Hände waschen und Abstand halten im Slum?

Afrika: Corona-Virus greift die Ärmsten an - Enge in Städten macht Eindämmung extrem schwer - Gesundheitssystem meist schwach

JOHANNESBURG/NAIROBI
4 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Mehr zum Thema: Afrika bewegt
Zusammenrücken: Auf den Straßen in Monrovia (Liberia). Archivfoto: André Breitenbach
Foto: Andre Breitenbach

Im Armenviertel Kibera in Kenias Hauptstadt ist das normale Leben schon eine Herausforderung: Zigtausend Menschen auf engstem Raum, hygienische Verhältnisse, die unbeschreiblich sind. Giftiges Abwasser sucht sich seinen Weg zwischen windschiefen Hütten. Was, wenn hier in einem der größten städtischen Slums der Welt Corona grassiert. »Händewaschen, Desinfektionsmittel nutzen, Abstand halten« - solche Empfehlungen müssen hier wie Hohn klingen?

Was in vielen Teilen der Welt im Kampf gegen die Corona-Krise propagiert wird, wird in Afrika zum Kampf gegen Windmühlen. Im Alltag ist für viele Afrikaner der Zugang zu fließendem Wasser nach wie vor ein mühseliges Unterfangen. Zwischen Sudan und Simbabwe leben viele Menschen oft von der Hand in den Mund und haben kaum finanzielle Rücklagen für den Vorrätekauf. Einige haben auch Vorerkrankungen oder leiden unter Unterernährung.

Lange blieb es um Covid-19 in Afrika ruhig. Die Hoffnung war groß, dass die Krankheit den Kontinent nicht erreicht. Oder, dass sich das Virus Sars-CoV-2 im wärmeren Klima schwerer tut. Doch die Illusion ist zerbrochen.

Minister für Weltkrisenstab

Inzwischen gibt es der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge Infektionen in fast allen Ländern. »Aktuell ist das weltweite humanitäre System nicht auf einen größeren Ausbruch von Covid-19 in Krisengebieten und chronisch armen Regionen vorbereitet«, warnte jüngst der Generalsekretär von der Organisation Care Deutschland, Karl-Otto Zentel. »Ärmere Länder mit einer extrem schwachen medizinischen Infrastruktur müssen jetzt unterstützt werden.« Das fordert auch Entwicklungsminister Gerd Müller. Im Interview mit dem »Spiegel« sagt er: »Corona ist ein globaler Weckruf zur Zusammenarbeit. Besiegen wir das Virus nicht weltweit, wird es auch bei uns in Deutschland, in Europa bleiben. Das muss jedem klar sein.« Afrika sei in der Corona-Entwicklung etwa zwei Monate zurück. Diese Zeit müsse man nutze, um »Maßnahmen einzuleiten und diese Länder in ihrem Kampf gegen das Virus zu unterstützen, wo wir nur können.« Müller schlägt einen Weltkrisenstab unter der Führung von Antonio Guterres, dem Uno-Generalsekretär, vor.

Bis dahin wäre es wichtig, Standardempfehlungen einzuhalten. Doch nicht nur der Zugang zu Wasser und Seife ist in vielen afrikanischen Ländern schwierig, auch das Abstandhalten ist kaum wie in Europa umzusetzen.

So haben nach Schätzungen der Uno in Kibera zwischen 500 000 und 700 000 Menschen ihr Zuhause. Sie wohnen in kleinen Hütten, die sich oft etliche Familienmitglieder teilen. Wenige haben fließendes Wasser, die wenigsten ihre eigene Toilette.

Natürlich ist bei solchen Verhältnissen auch das Home Office für die allermeisten eine Fantasie. In den Städten verdienen Abermillionen ihr Geld mit Jobs auf der Straße. Als Verkäufer, Bauarbeiter oder Handwerker von Zuhause aus arbeiten? So quetschen sich in Südafrika täglich etwa 16 Millionen Menschen auf dem Weg zur Arbeit in die vollgestopften Minibus-Taxen. Nicht anders ist es in anderen Metropolen - ob im tansanischen Daressalam, im westafrikanischen Monrovia oder in Ägyptens Megacity Kairo mit fast zehn Millionen beziehungsweise 20 Millionen Einwohnern in der Metropolregion. Auf Distanz zu Mitmenschen ist man selten.

Obwohl viele Länder mit weitreichenden und drastischen Maßnahmen versuchen, ihre Bevölkerung vor einer Infizierung zu schützen, reicht ihre Infrastruktur bei einer hohen Zahl von Erkrankten kaum aus. An allem fehlt es: Intensivbetten, Ärzte, Krankenschwestern, Atemgeräte.

