Samstag, 17.11.2018

Wenig Rente muss nicht Armut bedeuten

Soziales:Fast jeder zweite Ruheständler erhält weniger als 800 Euro - Regierung verweist auf Zusatzeinkünfte

BERLIN. Donnerstag, 12.07.2018 - 21:20 Uhr

Fast je­der zwei­te Al­tersrent­ner in Deut­sch­land kommt auf ei­ne ge­setz­li­che Ren­te von we­ni­ger als 800 Eu­ro im Mo­nat. Für knapp zwei Drit­tel liegt der aus­ge­zahl­te Be­trag un­ter 1000 Eu­ro. Das geht aus ei­ner am Don­ners­tag ver­öf­f­ent­lich­ten Da­ten­über­sicht der Bun­des­re­gie­rung her­vor.

Das zuständige Arbeits- und Sozialministerium warnte aber davor, die Rentenhöhe als alleinigen Maßstab für die Einkommenssituation im Alter zu betrachten.

Wer bekommt wie viel?

Nach den aktuell verfügbaren Daten erhielten 2016 rund 8,6 Millionen Ruheständler weniger als 800 Euro Rente. Das entsprach einem Anteil von 48 Prozent. Bei insgesamt 11,3 Millionen Rentnern betrugen die gesetzlichen Altersbezüge weniger als 1000 Euro im Monat. Das waren 62 Prozent. Auf mehr als 1000 Euro kamen knapp zwei Drittel der Männer, aber nur etwa ein Fünftel der Frauen. Bei den Angaben handelt es sich um die Rentenzahlungen nach Abzug der Sozialbeiträge. Eventuell anfallende Steuern sind nicht berücksichtigt.

Warum ist Anteil von Mini-Renten so hoch?

Die Renten bemessen sich grundsätzlich an den Löhnen - wer sein Leben lang wenig verdient hat, erhält auch ein niedrige Rente. Die Rentenversicherung wies jedoch darauf hin, dass sich der hohe Anteil von Renten unter 800 Euro oft mit Kleinstrenten erklärt, die durch kurze Rentenversicherungszeiten entstehen. Das betrifft etwa Beschäftigte, die sich frühzeitig selbstständig gemacht haben oder in den Beamtendienst übernommen wurden und deshalb auch noch von anderen Sicherungssystemen profitieren.

Wie steht es um die Gesamteinkommen?

Berücksichtigt man weitere Einkünfte wie zum Beispiel Betriebsrenten und andere Vorsorgeleistungen, dann stammen ausweislich des jüngsten Rentenversicherungsberichts der Bundesregierung im Schnitt nur 63 Prozent aller den Seniorenhaushalten zufließenden Einkünfte aus der gesetzlichen Rentenversicherung. 22 Prozent kommen aus anderen Alterssicherungssystemen und 15 Prozent aus sonstigen Einkünften. So bezogen 2015 drei Prozent der Frauen im Alter ab 65 eine gesetzliche Rente von weniger als 500 Euro im Monat. Ihr Haushaltseinkommen lag aber im Schnitt bei 1357 Euro. Der Anteil der gesetzlichen Altersbezüge an ihren Gesamteinkünften betrug nur 29 Prozent.

Wie akut ist das Problem der Altersarmut?

Nach aktuellem Stand haben 3,1 Prozent der Rentner so geringe Einkünfte, dass sie zusätzlich auf Grundsicherung im Alter - dem Pendant zu Hartz IV - angewiesen sind. Damit sind die Senioren mit großem Abstand die am wenigsten armutsgefährdete Bevölkerungsgruppe im Land. Zum Vergleich: Unter den Erwerbstätigen liegt die Hartz-IV-Quote bei acht Prozent, unter Kindern bis 15 Jahre sogar bei 15 Prozent. Experten gehen gleichwohl von einer Dunkelziffer, also einer unbekannten Anzahl von Älteren aus, die aus Scham keine Grundsicherung beantragen. Der Ökonom Bruno Kaltenborn, - er hat das Problem im Auftrag der Rentenversicherung untersucht - meinte kürzlich: »Es ist plausibel, dass es sie gibt«. Ebenso schlüssig sei aber auch, dass es sich um Menschen mit einem nur geringen zusätzlichen Bedarf handele. »Wer von seiner Renten nicht leben kann, der beantragt die Grundsicherung«, erklärte Kaltenborn.

STEFAN VETTER
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