Die »schnelle Rückführung« und ihre Tücken

Migration: Jahrelang in Deutschland geduldete Afghanen fühlen sich als Opfer der aktuellen Politik

München
1 Min.

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Wenn Fl¸chtlingsfamilien getrennt werden
Fühlen sich als Opfer der Politik: Afghanische Flüchtlinge in Deutschland. Foto: dpa
Foto: Matthias Bein (dpa-Zentralbild)
Sch­nel­le Rück­füh­rung der ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­ber und der Flücht­lin­ge »oh­ne Blei­be­per­spek­ti­ve« in ih­re »si­che­ren Her­kunfts­län­der« wird an­ge­sichts des nicht en­den wol­len­den Flücht­lings­strom all­seits ge­for­dert. Als Op­fer die­ses par­tei­über­g­rei­fen­den Grund­kon­sen­ses füh­len sich vie­le in Deut­sch­land le­ben­de Afg­ha­nen, über de­nen nach jah­re­lan­gen Au­f­ent­halt jetzt das Da­mo­k­les­schwert der Ab­schie­bung schwebt.
»Was soll an Afghanistan sicher sein?«, fragt der in Landshut lebende Jurist Abdullah O.: »Warum lebt der Sohn unseres Präsidenten in den USA?«
Abdullah O. lebt seit sechs Jahren in Deutschland. Nach einer Wartezeit von vier Jahren arbeitete er in einem Industriebetrieb, doch jetzt ist das vorbei, weil sich sein bisher gefestigter Aufenthalt gleichsam »verflüssigt« hat. Nur noch bis 17. November wird sein Dasein in Bayern »geduldet«, danach kann er jederzeit unangekündigt abgeschoben werden.
Auch seine Landsleute Hassan M. (23) aus Nürnberg und Farhad A. (21) aus Landshut können nicht mehr ruhig schlafen. Immer wenn es an der Tür klingelt, fürchten sie, abgeholt und in ein Flugzeug nach Kabul verfrachtet zu werden. »Manchmal wünsche ich mir, dass ich sterbe«, sagt Hassan. Auch Abdullah hat suizidale Gedanken: »Besser in Deutschland sich selber umbringen«.
Alles andere als friedlich
Dass der deutsche Staat mit Abdullah, Hassan und Farhad nun auf einmal keine Geduld mehr hat, liegt natürlich am Flüchtlingsstrom und dem dadurch ausgelösten Druck, die Zahl der hier lebenden abgelehnten Asylbewerber abzubauen. Afghanistan ist zwar alles andere als ein friedliches Land, aber in bestimmten Regionen des Landes bestehe für junge Männer die Möglichkeit, ein Dasein am Existenzminimum zu führen, übersetzt Markus Geisel vom Flüchtlingsrat die Haltung der Ausländerbürokratie.
Der Meinung ist auch die Regierung in Kabul, die Berlin zugesagt hat, abgeschobene Landsleute zurückzunehmen. Für Abdullah O. ist das alles ein schlechter Witz: Die Leute in der afghanischen Regierung seien »alle Mafiosi, handeln mit Drogen und bringen Leute um«. Nicht einmal die Lage in Kabul sei sicher und Arbeit gebe es für Heimkehrer sowieso nicht. »Wenn Afghanistan sicher ist, was machen dann alle die fremden Soldaten dort?«, fragt der gelernte Jurist ohne eine Antwort zu erwarten.
Sichere Regionen?
Die Einschätzung der verzweifelten Flüchtlinge wird von fachkundigen Beobachtern geteilt. Wenn es in Afghanistan sichere Regionen gebe, dann gebe es die genauso auch in Syrien, dem Irak und Eritrea, sagt ein Insider, der jahrelang am Hindukusch tätig war: »Wo ist da die amtliche Logik?«.
Die scheint auch zu fehlen, weil man in Deutschland Farhad und Hassan Deutsch-Kurse und eine berufliche Ausbildung erlaubte. Jetzt aber kreisen seine Gedanken um die drohende Abschiebung, bekennt Hassan, der schon eine Lehrstelle in Aussicht hatte. Jetzt vergesse er allmählich, was er jahrelang gelernt habe: »Mein Kopf ist irgendwo anders«.
Ralf Müller
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