Freitag, 22.02.2019

Aschaffenburger Journalist hat Pflegeeinrichtungen auch in Region unter die Lupe genommen

Raimund Schmid im Interview: "Viele Pflegekräfte tun mehr, als sie müssten"

Aschaffenburg
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Dieser Beruf muss einem liegen: Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer Bewohnerin über einen Flur. Schmids Buch handelt auch davon. Foto: Christoph Schmidt (dpa)
Foto: Christoph Schmidt
Hat sich vor Ort in Heimen umgesehen: Raimund Schmid. Foto: Petra Reith
Foto: Petra Reith

Vor zwei Jah­ren er­schi­en sein ers­tes Buch »We­he du bist alt und wirst krank«, in dem er die ger­ia­tri­sche Ver­sor­gung in Deut­sch­land un­ter die Lu­pe nahm. Jetzt hat der Aschaf­fen­bur­ger Jour­na­list Rai­mund Sch­mid nach­ge­legt.

Diesmal geht es um das aktuelle Thema Pflege und die Frage, wie es um die Pflegeeinrichtungen in Deutschland bestellt ist. Denn ihre Anzahl ist seit 2007 von rund 22.000 auf gut 29.000 im Jahr 2017 angestiegen - auch weil es immer mehr Pflegebedürftige gibt.

Schmid, der auch Geschäftsführer des Kindernetzwerk Aschaffenburg ist - das Familien mit Kindern und jungen Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen hilft -, hat für den am 13. Februar erscheinenden Wegweiser »12 Wege zu guter Pflege« über zwei Jahre in Heimen auch in der Region recherchiert. Wir haben mit ihm gesprochen.

Wie kam es zu dem neuen Buch? Was hat Sie dazu bewogen?

Zunächst einmal die reinen Fakten, die blanke Demografie: Wir haben heute schon 20.000 Hundertjährige. Diese Zahl wird in den nächsten Jahrzehnten dramatisch ansteigen. In Deutschland gibt es rund 17,5 Millionen Menschen, die 65 Jahre oder älter sind. Das sind 21 Prozent der jetzigen Bevölkerung. Bis 2060 wird dieser Anteil auf 34 Prozent ansteigen. Und die überwiegende Zahl von ihnen wird gepflegt werden müssen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Für mein Buch habe ich zwölf Einrichtungen besucht. Ein Drittel dieser Einrichtungen sind in der Region wie das Sankt-Elisabeth-Stift in Aschaffenburg oder die Demenz-WG in Kleinostheim. Ich wollte die Bedingungen vor Ort hautnah kennenlernen. Ich bin auf Hausbesuche mit Hausärzten gegangen, um Pflegefälle zuhause kennenzulernen. Das ist der Klassiker neben dem Pflegeheim. Aber ich habe mir auch neuere Ansätze angesehen. Es gibt von Pflege-WG, Demenz-WG bis hin zur Tagespflege ein großes Angebot an Alternativen zum klassischen Pflegeheim und der Pflege zuhause.

Und wie sind Sie in die Einrichtungen hinein gekommen? Wie lief das organisatorisch ab?

Ich habe in den Heimen angefragt, ob ich als Beobachter mal ein oder zwei Tage mit dem Personal mitlaufen und mit Bewohnern und Angehörigen sprechen kann. Ich wollte in verschiedenen Schichten mitlaufen, damit ich mir ein vollständiges Bild machen kann. Ich habe offen gesagt, dass ich meine Eindrücke veröffentlichen möchte. Dennoch habe ich nur wenige Absagen bekommen.

Es gab beim Thema Pflegeheim im letzten Jahr wieder Skandale. Die Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf in Unterfranken wurde geschlossen wegen mangelnder Versorgung, durch die mutmaßlich ein Heimbewohner starb. Und im vergangenen Jahr wurden Probleme im DRK-Senioren-Zentrum in Mühlheim in Hessen offenkundig. Da kommt Ihr Buch zur rechten Zeit. Oder?

