Polarisierende Personalie

Ferda Ataman: Umstrittene Publizistin ist neue Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes

BERLIN
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Ihr wird eine Verspottung der Mehrheitsgesellschaft vorgeworfen: Die die neue Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung Ferda Ataman. Foto: Jörg Carstensen (dpa)
Foto: Deutsche Presse-Agentur (DPA), Jörg Carstensen
Nach auf­ge­wühl­ten De­bat­ten be­kommt die An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­s­tel­le des Bun­des mit Fer­da Ata­man ei­ne neue Che­fin. Die 42-Jäh­ri­ge Pu­b­li­zis­tin wur­de am Don­ners­tag im Bun­des­tag wie von der Am­pel-Re­gie­rung vor­ge­schla­gen in das neue Amt ge­wählt. Die Wahl war ein Po­li­ti­kum.

Kritiker aus Union und AfD aber auch aus der Regierungspartei FDP hatten gegen Ataman mobil gemacht. Ihr Vorwurf: Ausgerechnet die Antidiskriminierungsstelle soll von einer »linken Aktivistin« geleitet werden. Politiker von SPD und Grünen wiesen das als »verleumderische Kampagne« zurück und sprachen von haltlosen Behauptungen.

Hand auf der Brust

Als das Ergebnis am späten Donnerstagnachmittag im Bundestag verlesen wird, erhebt sich Ferda Ataman auf der Besuchertribüne kurz und verneigt sich leicht - die Hand auf der Brust. »Diejenigen, die mir ihr Vertrauen noch nicht schenken konnten, möchte ich gerne mit meiner Arbeit überzeugen«, sagt sie danach mit Blick auf die Abstimmung. 278 Abgeordnete hatten gegen sie gestimmt. Die nötige sogenannte Kanzlermehrheit - die Mehrheit aller 736 Abgeordneten des Bundestages - erreicht sie nur ziemlich knapp: 376 Stimmen. Nur 8 weniger und es hätte nicht gereicht. Viele aus der Ampel seien wegen Corona ausgefallen und konnten nicht mitstimmen, sagte Grünen-Chefin Ricarda Lang später. Die Ampel-Koalition hat zusammen 416 Abgeordnete.

Die AfD war am Mittwoch im Bundestag noch mit dem Versuch gescheitert, die Wahl Atamans von der Tagesordnung zu nehmen. Es solle eine Frau zur Antidiskriminierungsbeauftragten gewählt werden, die »durchweg Deutsche diskriminiert«, schimpfte der Erste Parlamentarische Geschäftsführer Bernd Baumann. Ähnliche Töne kamen auch von der Union. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Thorsten Frei (CDU), warf Ataman vor, für eine »Verniedlichung und Verharmlosung« von »Clan-Kriminalität« und Islamismus zu stehen und für das »Bewusstsein, dass Diskriminierung nur von weißen Deutschen ausgehen kann«. Die stellvertretende Unionsfraktionschefin Dorothee Bär (CSU) sagte, Ataman spotte über die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Auch im Netz wurde und wird die neue Antidiskriminierungsbeauftragte attackiert.

»Verleumderische Kampagne«

Aus Sicht von SPD-Chefin Saskia Esken ist das eine »verleumderische Kampagne«, wie sie bei Twitter schrieb. Die Fraktionschefin der Grünen, Britta Haßelmann, sagte am Donnerstag im Deutschlandfunk, vieles seien »sachlich haltlose Behauptungen« und »falsche Tatsachenbehauptungen«. Ataman sei Expertin für Diversität und »in jedem Fall« die Richtige für das Amt. Sie setze sich seit vielen Jahren für Vielfalt und gegen alle Formen der Diskriminierung ein.

FDP-Fraktionschef Christian Dürr - auch in den Reihen der FDP hatten einige gemurrt - sagte am Donnerstag, Ataman habe jetzt eine komplett andere Rolle. »Und ich erwarte von ihr, dass sie diese andere Rolle auch annimmt und sich bewusst ist, dass sie keine Publizistin mehr ist. Aber so hat sie es auch bestätigt.« Es gebe keine Zweifel an ihrer fachlichen Qualifikation.

