»Das Leben nach Krebs muss nicht schlecht sein«

Patientenschicksal: Klaus Bolz aus Mainhausen geht offen mit Erkrankung um - Nach Darmtumor künstlichen Ausgang bekommen

Mainhausen
3 Min.

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Scheut sich nicht, über seine Krankheit und die Folgen zu reden und will dadurch anderen helfen: Klaus Bolz aus Mainhausen.
Foto: Stefan Gregor
Er sitzt in sei­nem ge­müt­li­chen Wohn­zim­mer. Fo­tos hat er auf dem Tisch vor sich aus­ge­b­rei­tet. Klaus Bolz er­läu­tert sei­ne Fo­to­gra­fi­en, er­zählt von sei­nen Ka­me­ras und Ar­beit­su­ten­si­li­en. Wenn er von sei­ner Ar­beit, dem Fo­to­gra­fie­ren, spricht, fan­gen die Au­gen hin­ter der ro­ten Bril­le an zu leuch­ten. In ein paar Wo­chen ist er wie­der in der Pro­ven­ce zum Fo­to­gra­fie­ren. Was sonst. Dieser Mann lässt sich nicht aufhalten. Weder von seiner Krebserkrankung, noch von seinem künstlichen Darmausgang.

Und er hat keine Probleme, darüber zu reden. Im Gegenteil: Im Gespräch lupft er vorsichtig seinen Pullover und zeigt den mittels eines Gürtels befestigten Beutel, der den Dünndarminhalt auffängt und den er einmal täglich wechseln muss. Längst hat er sich daran gewöhnt. Am Anfang sei das natürlich schwierig gewesen. Er sei unsicher gewesen, habe Angst gehabt, dass der Beutel undicht werden könnte. »Irgendwann aber wird das Routine. Der Umgang damit geht einem in Fleisch und Blut über«, meint er.
Der gebürtige Stuttgarter, der in Mainhausen (Kreis Offenbach) lebt, erkrankte 2012 an Darmkrebs. Ein 1,5 Kilogramm schwerer Tumor wurde zunächst entfernt. Alles lief nach Plan, am Dienstag war er operiert worden, am Freitag konnte Bolz die Klinik bereits wieder verlassen.
Am Sonntag bekommt er plötzlich Schmerzen, mit Blaulicht geht es zurück ins Krankenhaus. Dort muss er notoperiert werden, eine Klammer zur Wundfixierung war aufgegangen, Bolz drohte zu verbluten. Er wird nach dem Eingriff ins künstliche Koma versetzt. Es kommt in der Folge zu Komplikationen. »Nichts, was die Ärzte nicht in den Griff bekommen haben«, meint Bolz im Gespräch.
Aber er wacht mit einem Stoma, einem künstlichen Darmausgang wieder auf. Was auch noch kein Drama für den Patienten darstellte. »Sie hatten mir gesagt, dass sie das eventuell machen müssen«, erzählt der 67-Jährige. Der Krebs gehört wohl hoffentlich der Vergangenheit an, nur sein Stoma erinnert ihn daran. Bolz arbeitet nach wie vor - wenn auch nicht so viel wie vor seiner Erkrankung, hält Workshops als Fotografie-Trainer. Er reist - privat wie beruflich ist er gerne und viel unterwegs.
Und der Hobbykoch, der schon als Kandidat bei der TV-Show »Küchenschlacht« war, verzichtet nicht auf Genuss beim Essen. »Ich probiere viel, experimentiere gerne«, meint er - und der Blick in die blitzsaubere Küche mit allerlei ungewöhnlichen Gewürzen und exotischen Zutaten bestätigt das. Nur bei Gemüse, vor allem bei Sauerkraut, Pilzen und Spargel muss er vorsichtig sein. Aber auch dafür hat Bolz eine Lösung gefunden. Mit einem starken Mixer wird alles püriert, sogar Nüsse sind kein Problem. »Ich lasse mir die Lust am Essen nicht nehmen.« Das sei schließlich wichtig, um gesund zu werden - und es zu bleiben.
Nicht alle kommen mit einem künstlichen Darmausgang so gut klar wie Klaus Bolz. Allein gegen den Krebs anzukämpfen kostet viele Patienten schon die ganze Kraft. Ein Stoma empfinden viele als zusätzliche, unüberwindbare Hürde, nicht wenige schämen sich dafür. »Ich kenne viele Mitpatienten, die damit nicht mehr das Haus verlassen. Das ist doch kein Leben mehr«, meint Bolz. Er hingegen lässt sich nicht einschränken oder aufhalten davon. »Ich lebe damit - und basta. Ist auch so ein bisschen nicht Kranksein-Wollen«, lacht er.
Und es konnte ihn auch nicht daran hindern, sich mit Versorgern und Krankenkassen um die Übernahme von Kosten zu streiten. Klaus Bolz hat das erfolgreich durchgefochten. Mit viel Geduld und noch längerem Atem. Die Probleme in seinem Fall rührten daher, dass sein Darmausgang kein geplantes Stoma war, sondern ein Not-Stoma. Dadurch ist der Übergang zwischen Haut und Beutel nicht so komplikationsfrei wie bei normalen künstlichen Darmausgängen. Es juckt und brennt oft, oft kommt es zu Unterspülungen. Auch deswegen braucht Bolz mehr Beutel als normale Patienten - weil er diese öfter wechseln muss, um Beschwerden zu vermeiden.
Irgendwann aber wies seine Krankenkasse das vom Arzt ausgestellte Hilfsmittelrezept zurück mit der Begründung, dass der Verbrauch pro Monat zu hoch sei. Bolz stand erst mal ratlos da - aber bald kämpfte er für seine Rechte. Ein Schriftverkehr nahm seinen Anfang. Mails und Briefe gingen hin und her. Der Stuttgarter war verzweifelt, weil ihm niemand helfen wollte. Ein Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen befand zudem, dass kein Mehrbedarf zu erkennen sei. Irgendwann war Bolz am Ende. Ganz am Boden. Erst der Krebs, dann das Stoma - und jetzt auch noch Steine, die ihm in den Weg gelegt wurden. »Für Dinge, die eigentlich so unbedeutend, so selbstverständlich sein sollten«, sagt Bolz.
Mehraufwand anerkannt
Mit Nachdruck und Unterstützung durch Anwalt, Arzt und Stomatherapeuten rang er schließlich eine höhere Versorgung für sich durch. Inzwischen wird der Mehraufwand anstandslos gezahlt. »Wer sich nicht wehrt, wird untergebuttert. Was aber passiert mit denen, die dem nichts entgegensetzen können?«, fragt sich Bolz.
Auch deswegen geht er mit seiner Krebserkrankung und den Folgen offen um. Er bloggt regelmäßig, um anderen Betroffenen Mut zu machen, für ihre Bedürfnisse zu kämpfen - und auch, um ihnen zu zeigen, dass es weiter geht. Denn: »Das Leben nach dem Krebs muss nicht schlecht sein«, sagt er.

bBlog www.ilio.klaus-bolz.com
Bettina Kneller

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