Es ist schon auch eine Kritik am Pflegesystem. Wir haben viele Defizite, zu schlecht bezahltes Personal und zu wenig Personal. Das habe ich auch alles so angetroffen vor Ort. Die Pflege kann auf Dauer von den meisten Menschen nicht finanziert werden, behaupte ich. Neben dem Anteil aus der Pflegeversicherung müssen Angehörige leicht mal 25.000 Euro Eigenanteil stemmen. Das ist für viele nicht machbar. Wir werden nicht darum herumkommen, zum einen alle in die Versicherung hineinzunehmen - auch Beamte und Selbstständige. Und wir brauchen zum zweiten eine steuerfinanzierte Pflege. In anderen Ländern wie Skandinavien ist man da schon viel weiter. Dort finanziert der Staat das System mit.

Sind Sie im Rahmen der Recherche auch auf völlig unhaltbare Zustände gestoßen?

Ja, in einem Pflegeheim in der Oberpfalz, wo überhaupt nichts funktioniert hat. Dort waren Schwerstpflegebedürftige, die auf Hilfe und Unterstützung absolut angewiesen sind. Ich stand daneben, als sie klingelten und nichts passiert ist. Keine Pflegekraft, keine Schwester kam. Alle waren überlastet. Das war eine extreme und ernüchternde Erfahrung.

Und was hat Sie noch abgeschreckt?

Es waren eher die Konflikte mit Pflegebedürftigen zuhause. Die Angehörigen sind überlastet, können einfach nicht mehr, aber die Pflegenden bestehen weiter darauf, zuhause nur von ihren Angehörigen gepflegt zu werden. Da trifft man doch auf eine gewisse Sturheit und Borniertheit. Bei vielen Angehörigen kommt es deswegen zu Krisen, auch finanziell oder in Bezug auf den Ehepartner, der das auf Dauer nur sehr schwer mittragen kann.

Es spricht sich doch herum unter Angehörigen, ob eine Einrichtung gut ist oder nicht. Und es gibt Bewertungsportale im Netz. Warum sollte man trotzdem Ihr Buch lesen?

Der Pflege-TÜV beispielsweise hat versagt. Er bringt als Instrument nichts, um sich im Vorfeld Orientierung zu verschaffen. Wenn ich in einem Heim tolles Essen serviere oder hübsche Möbel hinstelle, kann ich damit Defizite im Pflegebereich wettmachen und dadurch eine bessere Bewertung erzielen. Deswegen ist es auch gut, dass der gerade reformiert wird.

Man kann heute alles irgendwie und irgendwoher bekommen, aber das Netz ist unübersichtlich und birgt Fallen. Es ist mühsam, sich das alles zusammenzusuchen. Außerdem ist man als Angehöriger in einer extrem stressigen Situation, die man oft schnell lösen muss und dann hat man nicht die Zeit und die Nerven, erst einmal alles zu recherchieren.

Sie sammeln in dem Buch Ihre persönlichen Eindrücke aus Besuchen, bei denen das Personal wusste, dass Sie sie veröffentlichen würden. Ist das dann noch objektiv?

Ich denke schon. Ich war schon positiv überrascht, wie couragiert die Pflegekräfte vorgehen trotz Zeitdrucks und Arbeitsbelastung. Viele tun weit mehr, als sie müssten und manchmal auch können. So wird viel aufgefangen. In einem Pflegeheim in Aschaffenburg war ich in zwei Schichten dabei. Eine Pflegekraft hat von 17 bis 19.30 Uhr zwischen bis zu 12 Patienten bettfertig zu machen. Teilweise werden die Pflegebedürftigen gefüttert, mit dem Lifter umgebettet oder sogar noch mal komplett gewaschen. Die Pflegekraft ist eigentlich am Limit - und trotzdem hatte sie noch eine freundliche Ansprache für die Menschen übrig. Sie hat sich die Zeit genommen. Dafür bleibt sie dann nach der Schicht auch länger. Ich glaube nicht, dass sie das getan hat, um mich zu beeindrucken. Was hätte sie davon? Ordentlicher bezahlt würde sie davon auch nicht.

