Sonntag, 24.06.2018

»Für die meisten Opfer ist der Strafprozess der Abschluss eines langen Weges«

Wolfgang Schwarz: Der 55-Jährige betreut für die Hilfsorganisation »Weißer Ring« die Nebenklägerin – »Probegerichtsverhandlung« zur Vorbereitung von Zeugenaussagen

Aschaffenburg Mittwoch, 23.05.2018 - 20:33 Uhr

Kri­mi­na­li­tät­s­op­fer fin­den beim »Wei­ßen Ring« Un­ter­stüt­zung. Wolf­gang Schwarz lei­tet die Au­ßen­s­tel­le des Ve­r­eins in Aschaf­fen­burg und be­t­reut die Ne­ben­klä­ge­rin Ur­su­la B. Der 55-Jäh­ri­ge hat Er­klär­un­gen da­für, warum Op­fer in An­we­sen­heit der Öf­f­ent­lich­keit aus­sa­gen möch­ten.

Wie unterstützt der »Weiße Ring« Kriminalitätsopfer hinsichtlich eines Prozesses?

Ganz wichtig ist die Begleitung zu Gerichtsterminen. In der Strafprozessordnung steht, dass dem Opfer auf Antrag für die Vernehmung die Anwesenheit einer Begleitperson – einer sogenannten Person des Vertrauens – zu gestatten ist. Das Opfer ist ja auch ein Zeuge. Im Rahmen der Aussage kann ein Mitarbeiter des »Weißen Rings« dabei sein und psychologische Unterstützung leisten. Wichtig zu wissen ist, dass wir keine Psychotherapeuten und keine Anwälte sind. Aber alleine die physische Anwesenheit ist für viele eine Beruhigung und macht die Aussage etwas leichter.

Wie wird die Zeugenaussage vorbereitet?

Wenn wir feststellen, dass die Opfer wahrscheinlich Schwierigkeiten haben werden, vereinbaren wir ein Treffen. Ich nenne das immer eine Probegerichtsverhandlung: Wir fragen beim Gericht an, wann eine für das Opfer zumutbare Verhandlung stattfindet. Es sollte keine Verhandlung sein, die das Opfer noch zusätzlich verängstigen würde, sondern eine, in der es den Gerichtssaal sieht und wie die Abläufe sind, wo der Richter, der Staatsanwalt und der Angeklagte sitzen. Allein diese Kenntnis über die Umstände im Gerichtssaal ist für viele Leute eine Beruhigung. Das kann die Angst vor der Aussage nehmen.

Was gibt es vor Verhandlungsbeginn zu beachten?

Wir sprechen nicht über die Aussage selbst, um eine Beeinflussung des Zeugen auszuschließen. Denn es könnte sein, dass vonseiten der Verteidigung ins Feld geführt wird, der Mitarbeiter des »Weißen Rings« habe dem Opfer möglicherweise gewisse Aussagen in den Mund gelegt oder ihm im Rahmen der Vorbereitung Dinge erzählt, die erst in der Verhandlung zur Sprache kommen sollten. Aus diesem Grund sage ich immer: Keine Gespräche über die Tat, die während der Aussage relevant sein könnten.

Wie sehen Opfer die Zeugenaussage?

Es gibt Personen, für die ist es eine unheimliche Qual, vor Gericht auszusagen. Und es gibt Opfer, für die ist das wichtig, sie bestehen fast darauf. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem es um eine schwere Sexualstraftat ging. Das Opfer hat gesagt: Ich möchte, dass die Öffentlichkeit erfährt, was mir passiert ist. Und es wollte es dem Angeklagten nicht so leicht machen, wenn dieser gesteht, damit die Sache schnell über die Bühne ist. Das Opfer bestand darauf, dass die Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen wird, so dass jeder im Gerichtssaal mitbekommt, was passiert ist – was für den Angeklagten unangenehmer ist.

Die Konfrontation mit dem Opfer bedeutet für den Täter vielleicht einen Teil der Resozialisierung: Man sieht, dass er jemandem ein Leid angetan hat, den er im Sitzungssaal noch mal sehen und sich anhören muss, was er ihm angetan hat. Es ist also nicht so, dass alle Opfer die Aussage als Qual oder Last empfinden. Manche empfinden es als Befreiung, zu sagen, was ihnen passiert ist.

Wie wichtig ist die Gerichtsverhandlung für ein Opfer?

Man kann hier immer nur vom Regelfall sprechen, weil es individuelle Unterschiede gibt. Es gibt Opfer, die am liebsten gar nichts mehr mit der Sache zu tun hätten. Ob das tatsächlich dem Innersten entspricht, ist fraglich, weil die Angst vor dem Prozess oft das Denken bestimmt. Für die meisten ist der Strafprozess der Abschluss eines langen Weges.

Sie werden oft gefragt, ob ein gefälltes Urteil gut ist für das Opfer. Was ist Ihre Antwort darauf?

Dass man das Opfer fragen muss. Ob ein Urteil nach der Rechtsordnung oder aus Sicht des Opfers angemessen ist, sind ja zwei unterschiedliche Dinge. Es gibt durchaus Menschen, die sagen, dass das Urteil vollkommen in Ordnung ist – wahrscheinlich sogar zwingend, weil die Richter gar keine andere Wahl hatten. Aber das Opfer war bei der Straftat dabei, als Zeuge weiß es, was passiert ist. Die Richter wissen das nicht. Sie müssen sich auf Beweise und Zeugenaussagen verlassen. Wenn dann etwas anderes herauskommt, als wirklich abgelaufen ist, ist das Opfer natürlich nicht zufrieden. Das ist nachvollziehbar. Wir besprechen das Urteil mit dem Opfer und versuchen, die Gründe für das Urteil zu erläutern, selbstverständlich in Zusammenarbeit mit dem Anwalt.

Welche Rolle spielt der Prozess für die Verarbeitung einer Tat?

Ich denke, dass das schon wichtig ist. Aber vor allem ist es wichtig, dass das Opfer das Gefühl hat, ein Prozessbeteiligter zu sein, der ernst genommen wird und eine wesentliche Rolle spielt – nicht nur der Angeklagte. Wenn dieses Bewusstsein beim Opfer vorhanden ist, glaube ich, kann es auch verkraften, wenn ein Urteil gefällt wird, das nicht das Strafmaß trifft, das vielleicht die Allgemeinheit oder das Opfer gefordert haben.

NINA LENHARDT

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