Dienstag, 18.09.2018

Wenn Poller nichts bringen

Innere Sicherheit: Experten bezweifeln den Nutzen endloser Verbarrikadierung - Terrorgefahr verändert den öffentlichen Raum

Berlin Montag, 10.09.2018 - 20:04 Uhr

Ein gro­ßer Klotz mit ei­ner Fas­sa­de wie sil­ber­ne Tan­nen­zap­fen steht seit ei­ni­gen Mo­na­ten an der Them­se. Die neue US-Bot­schaft in Lon­don ist ein ty­pi­sches Bei­spiel der Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur in den Jah­ren nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 - Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur im wört­li­chen Sinn. Das fu­tu­ris­ti­sche Ge­bäu­de steht da wie ei­ne Burg.

Es wurde in diesem Januar eröffnet und ist stärker gesichert, als Betrachter es erkennen können.

Der zwölfstöckige Glaswürfel ist angeblich bombensicher und versorgt sich weitgehend selbst mit Energie. Es gibt versteckte Abwehrmauern. Die USA haben sich das eine Milliarde Euro kosten lassen. Auch in deutschen Städten stehen solche schwer gesicherten Gebäudekomplexe: Die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Berlin oder der Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt zählen dazu.

Und die Befestigung hört bei den Gebäuden nicht auf. Hierzulande hat besonders die Diskussion um den Schutz des öffentlichen Raumes in den vergangenen Jahren zugelegt. Sie nahm noch nicht direkt nach den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001 Fahrt auf, wie Stadtplaner Jan Abt vom Deutschen Institut für Urbanistik (DIFU) erklärt, sondern seit den »Anschlägen mit allgemein verfügbaren Instrumenten wie Tanklastern und so weiter«.

Oktoberfest eingezäunt

Diese Ereignisse haben nicht nur einen Einfluss auf das Sicherheitsgefühl, sondern verändern auch das Gesicht unserer Städte: In der Fußgängerzone in Stuttgart stehen Poller als Hindernisse auf den Zufahrtsstraßen zum Schlossplatz, dem Herzstück der Schwabenmetropole. In Köln schützen Poller den Dom. Oftmals werden die Sicherheitsmaßnahmen auch zu bestimmten Anlässen erst hochgefahren: Zum Oktoberfest in München sind zusätzliche Videokameras installiert und mehr Blumenkübel als Zufahrtssperren. Das Gelände an der Theresienwiese ist seit 2016 umzäunt, Polizisten patrouillieren mit Bodycams, also am Körper befestigten Kameras.

Das Verhältnis der Deutschen zu solchen Maßnahmen ist zwiegespalten. Sicherheit ist sehr wohl erwünscht, Videokameras sind es aber nicht. »In Deutschland finden wir ja jede Videokamera per se erst mal schlimm, in Großbritannien werden Sie ja quasi den ganzen Tag von Videokameras verfolgt«, sagt Stadtplaner Abt, der für das DIFU wissenschaftliche Untersuchungen in vielen Städten durchführt.

Dabei bezweifelt Abt den Nutzen endloser städtebaulicher Schutzmaßnahmen: »Die Wahl der Ziele für terroristische Anschläge ist ja ziemlich flexibel. Das heißt, wenn ich den einen Platz schütze, dann weicht der Täter im Zweifelsfall auf den anderen Platz aus und hat dieselbe mediale Aufmerksamkeit, die er auf dem einen Platz hätte, der besser geschützt ist.«

Seit dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016 liegt ein besonderes Augenmerk auf der Hauptstadt Berlin, was die Sicherheit im öffentlichen Raum angeht. Ingrid Hermannsdörfer, Architektin bei der Polizei, berät die Stadt bei zahlreichen Planungen. Zum Schutz vor sogenannten »Überfahrttaten« werde derzeit vor allem zu Pollern und vorübergehenden oder mobilen Sperren geraten. Wirkungsvoll seien auch Hindernisse wie abgestufte Gelände oder besondere Stadtmöbel, die nicht auffallen.

»Polizei mehr einbeziehen«

Trotzdem sieht auch Hermannsdörfer Grenzen beim Nutzen dieser Maßnahmen: »Die Polizei sieht in Berlin auch keine Notwendigkeit, überall Poller und andere Sperren aufzustellen«, sagt sie. Man sei sich durchaus bewusst, dass es keine völlige Sicherheit geben könne.

Von der Stadt möchte Hermannsdörfer mit ihrem Team bei Planungen indessen noch mehr einbezogen werden. Sie sieht da »Luft nach oben«. Für die Polizei sei oft unbefriedigend, dass man zwar berate, aber keinen Einfluss darauf habe, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen auch umgesetzt werden.

ELENA METZ & MAXIMILIAN PERSEKE

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