Mittwoch, 17.10.2018

Grünen-Bundesvorsitzende fordert mehr Waldschutz

Zum Wahlkampf in der Region

Aschaffenburg Mittwoch, 10.10.2018 - 20:39 Uhr

Wahl­kampf kann auf der Ziel­ge­ra­de in Bay­ern rich­tig Spaß ma­chen: Mit 18-Pro­zent-Um­fra­gen im Rü­cken tourt ei­ne gut ge­la­un­te An­na­le­na Baer­bock, Bun­des­vor­sit­zen­de von Bünd­nis 90/Die Grü­nen, in die­ser Wo­chen­mit­te durch Un­ter­fran­ken.

Sie besucht den Steigerwald auf der Suche nach einem dritten Nationalparkstandort im Freistaat, informiert sich über die Probleme von Pflegedienstanbietern in Thüngen (und damit in ländlichen Regionen) - und sie schaut im Kampf gegen die Klimakrise im Obernburger Stadtwald und im Ringen um Wählerstimmen in der Aschaffenburger Fußgängerzone vorbei.

Die 37-jährige Baerbock kommt aus Brandenburg. Dort liegen die Grünen bei mickrigen sieben Prozent. Bayern muss da - ebenso wie Hessen - wie das gelobte grüne Land wirken. Es sind aber nicht nur die Umfrage-Höhenflüge, die Baerbocks Stimmung befördern. Sie spüre im Freistaat eine »Lust auf politische Debatten, auf das Ringen um die richtigen Ideen«, sagt sie beim Mittagessen vor einer kleinen Zuhörerschar in Obernburg.

Nicht nur der Inhalt, auch der Stil der politischen Auseinandersetzung sei ihr wichtig, betont Baerbock später am Nachmittag im Exklusivgespräch mit unserem Medienhaus. In den vergangenen Jahren sei bei der Frage, wie »wir über kontroverse Themen miteinander sprechen«, viel kaputt gegangen.

Ihre Forderung für den politischen Diskurs: »Wir brauchen wieder mehr Respekt vor der anderen Meinung, dürfen nicht nur mit Totschlagargumenten hantieren.« Auch die Grünen hätten da nicht immer richtig agiert. Sie diskutiere gerne »leidenschaftlich und hart in der Sache«, aber: »Der Respekt vor dem anderen muss immer erhalten bleiben.«

Gute Zuhörerin

Baerbock präsentiert sich am Untermain streitbar und redet Klartext: über Wald- und Klimaschutz, den zwingenden Ausbau von Windkraft und Sonnenenergie, bezahlbaren Wohnraum oder Europa. Gleichzeitig gibt sie sich nahbar, hört gut und geduldig zu, erweckt nie den Eindruck, endgültige Wahrheiten verbreiten zu wollen. So widerspricht sie nicht reflexartig dem Obernburger Förster Marhold Graner, der darauf hinweist, dass sich in einem unbewirtschafteten Urwald die Buche gnadenlos durchsetzen wird - und der in Frage stellt, ob dies tatsächlich ein Beitrag zum Erhalt von Artenvielfalt sein kann.

Baerbock hat offensichtlich noch nicht lange genug ein Spitzenamt in Berlin inne, um sich von den Mechanismen des Politikbetriebs verbiegen zu lassen - sie verzichtet in ihrer unverfälschten Art weitgehend auf gestanzte Politiker-Sätze, sondern zeigt sprachlich klare Kante: »Für einen effektiven Klimaschutz brauchen wir neue Schutzgebiete«, hält sie etwa einen dritten Nationalpark in Bayern für absolut zwingend.