Kriege erschweren Lage

Malawi etwa hält nach Angaben des nationalen »Medical Journals« in seinen Hospitälern gerade mal eine zweistellige Zahl von Notfallbetten vor für seine gut 18 Millionen Menschen starke Bevölkerung vor. Andere Länder wie Kamerun oder Kongo haben Konflikte auf ihrem Staatsgebiet, was die Gesundheitsvorsorge und die Aufklärung über das Virus schwierig werden lässt. China hat zwar einigen Staaten logistische Hilfe angeboten, kämpft aber selber mit dem Virus und seinen Folgen. Bei alledem ist die Sorge groß, dass die Menschen in Afrika womöglich mehr gefährdet sind als die Bewohner anderer Regionen. »Wir haben eine jüngere Bevölkerung als viele Länder, die von diesem Ausbruch betroffen sind«, sagte Moeti. »Aber uns muss klar sein, dass es unter den jungen Menschen in Afrika in manchen Gegenden eine hohe HIV-Rate gibt.« Diese Menschen könnten demnach wegen schwächerer Immunsysteme anfälliger sein. 2018 lebten weltweit der UN-Organisation UNAids zufolge 37,9 Millionen Menschen mit HIV, davon waren rund 25,6 Millionen in Afrika südlich der Sahara. Zudem ist die Unterernährung und die Zahl von Vorerkrankungen in Afrika sehr hoch.

Dazu kommt: Was bewirken Ausgangssperren und wirtschaftliche Verlangsamung. Das relativ gut entwickelte Südafrika hat kürzlich einen Lockdown beschlossen. Zur echten Überlebensprobe wird es beim extrem verarmten Nachbarn Simbabwe, einem durch Misswirtschaft und selbst gewählte Isolation völlig heruntergewirtschafteten Staat. Auch dort gilt seit kurzem eine strenge Ausgangssperre. »Sie sind kaum in der Lage, von Tag zu Tag zu überleben - wie soll das drei Wochen lang gut gehen?, fragt ein Experte.

Seit kurzem sprießen in der Hauptstadt Harare Straßensperren aus dem Boden. Die Polizei mobilisiert in Kampfausrüstung, bereit, jeden, der gegen die Anweisungen der Regierung verstößt, nach Hause oder in den Arrest zu schicken. Bis zu ein Jahr Gefängnis steht auf eine Verletzung der Ausgangssperre; 20 Jahre erwarten den, der Falschinformationen über Corona verbreitet.

Neue Hungersnöte

Manche Experten sehen in der Ausbreitung des Virus nur ein erstes Problem. »Kommt es zu weiteren Lieferengpässen, sind Hungersnöte auf unserem Kontinent die größte Bedrohung«, warnt zum Beispiel Senait Bayessa, Regionalleiterin der SOS-Kinderdörfer in Süd- und Ostafrika. Denn ohne Importe würde es schnell zu Versorgungsausfällen kommen. Und dann hätten arme Familien keine Möglichkeit, sich mit Nahrungsmitteln und Lebenswichtigem zu versorgen.

Randnotiz: Da inzwischen auch in vielen Regionen Afrikas Schulen geschlossen wurden, um die Ausbreitung des Virus zumindest zu bremsen, müssen abertausende Schulkinder auf das einzige warme Essen am Tag verzichten. »Afrika wird die Pandemie extrem schwer treffen«, warnt Bayessa.

Was wäre für Afrika und andere arme Regionen nötig? Nur ein bisschen mehr als die USA für sich allein brauchten sämtliche Entwicklungs- und Schwellenländer zusammen, um fürs Erste durch die Covid-19-Wirtschaftskrise zu kommen. Das schätzte das Sekretariat der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung in Genf in einer ersten Analyse. Die Ökonomen sehen Bedarf für ein Rettungspaket im Umfang von 2,5 Billionen Dollar (knapp 2,3 Billionen Euro) über die nächsten zwei Jahre, darunter Kredite und Schuldenerlass. Die USA hatten ein Konjunkturpaket über zwei Billionen Dollar aufgelegt. Ein Teil davon sind Darlehen.

Hintergrund

Afrika:Gedränge in Städten und Slums, die große Leere in ländlichen Regionen.

Was kommt mit der Corona-Pandemie auf den Kontinent und seine

rund 1,3 Milliarden Menschen zu?

Hintergrund

» Afrika wird die Pandemie

extrem schwer treffen. «

Expertin,von SOS-Kinderdörfer

Hintergrund: WHO-Chef verlangt Schuldenerlass für arme Länder

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat einen Schuldenerlass für ärmere Länder gefordert, damit sie die Folgen der Coronavirus-Pandemie meistern können. »Wir müssen zusammenstehen, um dieses unbekannte und gefährliche Virus zu bekämpfen«, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus jetzt in Genf.

»Obwohl es relativ wenig bestätigte Infektionen mit dem Virus, das Covid-19 auslösen kann, in Afrika, Zentral- und Südamerika gibt, ist uns klar, dass Covid-19 ernstzunehmende soziale, wirtschaftliche und politische Konsequenzen für diese Regionen haben könnten«, sagte der WHO-Chef.

Auch dort müssten Länder aber in der Lage sein, Menschen zu testen, Infizierte zu isolieren und Kontakte von Infizierten zu überwachen. Zudem bräuchten ärmere Menschen Hilfe, die ihre Jobs wegen der Ausgangseinschränkungen verlieren. »Viele Entwicklungsländer werden es schwer haben, soziale Programme aufzulegen«, sagte Tedros. (dpa)

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!