versuchsflächen, auf denen teils schon seit mehr als 150 Jahren das Wachstum der Bäume gemessen wird. Die Einbußen 2018 seien besonders bei Fichten im Flachland sehr hoch, sagte Pretzsch. Bei einer Häufung von Trockenjahren werden nach seiner Prognose Fichten in Tieflagen zurückgehen, dafür neue Arten wie Schwarzkiefer oder Eßkastanie einwandern beziehungsweise von Menschen angebaut werden - wie die Douglasie oder die Zeder. Der Wald insgesamt sei in unseren Breiten nicht in Gefahr, werde sich aber verändern, betonte der Forst-Experte.

Soforthilfen gefordert

Die privaten Waldeigentümer (AGDW) fordern neben Soforthilfen angesichts der Einbußen in diesem Sommer langfristig auch Förderungen für klimatolerante Baumarten wie Douglasie, Küstentanne, Sitkafichte und Roteiche, die nicht aus Deutschland stammen. »Es kommt darauf an, alle Waldfunktionen für die Zukunft zu sichern und den Wald an die sich schnell ändernden klimatischen Verhältnisse anzupassen«, sagte AGDW-Präsident Philipp zu Guttenberg. Die Schwächung der Wälder treffe auch ihre vielfältigen Erholungs- und Schutzleistungen.

CHRISTINA STICHT
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