Donnerstag, 21.02.2019

Justiz ermittelt gegen Ex-Pfarrer

Kirche:Geistlicher im Ruhestand einer Aschaffenburger Pfarrei des Missbrauchs beschuldigt - Diözese informiert

Aschaffenburg
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Ein Pfar­rer im Ru­he­stand, ge­gen den die Staats­an­walt­schaft nach An­zei­ge durch die Diöze­se Würz­burg ak­tu­ell we­gen des Ver­dachts auf se­xu­el­len Miss­brauch er­mit­telt, hat zu­letzt in ei­ner Aschaf­fen­bur­ger Pfar­rei als Seel­sor­ger ge­ar­bei­tet. Das ist in ei­ner Ver­samm­lung der be­trof­fe­nen ka­tho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de am Sonn­ta­g­a­bend be­kannt­ge­wor­den.

Rund 100 teils verunsicherte Menschen waren der Einladung von Diözese und Gemeinde gefolgt.

Auch ein Mitarbeiter unseres Medienhauses, der sich als Journalist zu erkennen gab, war dabei. Pfarrei und Diözese wollten den Fall offen und offensiv angehen, hieß es. Thomas Keßler, Generalvikar der Diözese, der Leiter der betroffenen Pfarreiengemeinschaft sowie der Diakon der Gemeinde standen Rede und Antwort. Laut dem Diakon ist der offene und öffentliche Umgang mit Missbrauchsvorwürfen der Weg, den die Diözese künftig gehen will.

So seien im konkreten Fall die Vorwürfe vom Missbrauchsbeauftragten der Diözese überprüft und bewertet worden, sagte der Diakon am Montag auf Nachfrage. Der Geistliche soll in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre - offenkundig an einer früheren Wirkungsstätte - einen minderjährigen Jugendlichen sexuell missbraucht haben. Nach der Prüfung der Vorwürfe hat die Diözese am 14. Januar die Strafanzeige gegen den Priester eingereicht - so hatte es die Pressestelle des Ordinariats am Freitag vergangener Woche verlauten lassen.

Zwischenzeitlich vermisst

Dabei wurde auch erwähnt, dass die Verantwortlichen der Wohnortpfarrei des Beschuldigten informiert worden seien: Dekan, Pfarrer, Pfarrgemeinderat und die Gremien der Gemeinde. Die haben nach Auskunft des Diakons dann entschieden, die Gemeinde am Sonntagabend zu unterrichten. Der Infoabend war tags zuvor im Gottesdienst angekündet worden. In keinem Zusammenhang steht laut dem Diakon das zwischenzeitliche Verschwinden des Pfarrers mit den Anschuldigungen gegen ihn. Auch habe die Öffentlichkeits-Offensive damit nichts zu tun. Hier handele es sich vielmehr um eine Verkettung von Zufällen.

Wie am Samstag in unserer Aschaffenburger Lokalausgabe berichtet, war der Pfarrer von der Polizei als vermisst gemeldet worden. Zu diesem Zeitpunkt war der Öffentlichkeit aber nicht bekannt, dass es sich bei dem Vermissten um den Beschuldigten aus der Aschaffenburger Pfarrei handelt. Die Besucher der Versammlung, so der Diakon, seien am Sonntag aber über diesen zufälligen Zusammenhang informiert worden.

Inzwischen ist der Pfarrer aufgetaucht. Nach Angaben des Diakons war er von Spaziergängern im Park Schönbusch gefunden und anschließend ins Aschaffenburger Klinikum eingeliefert worden. Dort befinde er sich auch derzeit noch. Es gehe ihm gut und er habe »Zukunftspläne«.

Der Diakon lobte gegenüber der Redaktion die »ruhige und sachliche Atmosphäre« in der Versammlung am Sonntag. Es sei kein Zorn gegen den Priester spürbar gewesen. Der 78-Jährige, der Mitte der 1990er-Jahre Priester in der Aschaffenburger Pfarrei wurde und seit seiner Pensionierung vor fast 20 Jahren dort als Ruhestands-Seelsorger wirkte, sei sehr beliebt und bekannt für seine offene Art. Viele Gemeindemitglieder fühlten sich ihm verbunden.

Entsprechend schwierig ist nun für manche der Umgang mit den Vorwürfen gegen den Mann, dem vom Bischof das Ausüben priesterlicher Dienste untersagt wurde: Das wurde in der Versammlung ebenso deutlich wie das Mitgefühl für das mutmaßliche Opfer.

Gemeindemitgliedern, die emotionale Probleme im Umgang mit den Verdächtigungen haben, will die Pfarrei ein von Supervisoren begleitetes Hilfsangebot machen. Der beschuldigte Geistliche lebt laut dem Diakon noch im Pfarrhaus. Mitarbeit: Robert Fuchs > Seite 3

Hintergrund: Missbrauchsstudie der katholischen Kirche

Das Thema »Sexueller Missbrauch« wird in der katholischen Kirche spätestens seit Veröffentlichung einer entsprechenden Studie Ende September 2018 lebhaft diskutiert. Die sogenannte Missbrauchsstudie, die die katholischen Bischöfe in Auftrag gaben, umfasst die Jahre 1946 bis 2014. Alle 27 katholischen Bistümer in Deutschland nahmen - für unterschiedliche Zeiträume - an der Studie teil. In den kirchlichen Akten fand das Forscherteam Hinweise auf 3 677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1 670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute. ()

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