Ein Leben als versteckter Jude im Berlin der Nazizeit

Sechs Schüler befragten vier Jahre lang einen heute 88-jährigen Zeitzeugen und veröffentlichten ein Buch

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Ein Leben als versteckter Jude im Berlin der Nazizeit
Jüdische Schicksale: Rolf Joseph (rechts) und sein Bruder Alfred bei der Vorstellung des Buches "Ich muss weitermachen" im Dezember 2007 in Berlin.
Foto: Henson Stehling
BERLIN-WILMERSDORF
Ein begreifbares Erlebnis musste her

Religionslehrers Albrecht Hoppe hatte vor vier Jahren eine bittere Erkenntnis gemacht: Der detaillierte Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus sorgte bei vielen Schülern für Desinteresse und genervte Reaktionen. Ein begreifbares Erlebnis musste her. Hoppe besuchte mit seinen Schülern die Synagoge in der Pestalozzistraße. "Ich kann auch zu Ihnen in die Schule kommen, wenn Sie mehr wissen wollen", bot dort überraschend ein Weißhaariger dem Lehrer und seinen Schülern an. Gesagt, getan.

Wenig später berichtete Rolf Joseph in der Religionsstunde an dem Gymnasium im bürgerlichen Stadtteil Wilmersdorf aufmerksamen Zuhörern aus seinem Leben: Flucht vor der SS, als er gerade zufällig nach Hause kommt und die Deportation seiner Eltern sieht. Zwei Monate lang lebt der 20-Jährige versteckt mit seinem 19-jährigen Bruder im Wald, am Stadtrand im Tegeler Forst: Ohne Geld, ohne Lebensmittelmarken, mit etwas Bettelei und einer Imbissbude. In seiner Not spricht er schließlich in seinem Heimatbezirk eine wildfremde Dame an, von der er nur weiß, dass sie gelegentlich mit seiner Mutter geplaudert hat. Die nimmt ihn bei sich auf. Später wird er aufgegriffen, mit gefälschtem Pass, weil gerade der Allerweltsname aus diesem Pass auf der Suchliste jener steht, die sich der Wehrmacht entziehen. Wochenlange Folter und Dunkelhaft, bei der er seine Helfer preisgeben soll.


Flucht aus dem Transport nach Auschwitz mit ein paar forschen Gleichgesinnten durch Zerstörung der Holzwände und Sprung aus dem fahrenden Zug, Flucht vor den Häschern, die den Ausbruch bemerkt haben. Festnahme nach drei Tagen im Spreewald, Transport mit der "Grünen Minna" zur Gestapo nach Berlin-Wedding. Dem abermals bereit stehenden Transport nach Auschwitz entkommt der 20-Jährige dank einer Krankenhauseinweisung: Voller Verzweiflung zerkratzt er sein Gesicht mit den Fingernägeln: Er kennt die panische Angst der SS-Männer vor ansteckenden Krankheiten. Ein unbekannter SS-Arzt attestiert ihm wider besseres Wissen Scharlach. Die absichtliche Fehldiagnose schenkt Rolf Joseph zwei Wochen Zeitgewinn als Patient.


Aus dem Krankenhaus will ihn die SS nach genau zwei Wochen abholen und wartet bereits im Treppenhaus. Doch Joseph bekommt einen Tipp, flüchtet aus dem Fenster im zweiten Stock durch Sprung auf den Hof, wird verfolgt und entkommt ? mit angebrochenem Rückgrat. Der junge Mann hat Glück: Jene etwas merkwürdige Dame, die ihn bereits vor seiner Odyssee versteckt hatte, nimmt ihn wieder auf, verbirgt auch noch seinen Bruder, wird dann aber selbst ausgebombt. Ein vermeintlicher alter Freund verspricht Brot und verrät ihn. Festnahme ? und abermals flüchtet Joseph vor der Polizei. Für eine Weile bietet ein Schrebergarten Asyl. Misstrauisch von Gartennachbarn beäugt, denn junge Männer ohne Kriegspflicht sind in diesen Zeiten verdächtig. Rolfs ebenfalls versteckter Bruder gerät kurz vor Kriegsende noch ins KZ. Am Ende des Zweiten Weltkriegs stößt er auf das Misstrauen der Russen, ob der vorgebliche Jude nicht doch ein getarnter Nazi sei.


