Sonntag, 23.09.2018

Gabriel zwischen Peking und Eschau

Wahlkampf:Ex-SPD-Chef fragt sich bei Glashersteller Gerresheimer in Lohr und bei Softwareexperten durch

Lohr a.Main Montag, 10.09.2018 - 20:24 Uhr

Wirt­schafts­mi­nis­ter und Au­ßen­mi­nis­ter war er, Vi­ze-Kanz­ler - und bald acht Jah­re lang SPD-Chef. For­mell ist der 58-Jäh­ri­ge nun weit nach hin­ten ge­t­re­ten (wor­den). Seit März ist Sig­mar Ga­bri­el nur noch »ein­fa­cher« Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter. Aber lei­ser ist er des­we­gen nicht ge­wor­den - zum Un­mut man­cher sei­ner Ge­nos­sen.

Etwas mehr Zeit bleibt nun für lokale Termine. Am Montag ging er auf Wahlkampftour für die SPD und schaute auf Einladung des Gemündener Bundestagsabgeordneten Bernd Rützel im Spessart vorbei.

In Würzburg hatte die Tour am Morgen begonnen: Händeschütteln in der Straßenbahn, da und dort ein Handyfoto. Sigmar Gabriel, sommerlich-sportlich gekleidet, braun gebrannt als lägen zehn Wochen Karibik hinter ihm, zählt zu den bekanntesten SPD-Gesichtern - und zu denen, die klare Kante zeigen.

Von Würzburg geht es zur Gerresheimer AG nach Lohr, zur früheren Glashütte und heute einem der Marktführer für Spezialgläser, unter anderem für den Pharmabereich und die Kosmetikbranche. Als Wirtschaftsminister (2013 bis 2017) hat der studierte Germanist Gabriel schon viele Betriebe besichtigt, sich in ungezählten Gesprächen die Sorgen und Wünsche der Unternehmer angehört. Auch in Lohr fragt er am Ende, wo der Schuh am meisten drückt - und hinterlässt begeisterte Gastgeber.

Andreas Kohl, einer der Geschäftsführer, lobt das Detailwissen, das Interesse des Politikers. Dabei punktet der Sozi aus einfachen und schwierigen Verhältnissen schon zu Anfang: Sein erster Job sei der in einer Glashütte gewesen. Damit habe er sich ein Mofa finanziert, erzählt Gabriel. Das sind die Geschichten, die in eine SPD-Biografie gehören.

Doch dann will der Ex-SPD-Chef vor allem zuhören - dabei ist er sehr aufmerksam bei der Sache, hakt ein ums andere Mal nach, fragt präzise: Gibt es einen Mehrheitsaktionär? Antwort: »Früher ja.« Findet der Betrieb Nachwuchs? - »Schwierige Sache.« Welche Vorteile haben Glasflaschen gegenüber Plastik? - »Unter anderem bessere Wiederverwertbarkeit und ›Tresoreigenschaft‹, also hohe Einschlussfähigkeit«.

Am Ende heben die Manager des extrem energieintensiven Unternehmens hervor, dass »bezahlbare, sichere Energie« das Wichtigste sei. Das ist auch Gabriel klar, als Minister galt er durchaus als einer, der Unternehmernöte sehr ernst nahm - zum Unmut des linken Flügels und jener, die Umweltbelange höher bewerten. Gabriel hält Linie und sagt zum Thema Energie etwas, was Manager gerne hören werden: »Die SPD muss aufpassen, dass sie bei diesem Thema nicht grüner wird als die Grünen.«

»Unseren Wohlstand erklären«

Der Sozialdemokrat lenkt aber gleichzeitig den Blick auf die Arbeitnehmer, gerade auf jene Malocher, die Jobs wie in der »Glashütte« nachgehen - bei glasschmelzenden Temperaturen, bei ohrenbetäubendem Lärm, wie Gabriel wenig später bei einer Führung erlebt. Vielfach sei nur noch von Dienstleistungsjobs die Rede, also sei es wichtig, auch das zu zeigen. »Wir müssen immer wieder erklären, wie unser Wohlstand zustande kommt«, meint der Ex-Minister. Gerade den jungen Menschen, sagt Gabriel später im Gespräch und führt seine eigenen Kinder an - »die denken manchmal, das fällt einfach so vom Himmel«. Das passt auch zu seiner Diagnose zum Niedergang der SPD: Man brauche wieder mehr Erdung, müsse weg von den »liberalen Debatten«: So habe sich die SPD nach der Einführung der »Ehe für alle« lautstark selbst gefeiert und über die Union gespottet, dabei aber SPD-Erfolgsthemen wie den Mindestlohn zu wenig betont.

Der Wunsch nach Erdung führt Gabriel am Nachmittag quer durch den Spessart nach Eschau (Kreis Miltenberg), wo er die Rose Simulation GmbH besucht, die Hard- und Software herstellt, mit der Fluglotsen geschult werden. Wieder hört er konzentriert zu, fragt nach. So wie wohl die Woche zuvor in China, wohin er einer Einladung dortiger Unternehmen gefolgt war.

Schon als Minister habe er die Wahlkreise nicht vernachlässigt, sagt Sigmar Gabriel. Umgekehrt will er auch als Nur-Abgeordneter noch im Ausland zuhören - und gehört werden. Die USA und der Iran stehen auf dem Programm.

ANDRÉ BREITENBACH

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