Der Grenzgänger

Andrij Melnyk: Ukrainischer Botschafter ist als Kämpfer für sein Land sehr präsent und nicht immer zimperlich

BERLIN
3 Min.

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Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland, zeigt im Berliner Abgeordnetenhaus Bilder von getöteten Kindern in der Ukraine. Foto: Annette Riedl (dpa)
Foto: Deutsche Presse-Agentur (DPA), Annette Riedl
Der Bot­schaf­ter schläft sch­lecht. Nicht grund­sätz­lich. Aber seit dem 24. Fe­bruar wacht An­drij Melnyk mor­gens auf - kal­ter Schweiß. Nach höchs­tens vier Stun­den Schlaf. Je­den Mor­gen das­sel­be. Der Krieg in sei­nem Hei­mat­land treibt den Bot­schaf­ter der Ukrai­ne um. Er isst kaum, ein we­nig Früh­s­tück, aber sonst?

Wenn ihn jetzt jemand - in dieser Lage - in ein russisches Restaurant in Berlin einladen wollte. Würde er einschlagen - im Namen der Diplomatie? »Ehrlich gesagt, mag ich russisches Essen gar nicht. Aber zurzeit könnte ich es schon gar nicht schlucken. Es wäre, als würde mir ein Knochen im Hals steckenbleiben.«

Melnyk sitzt an einem Spätnachmittag dieser Woche nach Terminen im Bundestag in seinem Büro in der Botschaft. Er hat sich fast zwei Stunden Zeit für ein Gespräch genommen. Vor seiner Bürotür stehen Personenschützer, hinter ihm die ukrainische Flagge. Draußen scheint die Sonne. Aber ihm ist nicht nach Sonnenschein. In seinem Land tobt seit mittlerweile 23 Tagen ein Krieg. »Ich kann das nicht ertragen - diese neue schreckliche Realität. Wir leben in einer Welt, die verrückt geworden ist, unkalkulierbar, barbarischer. Wir wissen nicht, was kommt. Es kann noch viel schlimmer werden, auch für Deutschland, wenn man nicht mutig handelt.«

Völkerrechtler aus Lemberg

Melnyk, 46 Jahre alt, Völkerrechtler aus Lemberg, ist seit sieben Jahren Botschafter der Ukraine in Deutschland. Vor acht Jahren hat Russlands Machthaber Wladimir Putin die Krim annektieren lassen. Ein klassischer Landraub. Sergej Netschajew, Botschafter der Russischen Föderation in Berlin, sitzt nur 600 Meter Luftlinie entfernt. Melnyk hat mit Netschajew seit dessen Amtsübernahme 2018 keinerlei Kontakt gehabt. Null. Eiszeit.

Melnyk ist eloquent. Er spricht Deutsch und Englisch fließend, seine Grammatik ist ohne jeden Fehler. Er kann mühelos sprachliche Feinheiten unterscheiden. Wenn der ukrainische Botschafter also über die Bundesregierung sagt, diese habe sich bislang im Ukraine-Krieg »feige« verhalten - der Fernsehmoderator hatte es in Frageform verpackt, Melnyk hatte die Vokabel in seiner Antwort übernommen - dann meint er es so. Deutschland. Feige. Aha. Die Entrüstung darüber war programmiert. Öffentlicher Aufschrei. So dürfe sich ein Diplomat nicht verhalten. Melnyk agiere mehr als Ankläger, denn als Diplomat. Man kann natürlich trefflich darüber streiten, ob die Ampel-Regierung in der Frage, ob und wie und wann sie die Ukraine in ihrem Kampf gegen das große Russland unterstützt, nun besonders entschlossen oder gar mutig war.

Der Botschafter, der sprachlich gerne zuspitzt, muss nun aushalten, dass der Ärger über ihn in seinem Gastland aus mehreren Ecken kommt, weil Politiker finden, Melnyk schieße über das Ziel hinaus. Ansonsten ist er natürlich ein Kämpfer für die Interessen seines Landes. Der Kritisierte sagt zur Kritik an seiner Person: »Feige - ich stehe zu diesem Begriff.« Er bitte um etwas Nachsicht: Deutsch sei nicht seine Muttersprache. »Ich hätte auch eine Verbalnote schicken können. Aber klare Sprache ist manchmal besser. Ich bin und bleibe Diplomat, ich bin kein Politiker, wie mir manche vorwerfen.«

»Nicht verstanden«

Der deutschen Politik hält Melnyk vor, diese habe - im Grunde bis heute - die Ukrainer nicht verstanden, Berlin habe Kiew nie richtig zugehört. »Wir haben Tausende Stunden im Normandie-Format seit sieben Jahren miteinander verhandelt, an einem Tisch zusammengesessen. Und es bleibt das Gefühl zurück: Die Deutschen verstehen uns immer noch gar nicht. Sie begreifen nicht, dass Wladimir Putin spätestens mit der Annexion der Krim 2014 den Plan hatte, die Ukraine von der Landkarte zu löschen.« Die Enttäuschung darüber ist zu hören: »Wir haben vertraut. Wir haben ja Deutschland und Angela Merkel blind vertraut.« Und nun? Was ihm zu diesem Deutschland in dieser Lage einfällt? Bitte ein Adjektiv. Er liefert gleich vier: »Ängstlich, unsicher, unentschlossen, geschockt.«

»Putin hat sich verrechnet«

Der Botschafter hat einen Wunsch, gerade jetzt, da die Regierungschefs von Polen, Tschechien und Slowenien mit dem Zug in Kiew bei Präsident Wolodymyr Selenskyj waren. »Ich hätte mir gewünscht, Bundeskanzler Olaf Scholz wäre nach Kiew gereist und dort hätte dort gesagt: Ich bin ein Kiewer. Das wäre ein megastarkes Signal an die Welt gewesen.« John F. Kennedy lässt grüßen. Aber so verzweifele er beinahe jeden Tag. »In Berlin loben Politiker den Mut der Ukraine. Bravo, Ukraine! Das macht mich wahnsinnig. Aber wir brauchen drei Sachen: Waffen, Waffen und Waffen. Gestern, heute und morgen, um uns zu verteidigen.« Melnyk fordert eine Flugverbotszone der Nato oder einer »Koalition der Willigen und Mutigen« - wenigstens für den Luftraum über den Atomkraftwerken Tschernobyl und Saporischschja. Der Krieg auf dem Boden sei noch lange nicht entschieden. »Er wird noch länger gehen - noch Wochen, vielleicht auch Monate. Aber Putin hat sich verrechnet. Er wird die Ukraine nie russisch machen können. Niemals.« Sagt der Botschafter. Unten an der panzerglasgesicherten Pforte sagt der Wachmann: »Slawa Ukrajini!« Es lebe die Ukraine.

Hintergrund: »Irgendwie eine Leere«

Als Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar, einem Sonntag, im Bundestag Waffenhilfe für die Ukraine ankündigt, sitzt Andrij Melnyk auf der Besuchertribüne. Die Abgeordneten applaudieren ihm stehend. Er sagt: »Es war ein komisches Gefühl. Irgendwie eine Leere. Alle applaudieren. Es war bestimmt nett gemeint. Und ich denke mir: Die Waffenlieferungen hättet ihr auch schon viel früher entscheiden können. Weil ja der russische Krieg immer unausweichlicher war.« (hom)

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