Die Gymnasiasten waren schwer beeindruckt von der Geschichte. "Das müsste man doch mal aufschreiben", kam spontan die Idee bei den Schülern. Kein Lehrer glaubte, dieses Interesse würde lange anhalten. Neun Schüler begannen Joseph privat zu besuchen, und hatten immer wieder weitere Nachfragen. Sechs Schüler blieben bei dem Projekt: Fabian Herbst, Dorothea Ludwig, Samira Sangkohl, Pia Sösemann, Simon Strauß und Simon Warnach "adoptierten" den alten Herrn im Laufe der Jahre. Sie trafen sich in seiner Wohnung, bei den Eltern, an Tatorten, Krankenhausfenstern und in Schrebergärten. Während sie zunächst das Gefühl hatten, nur zu einem interessanten Mann zu fahren, kam es ihnen später so vor, als besuchten sie ihren eigenen Opa. "Herr Joseph, wir haben da noch ein paar Fragen: Wie war das noch, als Sie....?", baten die Autoren immer wieder um detailliertere Angaben.


Dabei war die Routine des Zeitzeugen anfangs ein Problem: Er hatte so oft Vorträge vor Schulklassen gehalten, dass er sein Manuskript auswendig konnte. "Wir unterbrachen ihn manchmal vorsichtig, wenn wir merkten, dass er in seinen bekannten Schultext verfiel, und sprangen oft wild in seiner Lebensgeschichte umher", so die Abituraspiranten. Eine ökumenische Truppe ? vier evangelisch, einer katholisch, eine griechisch-orthodox.


Bisweilen verblasste dem heute 88-Jährigen die Erinnerung. Dann griff er zum Telefon und sagte zu seinem ein Jahr jüngeren Bruder "Ey, Keule (liebevoller berlinischer Begriff für den Bruder), ick muss Dir ma wat fragen, wie war denn dit?" Kaum waren die sechs von einem Jahr Aufenthalt aus dem Ausland zurück, machten sie da weiter, wo sie aufgehört hatten. "Nach jedem Treffen sagte jemand, wir müssen weiter machen", berichtet Samira Sangkohl, "und wir hatten das Gefühl, das sind wir ihm doch schuldig". Dass die Zusammenarbeit vier Jahre dauern würde, damit hatte freilich niemand gerechnet.


Projekt entwickelte Eigendynamik

"Zunächst versuchten wir, das Buch demokratisch zu schreiben", erinnert sich Pia Sösemann. "Wir diskutierten zwei Stunden über zwei Sätze ? mit denen waren dann aber alle zufrieden." Später wuchs das Vertrauen, die Beteiligten auch Abschnitte allein schreiben zu lassen. "Als Auflage war genau ein Exemplar geplant, und zwar für Rolf Joseph", so Samira Sangkohl. Ein paar Computerausdrucke mehr wären auch in Ordnung gewesen. Doch zum Ende entwickelte das Projekt weitere Eigendynamik. Die Eltern eines Autoren kannten den Verleger Wolf Jobst Siedler jun.. Der übernahm das Lektorat. In einer Eilentscheidung schoss der Förderverein Freunde des Grauen Klosters die Druckkosten der ersten Auflage vor. Zu Weihnachten 2007 konnte die Biografie als Taschenbuch erscheinen ? ohne Verlag. Zur Vorstellung kamen neben Staatssekretärin Barbara Kisseler hochrangige Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlin, unter anderen deren Vorsitzender Alexander Brenner und die Witwe von Heinz Galinski.


Das Buch "Ich muss weitermachen ? Die Geschichte des Herrn Joseph" ruft nicht nur in Erinnerung, dass es normale Mitbürger waren, die da deportiert und vernichtet werden sollten. Es führt auch die vielfältigen Unterdrückungs- und Verrats-Mechanismen vor Augen. Die 80 Seiten veranschaulichen konzentriert Leben und gefährliche Unwägbarkeiten der Jahre 1938 bis 1946. Henson Stehling


INFO: Gruppe Joseph (Fabian Herbst, Dorothea Ludwig, Samira Sangkohl, Pia Sösemann, Simon Strauß und Simon Warnach): "Ich muss weitermachen ? Die Geschichte des Herrn Joseph". 80 Seiten, 5,90 Euro, 16 Fotos, kein Verlag, keine ISBN, erhältlich bei Schleichers Universitäts-Buchhandlung an der Freien Universität (auch Versand), Königin-Luise-Straße 41, 14195 Berlin, Tel: 030 841 902-0, Fax: 030-841 902-13, schleichers@gmx.de, www.schleichersbuch.de Kontakt zum Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster: www.graues-kloster.de
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