Intensivmediziner fordern Umverteilung von Patienten

Pandemie: Infektionszahlen bringen Krankenhäuser unter Druck - Regierung ringt um Infektionsschutzgesetz

BERLIN
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Auch das Klinikum St. Georg in Leipzig musste auf Grund von Personalmangel die Zahl seiner Intensivbetten reduzieren. Foto: Waltraud Grubitzsch (dpa)
Foto: Waltraud Grubitzsch
Füh­r­en­de In­ten­siv­me­di­zi­ner ha­ben mit Blick auf die stei­gen­de Be­las­tung in den Kran­ken­häu­s­ern mehr Ko­ope­ra­tio­nen bei der Pa­ti­en­ten­ver­le­gung an­ge­mahnt - ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund ei­ner er­war­te­ten Co­ro­na-In­fek­ti­ons­wel­le im Herbst.

»Die Intensivbelegung steigt zwar nur moderat, allerdings ist die Belegung für einen Sommer relativ hoch, und die zur Verfügung stehenden Betten werden auf Grund des Personalmangels immer weniger«, sagte Christian Karagiannidis, wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters. »Hier hat die Pandemie ein zuvor bestehendes Problem gravierend verschärft«, warnte er. Karagiannidis warb dafür, Patienten zwischen den Häusern besser zu verteilen.

Zuletzt hatte es aus der Pflegebranche häufiger die Forderung gegeben, mehr Personal bis zum Herbst und Winter einzustellen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) war scharf kritisiert worden, den Pflegenotstand nicht schneller zu beseitigen. Kragiannidis sieht darin kurzfristig keine Option im Kampf gegen Corona im Herbst. »Mehr Pflegekräfte sind illusorisch, und dass die Grenzen des Wachstums im Gesundheitswesen mehr als erreicht sind, muss jetzt wirklich dem letzten klar werden«, sagte er. »Daher müssen wir die Zeit nutzen, um die Kapazitäten optimal zu verteilen und zu nutzen«, forderte Karagiannidis, der auch im Expertenrat der Bundesregierung sitzt. »Hierzu gehören regionale Netzwerke zur bestmöglichen Patientenverteilung nach Versorgungsstufe. Kooperation, aber auch Entlastung des Personals wird in diesem Herbst und Winter das Gebot der Stunde«, sagte Karagiannidis. Er forderte mit Blick auf die anstehende Reform des Infektionsschutzgesetzes zudem eine Maskenpflicht. »Eine Dämpfung des Infektionsgeschehens, zum Beispiel durch Masken in den Innenräumen im Herbst und Winter ist zusätzlich ein wichtiger Baustein, um breitflächige Arbeitsausfälle zu vermeiden. In allen Branchen«, so Karagiannidis.

Kürzere Quarantäne-Zeiten?

FDP-Vize Wolfgang Kubicki sprach sich angesichts der Corona-Ausfälle beim Personal an Kliniken in Schleswig-Holstein hingegen für kürzere Quarantänezeiten aus. Im Deutschlandfunk sagte der Bundestagsvizepräsident, Länder und Gesundheitsämter könnten dies in eigener Zuständigkeit regeln, das bis zum 23. September in der aktuellen Form geltende Infektionsschutzgesetz räume diese Möglichkeit ein. Kubicki sprach sich für mögliche Freitestungen mit einem Schnelltest schon nach drei Tagen aus. Wenn Infizierte dann andere nicht mehr ansteckten, könnten sie auch wieder in ihren Dienst zurückkehren.

»Wir werden das jedenfalls nicht dadurch regeln, dass wir jetzt die ganzen Mitarbeiter, in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen kasernieren«, fügte er hinzu.

Mit Blick auf den Herbst schloss der FDP-Politiker Regelungen im Infektionsschutzgesetz aus, die Ausgangssperren, »einen flächendeckenden Lockdown«, »branchenspezifische Schließungen« oder Schulschließungen ermöglichen. »Über alles andere reden wir«, sagte Kubicki, der nach eigenen Angaben eine Test- und Maskenpflicht in Kliniken, Alten- und Pflegeeinrichtungen befürwortet. Er kündigte zudem eine »Länderklausel« an, so dass Entscheidungen über Corona-Maßnahmen nicht von Ministerpräsidentenkonferenzen, sondern nur mit Beteiligung der Landesparlamente getroffen werden können.

»Ich würde davor warnen, jetzt wieder eine Panik zu verbreiten. Ich glaube, wir werden mit dem Problem über den Sommer hinweg besser fertig, als Karl Lauterbach oder andere sich das momentan vorstellen«, sagte Kubicki. Er teile auch die Befürchtung vor einer drohenden Herbstwelle nicht. »Ich glaube, wenn wir eine Sommerwelle haben, wird die Herbstwelle definitiv flacher werden, denn ansonsten würde die ganze Impfkampagne, unsere ganzen Vorsichtsmaßnahmen insgesamt keinen Sinn machen.«

Doch Schulschließungen?

Anders als der Kanzler und die FDP möchte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach bei der anstehenden Vorbereitung auf eine große Corona-Welle im Herbst auch Schulschließungen nicht völlig ausschließen. »Ich halte sie für sehr, sehr unwahrscheinlich. Sie wären dann das allerletzte Mittel. Aber sie kategorisch auszuschließen, da wäre ich vorsichtig, weil: Wir wissen ja nicht, welche (Virus-)Varianten kommen«, sagte der SPD-Politiker am Sonntagabend in der ARD-Sendung »Anne Will« auf wiederholte Nachfrage. Eine weitgehende Stilllegung des öffentlichen Lebens durch einen Lockdown hält er als Schutzinstrument dagegen nicht mehr für nötig. »Dafür haben wir einfach einen zu guten Immunstatus in der Bevölkerung«, erklärte er.

Lauterbach verhandelt mit Justizminister Marco Buschmann (FDP) über die künftig grundsätzlich möglichen Maßnahmen. Noch in dieser Woche könnte ein erster Vorschlag auf den Tisch kommen.

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