Merkels »Kamelkapazität« und die schlaflose Nacht in Minsk

Verhandlungsmarathon: Nervenkrieg um die Ukraine dauert 17 Stunden - Kanzlerin absolvierte binnen einer Woche eine politische Weltreise

Minsk
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Eine extrem harte Arbeitswoche für Angela Merkel.
Foto: dpa
17 Stun­den lang ha­ben sie in Minsk ver­han­delt und wie­der ein­mal die Nacht zum Tag ge­macht. »Schla­fen ist jetzt für Schwäch­lin­ge«, twit­ter­te mit­ten­drin ein Mit­ar­bei­ter des ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten Pe­tro Po­ro­schen­ko. Doch was heißt »jetzt«?

Angela Merkel ist seit Tagen praktisch permanent im Wachhalte-Modus: Kiew, Berlin, Moskau, München, dann wieder kurz nach Berlin und von dort nach Washington und Ottawa, danach erneut Berlin und von dort weiter nach Minsk - eine Weltreise in einer Woche. Aber eben nicht zum Spaß, sondern gespickt mit kniffligen Gesprächen und Entscheidungen, die Millionen Menschen betreffen. Über den ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher hieß es, er begegne sich wegen seiner Viel-Reiserei quasi schon selbst in der Luft.
Wie hält man diesen Dauerstress durch? Mit Kaffee, Tabletten oder einfach durch Übung?
»Wenn wir 17 Stunden wach sind, das zeigen Experimente, dann haben wir ein verzögertes Reaktionsvermögen, das 0,5 Promille Alkohol im Blut entspricht. Bei 22 Stunden sind es sogar ein Promille«, sagt Hans-Günter Weeß von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Auch die Entscheidungsfähigkeit lasse nach. »Und irgendwann«, erklärt Weeß, wollen wir nur eines, ins Bett und schlafen«.
So gesehen haben nächtliche Marathonsitzungen auch Methode. Denn irgendwann knicken selbst die härtesten Typen ein und stimmen Kompromissen zu, die sie im Zustand geistiger und körperlicher Frische womöglich nicht machen würden. Auch Tarifverhandlungen ziehen sich ja oft über Tage und Nächte hin, Gespräche auf EU-Ebene sowieso. Mit unregelmäßig wenig Schlaf auszukommen, gehört also zum Anforderungsprofil für jeden Berufspolitiker. Zumal dann, wenn Auslandsreisen Dauer-Jetlags verursachen, weil die Nacht oft morgens oder mittags beginnt. Der CDU-Spitzenkandidat Rainer Barzel war für sein größeres Schlafbedürfnis bekannt. Er scheiterte im Wahlkampf 1972. Auch Matthias Platzeck kapitulierte vor der politischen Dauerpräsenz. 2006 gab er den SPD-Vorsitz auf.
Von Helmut Kohl ist dagegen bekannt, dass er überall und immer schlafen konnte. Ex-Außenminister Joschka Fischer schwört bis heute auf »Powernap«, den zehn bis 15 Minuten währenden Kurzschlaf, in dem man abschalten muss und die Außenwelt ignorieren. Das sei wie eine »erfrischende Dusche«. Auch Merkel ist offenbar eine Meisterin in dieser Disziplin. Sie selbst hat einmal gesagt: »Ich habe eine Art Kamelkapazität , mit Schlaf umzugehen«. Sie könne, so Merkel, »über eine gewisse Zeit, fünf oder sechs Tage lang« mit sehr wenig Schlaf auskommen. »Danach brauche ich aber auch wieder einen Tag, an dem ich ausschlafe, zehn, zwölf Stunden«.
Gleich weiter nach Brüssel
Auf die Gelegenheit dazu wird Merkel allerdings noch warten müssen. Denn von Minsk ging ihre Tour gestern gleich weiter nach Brüssel zum EU-Gipfel, der am Mittag begann. Nur im Flieger war da eine Mütze Schlaf drin. Bei dieser enormen Taktzahl ist übrigens Alkohol so gut wie tabu. Das legendäre, angeblich vor allem in Russland populäre »Unter den Tisch trinken« der Verhandlungspartner ist aus der Mode gekommen. Merkel trinkt allenfalls bei Gesprächsabschluss ein Glas Wein oder Sekt.
Stefan Vetter

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