Ferda Ataman wurde im November 1979 in Stuttgart geboren und wuchs in Nürnberg auf. Ihre Eltern stammen aus der Türkei. Sie studierte Politikwissenschaften in Erlangen und an der FU Berlin. Später wurde sie Redenschreiberin im NRW-Integrationsministerium unter dem späteren Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU). Ataman arbeitete lange als Journalistin und Kolumnistin unter anderem für das Nachrichtenmagazin »Spiegel« und leitete bereits 2010 und 2011 das Referat Öffentlichkeitsarbeit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Deutsche »Kartoffel« genannt

Die Kritik an ihr entzündet sich zum Beispiel an Kolumnen, die sie mit spitzer Feder schrieb - unter anderem an einem Text im »Spiegel« Anfang 2020, als sie die Bezeichnung »Kartoffel« für Deutsche ohne Migrationshintergrund verteidigte. In einem anderen Text von 2019 kritisierte Ataman, dass in Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder von Familien aus anderen Ländern sich immer wieder Sätze anhören müssten wie: »Sie sprechen aber gut Deutsch!« oder »Sie sehen gar nicht türkisch aus«. Millionen Menschen würden immer wieder zwangsmigrantisiert und viele seien genervt davon. Die »verbale Ausbürgerung - »Wo kommst du her?«« könne einen jederzeit und überall treffen.

Als neue Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes wolle sie sich für alle Menschen im Land einsetzen, die Diskriminierung erfahren, ob wegen des Alters, einer Behinderung, der Herkunft, des Geschlechts, der sexuellen Identität oder der Religion und Weltanschauung, versprach Ataman am Donnerstag nach ihrer Wahl. »Ich sehe es als meine Aufgabe, Menschen, die Diskriminierung erfahren zu unterstützen, durch Beratung, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.«

Vermittelt Einigungen

Die Stelle hat ihren Sitz in Berlin und ist dem Bundesfamilienministerium angegliedert. Sie berät Betroffene auf Basis des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes bei der Durchsetzung ihrer Rechte, sei es bei Diskriminierungen wegen des Nachnamens bei der Wohnungssuche oder auch bei der Jobsuche wegen des Alters. Die Stelle holt auch Stellungnahmen der Gegenseite ein und vermittelt gütliche Einigungen. Zudem gibt sie Studien in Auftrag, erstellt Leitfäden, Broschüren oder Ratgeber und macht mit Öffentlichkeitsarbeit auf Diskriminierungsthemen aufmerksam.

Warum es Luft nach oben gibt

Ferda Ataman ist neue Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung. Die umstrittene Publizistin hat nun die Möglichkeit, ihren Kritikern zu beweisen, dass sie die richtige Wahl ist. Sie sollte einen statt spalten. Es wäre dringend nötig. Denn ein gutes halbes Jahr nach Amtsantritt gibt es bislang ein sehr gemischtes Bild der Beauftragten der Bundesregierung.? Diese fühlen sich vor allem der eigenen Klientel verpflichtet. Damit tun sie ihrem Anliegen aber keinen Gefallen. Ihre Aufgabe wäre es vielmehr, für die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich die Ampel-Regierung vorgenommen hat, zu werben und einen gesellschaftlichen Konsens herzustellen.

Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung etwa, der SPD-Politiker Burkhard Blienert, ist seit Jahren ein Verfechter der Legalisierung von Cannabis. Dafür mag er gute Gründe haben, manch gute Gründe stehen jedoch dagegen. Hier ist eine inhaltliche Auseinandersetzung nötig, ein Werben etwa bei Eltern, die bei dem Thema aus Angst um ihre Teenager Sorgen haben. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung meldete, dass immer mehr junge Menschen in Deutschland Cannabis konsumieren. Blienert gab im selben Monat den Startschuss für einen so genannten »Konsultationsprozess«: »Cannabis - aber sicher!«. Hier müsste man öffentlich deutlich mehr erklären.

Und die Beauftragte für Kultur und Medien, Claudia Roth, eine gestandene, erfahrene Parlamentarierin, hätte bei der Debatte um Antisemitismus bei der Documenta ebenfalls Luft nach oben. Über Monate habe die Documenta ihr persönlich versichert, dass dort für Antisemitismus kein Platz sei, sagte die Grünen-Politikerin jüngst im Kulturausschuss. Darauf habe sie vertraut, die Grenzen der Kunstfreiheit seien hier aber offenbar überschritten worden. Stimmt. Und was folgt nun daraus? Bislang erschreckend wenig.

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