»Ich kann für nichts garantieren«

Claus Weselsky: GDL-Chef übt scharfe Kritik am Bahnvorstand - »Wollen guten Organisationsgrad«

BERLIN
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Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), spricht während einer Pressekonferenz in der GDL-Hauptgeschäftsstelle. Bei der Urabstimmung haben sich 95 Prozent der teilnehmenden Mitglieder für einen Streik ausgesprochen. +++ dpa-Bildfunk +++
Foto: Arne Dedert

Der Streik der Lokführer bedeutet für viele Bahnkunden Chaos. Reisende sitzen fest, Pendler kommen nicht zur Arbeit. Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL, Foto: Arne Dedert/dpa), verteidigt den Arbeitskampf. Nicht er, sondern die Bahn trage dafür die Verantwortung.

Herr Weselsky, für viele Pendler, Urlauber oder Geschäftsreisende ist der Streik ein Schlag ins Gesicht. In Corona-Zeiten noch heftiger. Was sagen Sie den Betroffenen?

Ich bin Gewerkschaftsvorsitzender, ich nehme in Kauf, dass ich im Sturm stehe. Wobei ich im Moment feststelle: So krass weht der Wind gar nicht gegen uns. Es gibt auch Zustimmung von Bahnkunden. Wobei ich nicht erwarte, dass Betroffene Hurra schreien.

Aber noch mal: Der Frust ist groß bei vielen Kunden, die im Moment nicht wissen, wie sie von A nach B kommen sollen.

Es gibt keine Zeit, die richtig ist für einen Streik. Mit der Bahn sind viele Menschen unterwegs. Das weiß ich. Aber die Verantwortung für das, was gerade geschieht, tragen andere. Wir erwehren uns nur unserer Haut.

Spielt Corona in ihren Überlegungen überhaupt keine Rolle? Jetzt gilt der Notfahrplan, die wenigen Züge sind noch voller.

Moment. Wir leben in einer völlig anderen Pandemie-Phase als noch im vergangenen Jahr. Während der Hochzeit der Corona-Krise galten unsere Kollegen als systemrelevant. Also wollen wir wie andere Systemrelevante anständig bezahlt werden. Wir sind übrigens die ganze Corona-Zeit fast volles Angebot gefahren. Die Reduzierung war höchstens zehn Prozent.

Was werfen Sie der Bahn konkret vor?

Am 7. Juni sind die Tarifverhandlungen gescheitert aufgrund eines Angebotes, das wir als unterirdisch bezeichnen. Bahnvorstand Seiler hat die Öffentlichkeit angelogen, in dem er immer wieder behauptet hat, er habe das Angebot verbessert. Dabei hat sich nichts verändert, noch nicht einmal um einen Millimeter. Und jetzt beweint Seiler, dass wir nicht mehr am Verhandlungstisch sitzen. Die Bahn hat ein Angebot vorzulegen, das vergleichbar ist mit den Abschlüssen im öffentlichen Dienst und nicht dem Notlagentarifvertrag für Flughäfen.

Die Bahn sagt, Sie eskalieren unnötig. Sie bietet 3,2 Prozent in zwei Etappen, Laufzeit bis 2024, also 40 Monate.

Sie dürfen die Tarifarithmetik doch nicht außer Acht lassen: Wenn man einen Abschluss über 40 Monate eingeht, liegt man pro Jahr unter einem Prozent. Während wir mit geforderten 28 Monaten noch bei 1,5 Prozent liegen. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Sie fordern also?

1,4 Prozent mehr Lohn im Jahr 2021 plus eine Corona-Prämie von 600 Euro. In 2022 dann 1,8 Prozent, so dass wir eine Erhöhung wie im öffentlichen Dienst von 3,2 Prozent bekommen. Die Laufzeit soll 28 Monate betragen. Außerdem fordern wir Tarifverträge für GDL-Beschäftigte wie Fahrdienstleiter oder Werkstattmitarbeiter. Und: Wir wenden uns auch gegen die Einkürzung der Betriebsrenten. Da zeigen wir der Bahn die dunkelrote Karte.

Müssen Sie bei ihren Forderungen nicht die zusätzlichen Milliardenverluste der Bahn durch Corona und die Flutschäden berücksichtigen?

Die Verluste sind doch vom Bund ersetzt worden. Es geht um Verteilungsgerechtigkeit; um die Frage, ob ein Manager sich die Taschen füllen kann nicht zuletzt mit einer eigenen Altersversorgung von zum Teil 20 000 Euro monatlich. Aber zugleich will man dem kleinen Eisenbahner die Betriebsrente streichen. Damit das klar ist: Wir werden die Betriebsrenten nicht für die Corona-Ausfälle opfern.

Ihnen wird vorgeworfen, hinter dem Streik stecke ein Machtkampf mit der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG. Geben Sie das zu?

Den Schuh ziehe ich mir nicht an. Wir haben eine ganz normale Auseinandersetzung über Arbeitszeit- und Geldfragen. Einen Machtkampf gibt es nicht. Wir hatten 3000 Eintritte in die GDL in den letzten zwölf Monaten. Davon waren lediglich 25 Prozent von der EVG, der Rest waren Unorganisierte. Das ist weder strafbar, noch werde ich als Gewerkschafter Eintritte ablehnen. Auch wir wollen Mitglieder haben und einen guten Organisationsgrad. Weil uns das die notwendige Stärke gegenüber den Arbeitgebern verleiht.

Hand aufs Herz, wird es eine Lösung geben, oder wird nächste Woche wieder gestreikt?

Ich kann für nichts garantieren. Die Arbeitgeberseite hat jetzt Gelegenheit, sich zu bewegenund ein neues Angebot vorzulegen. Schauen wir mal, ob der Bahnvorstand begriffen hat, was wir von ihm erwarten. Wenn nicht, werden wir nachlegen. Aber das machen wir nicht überhastet.

Hintergrund

» Schauen wir mal, ob der Bahnvorstand begriffen hat, was wir von ihm erwarten. «

Claus Weselsky, GDL-Vorsitzender

Hintergrund

» Wir werden

die Betriebsrenten nicht für

die Corona-Ausfälle opfern. «

Claus Weselsky, GDL-Vorsitzender

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