Was raten Sie denn Angehörigen, die jemanden in der Familie haben, der gepflegt werden muss?

Man kann nicht pauschal sagen, dass eine bestimmte Betreuungsform die beste ist. Das hängt stark vom Individuum ab. Jemand, der immer zuhause gewohnt hat und plötzlich in die Pflege-WG umziehen soll, wo acht bis zwölf Leute tagsüber wechselnd anwesend sind und wo es laut ist, wird dort nicht glücklich werden. Ich habe Leute gesehen, die sind dort aufgeblüht, aber auch Leute, die da gar nicht hineingepasst haben. Auch da hilft mein Buch weiter. Es informiert auch über Kosten und Vor- und Nachteile der vorgestellten Einrichtungen. Oder wie man Widerspruch bei Pflegegutachten einlegt. Und wie man eine Patientenverfügung formuliert und hinterlegt. Es ist ein Pflege-Navi, das durch den Pflege-Dschungel führt.

Für wen eignet sich das Buch denn noch?

Für all jene, für die die Pflege noch nicht so im Fokus steht. Aber irgendwann wird man vielleicht selbst ein Pflegefall. Beim Lesen kann man sich darüber klar werden, was man eigentlich will. Und damit erleichtert man es seinen Angehörigen oder den Medizinern.

Gibt es etwas, was man tun kann, um ein Leben im Pflegeheim möglichst lange hinauszuzögern?

Es gibt ein Kapitel im Buch, das heißt »Was jeder selbst für sich tun kann«. Dort wird beschrieben, dass man mit einfachen Mitteln ganz viel im Alltag tun kann, um einen Rest an Mobilität und Kreativität möglichst lange zu erhalten. Mit Musik und Singen kann man bei den Senioren unheimlich viel wieder aktivieren. Sie dämmern so vor sich hin und wenn eine Melodie anhebt, dann wachen sie auf und gehen mit. Mein Wunsch wäre es, diese Potenziale weit stärker zu nutzen - auch in Pflegeheimen. Aber dazu braucht es eben auch wieder mehr Personal.

Raimund Schmid: 12 Wege zu guter Pflege, 320 Seiten, Beltz-Verlag; einen Vortrag mit Schmid zu dem Buch gibt es am Dienstag, 26. Februar, 19 Uhr, in der VHS Aschaffenburg.

Hintergrund: Pflegekräfte-Mangel und Gegenmaßnahmen

Nach einer Schätzung des Deutschen Pflegerats gibt es zwischen 1 und 1,2 Millionen Beschäftigte in der Alten- und Kranken- und Kinderkrankenpflege. 2035 könnten in dem Bereich rund 270.000 Fachkräfte fehlen.

Als Reaktion auf den Fachkräftemangel wurden in den vergangenen Jahren verstärkt Altenpfleger aus dem Ausland angeworben - auch in der Region. Das Regierungspräsidium Darmstadt hat dabei 2017 eine erneute Steigerung verzeichnet. »Es gingen mit 1531 so viele Anträge wie nie zuvor ein«, so die Behörde. Die Zahl hat sich seit 2012 mehr als verdoppelt. Die Behörde prüft und erkennt ausländische Abschlüsse in Pflegeberufen an. Am Klinikum Hanau wird seit Jahren Pflegepersonal in süd-, osteuropäischen sowie asiatischen Ländern angeworben. 2017 kamen so rund 15 ausländische Pflegefachkräfte nach Hanau. Auch in Unterfranken hat sich ihre Zahl von 33 auf 191 fast versechsfacht seit 2012. Seit 2016 gibt es laut Regierung von Unterfranken eine starke Zunahme von Pflegekräften aus dem ehemaligen Jugoslawien und Asien. (Bettina Kneller)

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