Mittwoch, 21.11.2018

Sozialverband sieht Zusammenhalt in Gefahr

Gesellschaft:Wirtschaftsboom geht an vielen Menschen vorbei - Reformprogramm gefordert

BERLIN. Dienstag, 07.08.2018 - 20:19 Uhr

Neun von zehn Bun­des­bür­gern sor­gen sich um den so­zia­len Zu­sam­men­halt in Deut­sch­land. Denn der wirt­schaft­li­che Auf­schwung kommt bei vie­len Men­schen nicht an. Das geht aus dem Jah­res­gu­t­ach­ten des Pa­ri­tä­ti­schen Ge­samt­ver­ban­des her­vor, das in Ber­lin vor­ge­s­tellt wur­de.

An den positiven Befunden kommt auch Rolf Rosenbrock nicht vorbei. »Im zurückliegenden Jahr ist die Zahl der Erwerbstätigen erneut gestiegen«, sagte der Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes. Allerdings gebe es »zu viele Menschen, die von ihrem Lohn allein nicht leben können oder keine armutsfesten Ansprüche auf Leistungen der Arbeitslosen- oder Rentenversicherung erwerben können«. Es fehle an zielgerichteten Maßnahmen, um gerade solche Personengruppen wirksam zu unterstützen, so der Sozialverband.

Arbeitsmarkt: 2017 gab es in Deutschland 44,3 Millionen Erwerbstätige. Das waren 700 000 mehr als im Jahr zuvor. Insgesamt 39,1 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit. Unter dem Strich hat auch die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten um gut eine halbe Millionen zugelegt. Aktuell sind es 31,7 Millionen Menschen. Zugleich ist der Anteil der Niedriglöhner mit einem Verdienst von weniger als 10,50 Euro pro Stunde um 0,1 Prozentpunkte auf 22,6 Prozent gesunken. An den Arbeitslosen geht diese Entwicklung aber praktisch spurlos vorüber, denn während die Zahl der Erwerbstätigen seit 2011 deutlich um 2,7 Millionen gewachsen ist, reduzierte sich die Zahl der Arbeitslosen im gleichen Zeitraum nur um rund 440 000.

Bedürftige: Laut Jahresgutachten ist die Zahl derer, die auf staatliche Grundsicherung wie Hartz IV, Sozialgeld oder Leistungen nach dem Asylberberleistungsgesetz angewiesen sind, im Jahr 2016 um rund 108 000 auf 7,86 Millionen zurückgegangen. Und das trotz fast einer Million Flüchtlinge. Verbandschef Rosenbrock verwies aber darauf, dass es sich nur um die tatsächlichen Leistungsempfänger handele. Unberücksichtigt bleiben jene, die aus Unwissenheit oder Scham verzichteten. Der Paritätische Gesamtverband schätzt ihren Anteil auf 40 bis 60 Prozent der Berechtigten. Auch seien Menschen, die als Geringverdiener den Kinderzuschlag bekämen, kaum besser gestellt als Empfänger von Grundsicherung, so Rosenbrock.

Forderungen: Aus Sicht des Gesamtverbandes ist ein Reform- und Investitionsprogramm im Umfang von jährlich 50 Milliarden Euro nötig, um den sozialen Zusammenhalt zu sichern. Hinzu kämen noch etwa 15 Milliarden Euro an Steuerausfällen. Zu den Kernforderungen zählen einen Anhebung des Mindestlohns von aktuell 8,84 Euro auf zwölf Euro, niedrigere Hürden für den Anspruch auf Arbeitslosengeld, eine Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes auf 571 Euro (aktuell 416 Euro) sowie ein Rentenniveau von 53 statt derzeit 48 Prozent. »Die soziale Spaltung, die Menschen verunsichert und mit für den Aufstieg rechtsextremer Parteien verantwortlich ist, muss bekämpft werden«, meinte Rosenbrock.

STEFAN VETTER
Lade Inhalte...

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden