Montag, 21.05.2018

Wo selbst Dreck und Staub normiert sind . . .

Stiftung Warentest lässt im Rhein-Main-Gebiet Haushaltsgeräte unter die Lupe nehmen

BERLIN/FRANKFURT. Mittwoch, 02.05.2018 - 13:57 Uhr

Die­ser Mann ver­steht was vom Wa­schen. Er hat je­den Tag mit den übels­ten Ver­sch­mut­zun­gen zu tun – mit Blut und Talg, mit Ka­kao und Rot­wein, mit Ruß. Das Be­son­de­re: Es ist im­mer der glei­che Dreck, und Rai­ner Mül­ler (Na­me ge­än­dert) ist kein Haus­mann, son­dern Wa­ren­tes­ter. Er ar­bei­tet in ei­nem gro­ßen Prü­fin­sti­tut im Rhein-Main-Ge­biet.

Einer der Kunden dort: die Stiftung Warentest.

Über 50 Jahre schon ist die Stiftung am Markt und hat sich in dieser Zeit einen Namen gemacht, von dem andere Unternehmen wohl träumen. Laut Verbraucherzentrale Bundesverband kennen 98 Prozent der Befragten die Marke und 82 Prozent haben ein »sehr oder eher starkes Vertrauen« in das Anfang der 1960er-Jahre gegründete und staatlich geförderte Institut.

Unabhängig von Anzeigen

Die Bekanntheit und der gute Ruf sind ein Kapital, das fast unbezahlbar ist und es dürfte vor allem an der propagierten Unabhängigkeit des Hauses liegen. Dafür wird vieles getan – das Wichtigste: Die Stiftung ist gänzlich unabhängig von Anzeigen. Weder die Monatshefte noch Bücher oder Online-Auftritt hängen am Tropf von Werbekunden. Die Stiftung finanziert sich nur vom Verkaufserlös ihrer Medien sowie durch Lizenzgebühren, die Unternehmen zahlen müssen, wenn sie das bekannte rot-weiße Test-Siegel auf ihren Waren abdrucken möchten. Das darf in der Regel zwei Jahre genutzt werden und kostet pro Jahr 7700 Euro – eine Investition, die sich angeblich aber fast immer rechnet. Discounter setzten darauf, verlangten aber von Lieferanten, dass getestete Waren mindestens die Note »gut« haben, heißt es bei der Stiftung.

Außerdem schießt die Bundesrepublik – also der Steuerzahler – zehn Prozent des jährlichen Etats zu – zum einen über das Stiftungskapital, zum anderen über Direktzahlungen.

Ihre Glaubwürdigkeit will die Stiftung unter anderem dadurch sichern, dass sie anonym einkauft. Spezielle Testexemplare, wie sie manche Magazine von Herstellern anfordern und erhalten, werden abgelehnt. »Bei Rädern würde da vielleicht ein besserer Rahmen verwendet, bei Waschmittel mehr Wirkstoffe beigemischt«, fürchtet Holger Brackemann, Leiter des Bereiches Untersuchungen.

Der Einkauf der Waren ist sehr aufwendig. Die Produkte würden in verschiedenen Märkten bundesweit besorgt, es werde in Läden und Online eingekauft, bezahlt werde meist bar, um eine Rückverfolgung auszuschließen, so Brackemann.

Hat man die Charge zusammen, wird sie beispielsweise in jenes Institut geliefert, in dem Experte Rainer Müller arbeitet und sich kürzlich Dutzende Journalisten umsehen konnten.

Namen der Tester und des Institutes sollen nicht veröffentlicht werden, bittet die Stiftung. Man wolle verhindern, dass Unternehmen Einfluss auf die Labore nehmen können. Schließlich lassen dort auch Hersteller ihre Produkte unter die Lupe nehmen.

Die Stiftung nimmt es bei den Tests sehr genau. Zufall und Willkür wären der Tod der Seriosität und so sind die Prüfungen haargenau normiert und anspruchsvoll. Soll heißen: Rainer Müller quält seine Waschmaschinen bis an die Grenzen, aber er quält sie alle gleich. Bei konstanten 23 Grad und 55 Prozent Luftfeuchte, Waschküchenklima eben.

Wäsche und Verschmutzung müssen dabei identisch sein. Immer die gleichen Laken und gleichen Bettbezüge – und zwar sauber. Müller faltet sie nach einem Muster, die Laken zu einem »Z« und schichtet sie in die Trommel. Dann kommt der genormte Schmutz hinzu, in Form eines langen Stoffstreifens, der mit verschiedenen Schmutzfeldern bestückt ist – Blut, Talg, Rotwein?

80 Euro pro Schmutzstreifen

80 Euro kostet jeder Streifen. Nach dem Waschgang werden die Felder penibel analysiert und damit die Leistung der Maschine gemessen. Die Laken und Tücher in der Trommel dienen nur dazu, um eine reale Situation zu simulieren – eine volle Maschine eben. Ebenso penibel arbeiten die Experten in der Staubsauger-Abteilung. Weil auch hier gleiche Testbedingungen herrschen sollen, greifen die Produktstrapazierer zu normiertem Schmutz, den es in verschiedenen Varianten gibt – für rund 140 Euro das Kilo. Teurer als so mancher Sauger. Genau 22,84 Gramm werden auf einen roten Teppich gestreut. Und wen überrascht es? Auch der ist genormt, gewebt aus der Wolle einer einzigen Schafsherde, heißt es.

Dann fährt der in eine große Apparatur eingeklemmte Saugkopf mehrfach über den Teppich, fünfmal hin, fünfmal her. Er soll mindestens 75 Prozent des Staubs auf Teppichen aufnehmen, bei Holzböden sind es 98 Prozent. Das schreibt die EU vor.

Allerdings verlange die Stiftung Warentest oft noch mehr als gesetzlich vorgeschrieben und prüfe unter strengeren Vorgaben, rühmt sie sich selbst. Hersteller saugten beispielsweise nur mit leeren Beuteln, dafür mit voller Leistung, Stiftung Warentest setze dagegen auch volle Beutel ein und fahre die Leistung herunter. »Bei der EU schreiben die Hersteller an den Testvorgaben mit«, sagt Brackemann, und die nutzten den Spielraum. »Wir wollen aber Alltagssituationen«, deswegen verwende man bei den Tests auch nicht Spezialdüsen wie die Hersteller, sondern den Standard: »So wie die meisten Benutzer eben«, sagt der Chef-Tester. Aber nicht nur die Saugleistung und der Energieverbrauch werden im Institut analysiert. Zusätzlich werden die Geräte bis zu 10 000 Mal über eine nachgebaute Türschwelle gezogen, denn im echten Leben müssen die Sauger was aushalten.

Millionenteuer waren nach Institutsangaben die beiden mit speziellen Waben oder Absorbern und meterdicken Betonsockeln ausgestatteten High-Tech-Räume, in denen Lärm und Strahlung gemessen werden. Die Labore seien sehr gefragt, sagt ein leitender Ingenieur. Chinesische Delegationen reisten mit ihren Produkten an, um sie hier zu vermessen. »Es gibt nichts Besseres«, meint der Ingenieur stolz über die Anlagen.

150 000 Euro für einen Test

Kein Wunder, dass die Tests hier ordentlich ins Geld gehen. Mehrere 1000 Produkte lässt die Stiftung jährlich unter die Lupe nehmen, dazu zählen auch Finanzanlagen. Rund 7,8 Millionen Euro gab das Haus 2017 für Einkäufe und Prüfinstitute aus. Die Kosten pro Test liegen bei 30 000 bis 150 000 Euro. Am kostspieligsten war zuletzt der von E-Bikes. Teuer wird es auch, weil die Stiftung immer mindestens drei baugleiche Typen jedes Testkandidaten kauft.

Bevor die Tests dann veröffentlicht werden, bekommen die Hersteller die Messdaten – nicht aber die Bewertungen. So sollen mögliche Messfehler verhindert werden. Gibt es Ungereimtheiten, wird mitunter erneut getestet. Im Vorfeld sitzen außerdem Fachbeiräte zusammen. Tester, Hersteller und neutrale Sachverständige diskutieren darüber, wie und was getestet werden soll.

Für die Überprüfung des Datenschutzes bei Videostreaming oder die Sicherheit von Smart-Home-Systemen hacken sich Spezialisten schon mal in Systeme ein. Am besten kommt bei den Kunden aber der Test eines eher banalen Produktes an: der von Matratzen.

bUnser Autor informierte sich auf Einladung der Stiftung Warentest über Unternehmen und Prüfverfahren.

ANDRÉ BREITENBACH

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