»Gibt keinen Grund, besorgt zu sein«

Christian Albring: Frauenärzte-Verbandschef über eine Häufung von Fehlbildungen bei Babys

BERLIN
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HANDOUT - Zum Themendienst-Bericht von Sabine Meuter vom 12. Dezember 2018: Dr. Christian Albring ist Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Foto: BVF/dpa-tmn - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung des vorstehenden Credits - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++ | Verwendung weltweit
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Nach einer Häufung von Fehlbildungen bei Babys in einer Gelsenkirchener Klinik machen sich viele werdende Eltern Sorgen über ihren noch ungeborenen Nachwuchs. Über mögliche Ursachen und Gegenmaßnahmen sprach unsere Berliner Redaktion mit dem Präsidenten des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF), Christian Albring (Foto: BVF/dpa-tmn).

Herr Albring, drei Babys mit deformierten Händen innerhalb von zwölf Wochen in einer Klinik - ist das Zufall, oder steckt mehr dahinter?

Das wissen wir nicht. Fehlbildungen der Hände oder Füße sind sehr selten, sie treten mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 1:10 000 auf. Dass innerhalb weniger Wochen drei solcher Fälle auftreten, scheint zunächst zwar ungewöhnlich. Aber es gibt in Deutschland kein Fehlbildungs-Register, und deshalb erlauben diese Meldungen zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt keine Einschätzung und Aussage.

Viele fühlen sich an den Contergan-Skandal in den 1960er Jahren erinnert, als es wegen eines Medikaments zu häufigen Fehlbildungen bei Neugeborenen kam...

Es wäre nicht seriös, hier zum jetzigen Zeitpunkt Vermutungen anzustellen. Aber es könnte eine Korrelation zu einem hohen Gewicht der Mutter geben. Wir müssen daher abwarten, bis die von den Gesundheitsministerien der Länder geplanten Abfragen abgeschlossen sind.

Sie haben es schon erwähnt: In Deutschland gibt es keine zentrale Stelle, bei der Fehlbildungen von Babys registriert werden. Es könnte also noch viel mehr Betroffene geben.

Ein bundesweites Register könnte nur funktionieren, wenn es eine Meldepflicht von Fehlbildungen gäbe. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat ein solches Register inzwischen gefordert. Inwieweit eine Meldepflicht für angeborene Veränderungen bei Neugeborenen sinnvoll und hilfreich wäre, oder ob eine solche Meldepflicht eventuell auch gegen die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verstoßen würde, muss intensiv diskutiert werden.

Wie sollten besorgte angehende Eltern jetzt reagieren?

Es gibt keinen Grund, besorgt zu sein. Die häufigsten Fehlbildungen sind solche des Herzens; sie werden oft schon während der Schwangerschaft im Ultraschall entdeckt und können in aller Regel sehr gut behandelt werden. Fehlbildungen der Hände oder Füße sind viel seltener. Sie könnten bei guter Sicht und schlanken Patienten eventuell bereits während der Schwangerschaft im Ultraschall festgestellt werden. Aber diese Diagnostik ist in den gesetzlich vorgesehenen drei Ultraschalluntersuchungen nicht eingeschlossen, da diese Fehlbildungen auch nicht lebensbedrohlich sind. Die Untersuchungen der Hände und Füße werden nur bei der Ultraschall-Feindiagnostik eingeschlossen, aber auch da kann es durch eine ungünstige Lage des Kindes passieren, dass etwas übersehen wird.

Können die Fehlbildungen behandelt werden?

Solche Fehlbildungen können heute medizinisch hervorragend versorgt werden. Eltern, bei deren Babys solche Veränderungen eventuell schon während der Schwangerschaft oder auch nach der Geburt festgestellt werden, werden intensiv medizinisch und psychologisch betreut und gegebenenfalls mit Selbsthilfegruppen in Kontakt gebracht. In jedem Jahr kommen über 10 000 Babys mit erheblichen, angeborenen und bleibenden Schädigungen auf die Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben. Tausende Babys werden zu früh und mit Entwicklungsstörungen geboren, weil ihre Mütter in der Schwangerschaft geraucht haben. Diese Zahlen und vermeidbaren Schicksale machen uns sehr viel mehr Sorgen.

Hintergrund: Warnung vor voreiligen Schlüssen

Experten der Mainzer Uniklinik haben nach der ungewöhnlichen Häufung von Hand-Fehlbildungen bei Neugeborenen an einer Klinik in Nordrhein-Westfalen vor voreiligen Schlüssen gewarnt. Der Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin, Fred Zepp, sprach »erstmal nur von einem frühen Signal«. Es müsse jetzt untersucht werden, wie stark sich die Befunde der Hand-Fehlbildungen ähnelten und ob es sich tatsächlich um eine Häufung oder nur um zufällige Ereignisse handle, sagte er in Mainz.

Im Gelsenkirchener Sankt Marien-Hospital Buer waren in zwölf Wochen drei Kinder mit fehlgebildeten Händen geboren worden. Die Bundesländer wollen bei Krankenhäusern nun abfragen, ob ähnliche Fehlbildungen aufgefallen sind.

Vor Panikmache warnten auch einige Mediziner im MDR. Der Leiter des Fachbereiches Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Uniklinikum Dresden, Mario Rüdiger, beispielsweise sagte: »Es gibt gelegentlich die Situation, dass eine seltene Erkrankung für eine lange Zeit nicht aufgetreten ist, und dann plötzlich mehrere Kinder nacheinander betroffen sind.«

Die Mainzer haben von 1990 bis 2016 in einem Geburtenregister alle Neugeborenen in der Region erfasst und dabei in Rheinhessen keine Häufung von Hand-Fehlbildungen festgestellt. Dies gelte auch für die vergangenen zwei, drei Jahre. In den mehr als 25 Jahren des Geburtenregisters seien fast 100 000 Neugeborene untersucht und erfasst worden.

Die Mainzer Mediziner forderten solche Register für 10 bis 15 Prozent der jährlich mehr als 700 000 Geburten in Deutschland. Dies wäre eine hervorragende Basis für Fragen zu neu entstehenden Fehlbildungen. Ein nationales Register für Fehlbildungen sei aber nicht notwendig. (dpa)

Hintergrund

» Es wäre nicht seriös, hier zum jetzigen Zeitpunkt

Vermutungen anzustellen. «

Christian Albring, Frauenärzte-Verbandschef

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