Mehr Windkraftanlagen

Genauso unausweichlich seien weitere Windkraft- und Solaranlagen - hier sei technisch vieles möglich, die »politischen Bremsklötze« müssten in Freistaat aber endlich aus dem Weg geräumt werden. Sie weicht auch auf Nachfrage nicht von ihrer Position ab, wenn sie auf die erheblichen Widerstände gegen Windkraftanlagen in Spessartnähe, Maintal und Odenwald angesprochen wird: »Wir müssen ehrlich diskutieren, die Energiewende ist kein konfliktfreies Thema.«

Man müsse das Gespräch mit den Anti-Windkraft-Bürgerinitiativen vor Ort suchen, deren konkrete Bedenken bearbeiten. »Für viele Sorgen gibt es technische Lösungen«, sagt die Grünen-Vorsitzende - und nennt als Beispiel den Verzicht auf rote Blinklichter oder den Fledermausschutz durch Abschaltprozesse für die Rotoren.

»Wer aber grundsätzlich keine Windkraft will, dem muss man die Alternativen vor Augen führen: Diese sind Atom- und Kohlestrom.« Weder als Politikerin noch als Mutter zweier Kinder könne sie verantworten, atomare Risiken und die Klimagefährdung durch die Verstromung von Kohle fortzusetzen: »Wir haben nur eine Heimat, eine Erde.«

Deshalb ärgere es sie, dass der Ausbau der Solarstromerzeugung »durch bewusste gesetzliche Maßnahmen der großen Koalition« ausgebremst werde. Der Klimaschutz, sagt die Klimapolitikerin, sei das Mega-Zukunftsthema. Ein Versagen könne sich ihre Politikergeneration dabei nicht leisten - deshalb hofft Baerbock auch, dass nach den anstehenden Landtagswahlen ihre Parteifreunde in Hessen in der Regierung bleiben und in Bayern mitregieren können.

Baerbock will regieren

»Macht kommt von machen«, bekennt sich Baerbock zu den Ansprüchen ihrer Partei. »Ich bin in die Politik gegangen, um etwas zu bewirken, um meine Ziele umzusetzen.« Dafür dürfe man keine Angst vor dem Regieren, vor mehr Verantwortung haben: »Deshalb haben wir in Berlin auch über Jamaika verhandelt - zum Beispiel, um endlich den gesetzlichen Rahmen für den Einstieg aus dem Kohleausstieg zu schaffen.«

Aus Jamaika ist bekanntlich nichts geworden - in Bayern könnte aber ein Bündnis der erstarkten Grünen und der schwächelnden CSU nach dem kommenden Sonntag eine realistische Option sein. Für Annalena Baerbock wäre dies aber keine Wunschverbindung. »Im letzten halben Jahr haben sich die Zweifel bei mir leider vermehrt«, sagt sie mit Blick auf den potenziellen Regierungspartner.

Knackpunkt Europa

Ihre Zurückhaltung begründet sie in erster Linie mit europapolitischen Äußerungen des CSU-Spitzenkandidaten Markus Söder: »Wer mit anti-europäischen Inhalten spielt, macht nur die Anti-Demokraten und die Anti-Europäer stärker« - auf dieser Basis sei ein schwarz-grünes Bündnis nicht denkbar. Die in dieser Woche europafreundlicheren Töne aus der bayerischen Staatskanzlei hat Baerbock vernommen - es blieben aber erhebliche Zweifel daran, welche Positionen Söder tatsächlich vertrete, sagt Baerbock.

Nach dem Straßenwahlkampf in der Aschaffenburger Fußgängerzone geht es für Baerbock direkt mit dem Zug zurück - in Berlin ist Sitzungswoche im Bundestag, da müssen zwei Wahlkampf-Tage in Unterfranken reichen. Die Zeit ist deshalb bei allen Terminen etwas knapp, es reiche aber für bleibende Eindrücke, sagt Baerbock: »Ich habe mitgenommen, wie wichtig der Schutz unserer Wälder für die Menschen und das Klima ist. Und ich habe wieder verstanden, dass wir eine gute Bus- und Bahnanbindung des ländlichen Raums brauchen.« Denn diese Frage sei mitentscheidend dafür, ob sich Menschen angenommen, respektiert und wohl fühlen.

Martin Schwarzkopf
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