»Ich will das Plagiat abschaffen«

Uwe Kamenz: Der Wirtschaftswissenschaftler deckte die Ungereimtheiten in Steinmeiers Doktorarbeit auf

Aschaffenburg
3 Min.

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Der Aufklärer: Der Wirtschaftsprofessor Uwe Kamenz aus Münster vor seinem Hochleistungs-Scanner, der etwa einhundert Bücher in einer Stunde digitalisieren kann.
Foto: Oliver Krato (dpa)
Pro­fes­sor Uwe Ka­menz ist der­je­ni­ge, der auf­deck­te, dass die Dis­ser­ta­ti­on von Frank-Wal­ter Stein­mei­er (SPD) Un­ge­reimt­hei­ten ent­hält. Der Po­li­ti­ker hat die Ent­hül­lung als »ab­surd« zu­rück­ge­wie­sen. Nun muss die Uni­ver­si­tät Gie­ßen die Ar­beit über­prü­fen. In­des ar­bei­tet der an der Fach­hoch­schu­le Dort­mund leh­ren­de Wirt­schaft­s­pro­fes­sor wei­ter da­ran, das Pla­giat ab­zu­schaf­fen.
Warum und wie er das erreichen will, darüber hat er sich mit Bettina Kneller unterhalten.

Wie kam es dazu, dass Sie auf Steinmeiers Arbeit aufmerksam geworden sind?
Unser Schwerpunkt liegt auf den augenblicklichen Bundestagsabgeordneten. Und bei der Überprüfung durch unsere Software gab das System bei Steinmeiers Arbeit einfach »Rot« an und verschickte einen automatisch generierten Prüfbericht an die Universität. Es gibt 400 Textstellen, die übereinstimmen mit vorhandenen Textstellen in unserer Datenbank. Eine Textstelle gilt als gleich, wenn mindestens sieben Wörter gleich sind.
Allerdings wirft der Vorgang um Steinmeiers Promotion auch ein schlechtes Licht auf den Gutachter, der noch nicht mal bemerkt hat, dass Steinmeier sich selbst zitiert und dabei die Anführungszeichen vergessen hat. Ich gehe aber von mindestens zehn weiteren Plagiaten aus, die wir noch aufdecken werden - bei aktuell 120 Bundestagsabgeordneten. Unsere Datenbank wächst beständig und gerade bei Arbeiten älteren Entstehungsdatums kommen jeden Tag neue Dokumente hinzu, die dann mit dem Bestand abgeglichen werden.

Sie sind selbst in der Lehre tätig. Ist es für Sie nicht zwiespältig, alle diese offensichtlichen Versäumnisse und Verfehlungen aufzudecken?
Ich will nicht enthüllen, ich will aufklären - und das Plagiat irgendwann abschaffen. Fakt ist, dass Politiker nicht mehr plagiiert haben als andere auch. Aber Fakt ist auch, dass alle Universitäten wollen, dass solche Diskussionen möglichst schnell wieder im Sande verlaufen. Das Thema ist nicht sexy, wirft ein schlechtes Licht darauf, wie an vielen Universitäten wirklich gearbeitet wird. Viele Prüfer lesen Arbeiten nur grob oder gar nicht. Und viele Studierende kommen mit nachlässigen Machwerken durch.

Aber haben denn die Universitäten kein Interesse daran, diese Plagiatsdiskussion selbst anzupacken und aus der Welt zu schaffen?
Universitäten kämpfen zwar gegen Plagiate, aber das ist reiner Formalismus. Wollte beispielsweise die Universität Würzburg gründlich gegen Plagiate vorgehen, würde sie das bis zu 50 000 Euro in einem Jahr kosten. Das ist Geld, das die Institutionen meistens nicht haben. Das ist zeitaufwendig, damit wäre viel Personal beschäftigt - auch über solche Ressourcen verfügen die meisten nicht. Und dann ist es immer noch eine heikle Geschichte: Keine Uni möchte solche Überprüfungen durchführen, durch die dann bestimmte Fakultäten schlecht dastünden. Also lässt man - salopp gesprochen - lieber den Deckel auf dem Topf. Und dann ist da noch der Punkt Freiheit von Forschung und Lehre. Am Ende liegt der schwarze Peter nämlich beim einzelnen Professor. Und denen ist eine solche Überprüfung oft zu mühsam.

Die Unis mauern, die Bundespolitik hilft auch nicht. Wie sieht die Lösung aus?
Sobald unsere Finanzierung steht, kann jeder Studierende seine Arbeit bei uns einreichen, sie prüfen lassen und dann verbessern, falls nötig. Wir möchten eine ehrliche, wissenschaftliche Aufarbeitung. Und danach treten wir für eine Amnestie ein. All jene, die plagiiert haben, sollen rehabilitiert werden. Erst die Erkenntnis, dann der Schnitt. Das fänden wir fair.

Was hätten denn diejenigen Politiker in Ihren Augen machen sollen, bei denen Plagiate aufgedeckt wurden?
Die Schwäche bei allen war, dass sie sich gewehrt haben, es abgestritten haben - obwohl es eindeutig belegt werden konnte. Annette Schavan bestreitet beispielsweise bis heute, dass sie plagiiert hat. Dabei hätte sie eine echte Chance gehabt, wenn sie an der Aufarbeitung von Plagiatsfällen aktiv mitgearbeitet hätte oder zumindest diese als Bildungsministerin vorangetrieben hätte.

In Profnet.de tauchen auch Namen von Politikern aus der Region auf. Wie steht es mit deren Promotionen? Beispielsweise Winfried Bausback aus Aschaffenburg?
Bausback hat 1997 an der Universität Würzburg promoviert. Als ich ihn um seine Arbeit gebeten habe, hat er mir geantwortet, dass diese in allen deutschen Buchhandlungen erhältlich sei. Er war wohl pikiert ob meiner Anfrage. Aber seine Arbeit war einwandfrei.
Auch Anja Weisgerbers Promotion - 2002 an der Universität Würzburg abgeschlossen - galt bisher als in Ordnung. Aber im Moment deutet einiges darauf hin, dass es ein Plagiat sein könnte. Sicher weiß ich das aber erst in paar Wochen.
Für Sascha Raabe und Heinrich Kolb liegen noch keine Ergebnisse vor. Beide prüfe ich noch.

bInternet
www.profnet.de
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