"Der Verfall geht sehr viel schneller, als man sich das vorstellen kann"

Karin Drda-Kühn: Die Geschäftsführerin einer auf Kulturtourismus spezialisierten Firma denkt bei Nachnutzungen von Kirchen immer auch an die Würde dieses Ortes

Wertheim-Bronnbach.
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Die Orangerie des Klosters Bronnbach
Die Orangerie des Klosters Bronnbach ist heute ein Tagungsraum.
Foto: Boris Dauber
Die auf Kulturtourismus im ländlichen Raum spezialisierte Firma Media K aus Bad Mergentheim ist einer von sieben europäischen Partnern des Alterheritage-Projekts. Dieses hat sich zwei Jahre damit befasst, gute Beispiele zu finden, um leerstehende Kirchen erhalten und nachnutzen zu können. Eines dieser gelungenen Beispiele ist das Kloster Bronnbach bei Wertheim.
Das Kirchensterben und die damit einhergehenden Probleme gibt es laut Media-K-Geschäftsführerin Karin Drda-Kühn in ganz Europa. Alterheritage will gemeinsam Lösungen finden.

Frau Drda-Kühn, wie viele Kirchen und Klöster Europas sind vom Verfall bedroht?
Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Von Holland wissen wir, dass 40 Prozent der Kirchen mittelfristig geschlossen werden. Das ist eine riesige Bausubstanz, die in absehbarer Zeit nicht mehr in der tradierten Form bewirtschaftet wird. Bei uns in Deutschland ist das Problem nicht so gravierend. Die Kirchengemeinden bemühen sich nicht nur um den Erhalt, sondern auch darum, ihre Kirchen als Mittelpunkt der Gemeinde stabil zu halten.

Aber wir haben in Vorgängerprojekten festgestellt, dass die Kirchen durchaus große Probleme haben. Aufgrund einer fehlenden Datenlage in Deutschland können wir bislang gar nicht quantifizieren, wie hoch die Zahl der Bauten ist, für die wir in absehbarer Zeit neue Konzepte brauchen werden. Wir haben deutschlandweit eine unterschiedliche Situation. Im Osten der Republik ist das Thema wesentlich gravierender.

Wie stellt sich die Situation im Taubertal dar?
Was das Taubertal anbelangt, sehen wir ja an aktuellen Beispielen, dass das Problem virulent ist. Wir haben beispielsweise in Bad Mergentheim die leerstehende Kapuzinerkirche, aus der der Orden ausgezogen ist. Die katholische Kirchengemeinde ist dabei, sich zu überlegen, was man mit dem leerstehenden Gebäude macht.

Leerstehen lassen kann man es nicht. Der Verfall und die Zerstörung der Substanz geht sehr viel schneller, als man sich das vorstellen kann. Wir haben eine Reihe von Preziosen an Kirchen und religiösen Stätten im Taubertal: Das Kloster Bronnbach ist aus kulturtouristischer Sicht eine Premium-Destination. Wir haben aber auch die Herrgottskirche in Creglingen und die Stuppacher Madonna. Schließlich heißen wir nicht umsonst Madonnenländle. Wenn wir so etwas wie dieses Projekt machen, dann ist das der Aufbau von relevantem Wissen, um solche Stätten erhalten zu können.

Es ist absehbar, dass künftig immer mehr Kirchen leerstehen werden. Muss Deutschland einfallsreicher sein, um dieses Nachnutzung hinzukriegen?
Für Deutschland haben wir den deutlich nachvollziehbaren Ansatz, dass man keine Nachnutzungen macht, die der Würde des Ortes völlig fremd sind. Die Vorstellung, dass wir hier im Taubertal mal eine Kirche haben werden, die als Disco genutzt wird, ist uns sehr fremd. In anderen europäischen Ländern, etwa in Großbritannien, ist das aber durchaus eine Lösung. In Deutschland versucht man immer, die Orte noch in einem Kontext zu nutzen, die deren Würde entsprechen. Uns sind Überlegungen näher, aus einer Kirche eine Bibliothek oder ein soziales Zentrum zu machen, statt sie in Wohnungen umzuwandeln oder einen Gastronomiebetrieb reinzulassen.

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Denken Sie, dass durch diese Abkehr von der Kirche, der Spielraum für Nachnutzungen auch in Deutschland künftig größer werden wird?
Aufgrund der Erfahrungen aus zwei großen Projekten in diesem Kontext, glaube ich, dass Menschen, die selbst keine Bindung mehr an die Kirche als Institution haben, dennoch eine Bindung an die Kirche als signifikantes Gebäude in ihrem Wohnumfeld haben. Die Bedeutung von Kirchen im städtebaulichen Kontext ist eine andere als die Bedeutung der Kirche als Institution. In Rheinhessen haben wir vier wunderschöne alte Kirchen begleiten dürfen auf dem Weg in eine kulturtouristisch relevante Nutzung.

Dabei haben wir festgestellt, dass die Bürger ihre religiösen Stätten als Orte der Spiritualität haben wollten. In Umfragen sagten Beteiligte: »Das ist ein wunderbarer Ort. Ich mag es, in die Kirche zu kommen und den Atem der Geschichte zu spüren.

Welche Umnutzungsmodelle halten Sie für besonders vielversprechend?
Das wichtigste Umnutzungsmodell wird in Zukunft sein, unterschiedliche Nutzungen in einen Komplex zusammenzuführen. Deshalb ist das Kloster Bronnbach ein gutes Beispiel. Deshalb habe ich mich damals auch entschlossen, unsere europäische Kollegen nach Bronnbach zu bringen. Durch den Orden existiert noch eine spirituelle Anbindung an den ursprünglichen Auftrag des Klosters. Man hat die Kirche und den Klosterkomplex, der in erster Linie einer kulturellen Nutzung unterliegt.

Dann kommt hinzu, dass man etwas sehr Kluges gemacht hat, indem man das Fraunhofer Institut für Silicatforschung in einer Außenstelle dorthin gebracht hat. Die wiederum haben eine inhaltliche Anbindung an Wertheim durch die Glasforschung. Das ist europaweit inzwischen ein sehr kleines Forschungsfeld, aber ein hoch angesehenes. Das wurde sehr sinnvoll ergänzt durch das Internationale Zentrum für Kulturgüterschutz und Konservierungsforschung.

Das Ganze ist auf dem Weg, sich zu einem großartigen Beispiel für eine anspruchsvolle, sinnvolle und mittelfristig profitable Einrichtung zu entwickeln.

Was könnte man aus Sicht der Experten im Kloster Bronnbach noch verbessern?
Was man aus Sicht des Konsortiums sicher braucht, ist mittelfristig eine intelligentere Mobilitätslösung. Wie bringt man Leute einfacher nach Bronnbach, als es jetzt der Fall ist? Die Anbindung mit der Bahn ist gut. Wir haben aber auch Kolleginnen gehabt, die nachts mit einem der letzten Züge angekommen sind, und die dann hilflos am Bahnhof standen, weil er unbeleuchtet war und es kaum Wegweiser gab.

Eine bessere Ausschilderung des Wegs zum Kloster wäre also hilfreich. Smartphones sind für den heutigen Kulturtouristen von essenzieller Bedeutung. Wenn sie da aber in einem Datenloch sind, dann ist das schwierig. Das Internet aufzurüsten und und Wifi anzubieten, ist eines der größten Themen überhaupt. Boris Dauber
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