Erst Strip-Boy-Show in der Bar, später Karaoke

Istanbul: 14-Millionen-Stadt am Bosporus boomt als eine der buntesten schwul-lesbischen Spielwiesen Europas

Istanbul
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. Nur ein paar Meter entfernt von der Moschee, von der pünktlich fünfmal am Tag der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft, kündigt ein Plakat am Bar-Eingang die Höhepunkte des Abends an: erst Strip-Boy-Show, später Transen-Karaoke.
Vor ein paar Jahren wäre das in Istanbul noch undenkbar gewesen. Die .

Das zieht Touristen an. »Tagsüber Moscheen, Paläste und Museen besichtigen, nachts abtanzen mit Gleichgesinnten in einem coolen Club«, schwärmt Tom (24) aus Erfurt. Für ihn und seinen Partner Sven (26) ist genau das die »geile Mischung« für ein verlängertes Wochenende.
Abgestiegen sind sie im schwulen-freundlichen Hotel »Buyuk Londra«, einem Haus von vergangener Schönheit, mit Kristall-Kronleuchtern im Stil der Zeit des Orient-Expresses und einer Bar voll lebendiger Papageien. Für 50 Euro das Doppelzimmer ist das ein erschwinglich-exzentrischer Unterschlupf im Herzen der Gay-Szene.
Rezeptionist Azimet Karakus (45) freut sich: »Seit Monaten sind wir ausgebucht«. Sven erzählt, was ihn an der Stadt beeindruckt: »Alles! Die multi-kulturelle Atmosphäre kann ich fühlen. Heute waren wir auf Basaren, gleich gehen wir lecker orientalisch Essen - und dann ab ins Nachtleben«. Zum Beispiel in die »Bar Bahce«: Gleich um die Ecke vom Deutschen Krankenhaus am Siraselviler Boulevard, am oberen Ende der noblem Einkaufsmeile Istiklal im Stadtteil Beyoglu. Von weitem hörbar dröhnt der »Türk-Pop«.
Gegen Mitternacht ist der Schuppen so voll, dass keiner mehr reinpasst. Drinnen tummeln sich auf zwei Stockwerken Jungs in Boss oder Dolce&Gabbana, die Haare dick mit Spray zurechtgekleistert. Das Publikum ist jung, trinkt Corona-Flaschenbier oder Raki. Einige stehen eng umschlungen in den Ecken. So schrill wie die Musik sind Kleidung und Gespräche.
Und so wie im Bahce strotzt ganz Beyoglu, der Rotlicht-Bezirk Istanbuls im alten griechischen Zentrum auf der europäischen Seite, vor gleichgeschlechtlicher Lebens- und Party-Energie. Zählt man zusammen, was einschlägige Websites aufführen, kommt man auf über 80 Bars, Clubs, Saunas, Hamams, Cafes, Restaurants und Hotels mit dem Regenbogensymbol. Hinter Namen wie »Dejavue«, »Chanty«, »Bar 17«, »Sarah« oder »After Party« verbirgt sich von der schwulen Edel-Bar bis zur Stricherkneipe das ganze Spektrum homoerotischer Nuancen. »Istanbul steht derzeit an der Spitze des gay tourism. Besonders Kurztrips und verlängerte Wochenenden sind gefragt«, bestätigt Peter Kirchner, der ein spezialisiertes Reisebüro in Frankfurt führt.
Die Türkei erlaubt schwule Beziehungen (im Gegensatz zu den meisten muslimischen Staaten, wo auf Homosexualität oft drakonische Strafen stehen), das Schutzalter liegt bei 18 Jahren. Seit Jahrzehnten singen sich in der Top-Liga türkischer Musik Transsexuelle wie Bülent Ersoy oder Zeki Müren in die Herzen des Volkes. »Ausländer, auch Schwule, sind traditionell willkommen. Nur Vorsicht - auch im Milieu werden sie schon mal bei der Rechnung reingelegt«, warnt Yasin (27) vom Schwulen-Verein Lambda.
Den Verein gibt es seit 16 Jahren. Lambda hat auch schon Gay-Pride-Aufmärsche organisiert - einige endeten blutig unter Polizeiknüppeln. Denn die Akzeptanz hat Grenzen. »Schwul sein in der türkischen Gesellschaft wird immer dann zum Tabu, wenn jemand aus der eigenen Familie, der eigenen Nachbarschaft betroffen ist. Dann fangen die Probleme an«, erzählt Yasin. Das Motto seines Vereins lautet übersetz: »Ihr seid weder falsch noch alleine.« Trotz - oder gerade wegen - der extrem religiösen Regierung gewinnt diese Einsicht an Boden. »Die neue Welle des Schwulen-Tourismus kommt zur rechten Zeit«, freut sich Yasin.
Matthias Weimer
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