»Das Geschäft mit dem Tier-Leid ist lukrativ«

Aschaffenburg
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Der Langschwanzmakake Winnie bei einem wissenschaftlichen Experiment mit einer Institutsmitarbeiterin im Magdeburger Leibniz-Institut für Neurobiologie.
Foto: dpa-Archiv
Tie­re in Kä­fi­gen, an de­nen Me­di­ka­men­te ge­tes­tet wer­den: Es gibt Men­schen, die sa­gen, dass das längst der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren soll­te. Die aus Frei­burg stam­men­de Bio­lo­gin Sil­ke Bitz von »Ärz­te ge­gen Tier­ver­su­che« ist zum Bei­spiel ei­ner von ih­nen. Bet­ti­na Knel­ler hat sich mit ihr über die­ses The­ma un­ter­hal­ten.

Es gibt Kritiker, die behaupten, dass viele Versuche überflüssig sind, weil die Ergebnisse bekannt sind, dass sie aber trotzdem gemacht werden. Stimmt das?
Viele Tierversuche werden zur Bestätigung von längst bekanntem Wissen gemacht. So wissen wir, dass Rauchen ungesund ist und Lungenkrebs verursachen kann, dennoch werden Ratten zum Rauchen gezwungen.

Alle Tierversuche sind überflüssig, lebensverachtend und für uns Menschen sogar gefährlich. Nach einer Studie der US-Gesundheitsbehörde kommen 92 Prozent der potenziellen Arzneimittel, die sich im Tierversuch als wirksam und sicher erwiesen haben, nicht durch die klinische Prüfung am Menschen - wegen mangelnder Wirkung oder unerwünschter Nebenwirkungen.

Ein und dieselbe Substanz kann bei Tier und Mensch zu völlig unterschiedlichen Reaktionen führen. So ist zum Beispiel Arsen für Schafe gut verträglich, Penizillin ist dagegen schädlich für Meerschweinchen. Cortison verursacht bei Mäusen Missbildungen, bei Menschen nicht, bei Contergan ist es umgekehrt.

Tierversuche sind ethisch nicht zu rechtfertigen und zudem ist die Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen ein unkalkulierbares Risiko. Allein die jährlich rund 60 000 Arzneimitteltoten in Deutschland belegen das. Die schweren Folgen konnten im Tierversuch nicht vorhergesagt werden.
Tiere in Laboren: Da tauchen Bilder von gequälten Kreaturen auf, mit Elektroden am Kopf, in Zwangsapparaturen fixiert. Entspricht das der Wirklichkeit?

Das Repertoire an Grausamkeiten, das Tiere in den Labors erleiden müssen, ist kaum vorstellbar. Sie werden künstlich krank gemacht, mit Chemikalien vergiftet, verbrüht, verstümmelt, genmanipuliert, ihnen werden Elektroden in das Gehirn gesteckt, Geschwüre angezüchtet, fremde Organe eingepflanzt oder die Augen zugenäht.

Ein Beispiel: Um das Zählvermögen von Rhesusaffen zu erforschen, wird den Tieren über einem Bohrloch im Schädel eine Kammer für Elektroden sowie ein Metallbolzen auf dem Kopf implantiert. Die Tiere müssen jeden Tag mehrere Stunden in einem Primatenstuhl sitzen und Punkte und Zahlen auf einem Bildschirm erkennen. Ihr Kopf ist dabei mit dem Bolzen unbeweglich an ein Gestell geschraubt. Gleichzeitig werden über die Elektroden Hirnströme gemessen. Lässt der Affe einen gedrückten Hebel im richtigen Moment los, erhält er über einen Schlauch im Mund etwas Saft. Außerhalb der Experimente gibt es nichts zu trinken, die Tiere werden durch Durstqualen gefügig gemacht.


Kritiker sagen, dass man statt Tierversuchen auch anders zu Ergebnissen kommen würde. Warum werden sie dann überhaupt noch gemacht?
Der Grund für das krampfhafte Festhalten am Tierversuch ist nicht etwa, damit kranken Menschen zu helfen. Vielmehr sind Tierversuche ein lukratives Geschäft: Laboreinrichter, Züchter und die Industrie verdienen Unsummen damit. Gründe für das Beharren auf Tierversuchen sind auch Forscherneugier, der Drang die Ergebnisse zu veröffentlichen und damit weitere Fördergelder einzutreiben, mit denen neue Tierversuche gemacht werden. Der Tierversuch ist also ein sich selbst erhaltendes System.


Reicht das Tierschutzgesetz aus, um Labortiere ausreichend zu schützen? Wie finden Kontrollen in den Versuchsanstalten statt?
Das Tierschutzgesetz hat reine Alibifunktion. Anstatt die Tiere vor den Torturen des Menschen zu schützen, dient das Tierschutzrecht lediglich der Verwaltung und Legitimation von Tierversuchen aller Art. Durch schwammige Formulierungen ist der Forschungsfreiheit Tür und Tor geöffnet, wohingegen der ebenfalls im Grundgesetz verankerte Tierschutz in der Praxis keine adäquate Berücksichtigung erfährt.

Im Prinzip kann jeder abstruse Tierversuch durchgeführt werden. So gehen Experimentatoren der Frage nach, was im Gehirn von genmanipulierten Mäusen passiert, die beim Geruch von Fuchskot vor Schreck erstarren. Oder es werden Möwen eingefangen, um zu sehen, wie lange die Tiere hungern können. Das ist grausame, zweckfreie Neugierforschung und ein medizinischer Nutzen für den Menschen ist nur vorgeschoben.

Tierversuchseinrichtungen haben einen Tierschutzbeauftragten. Dieser ist jedoch direkt oder indirekt in die Abläufe involviert. Wirksame Kontrollen gibt es nicht. Tierversuche werden zwar von uns Steuerzahlern bezahlt, kein Bürger darf jedoch Einblick erhalten, was mit den Tieren passiert. Denn die Versuche finden in hermetisch abgeriegelten Laboren statt.

Brauchen wir diese Labore überhaupt oder gibt es nicht schon genug Forschungsstellen in Deutschland?
Neue Tierversuchslabore schießen überall in Deutschland wie Pilze aus dem Boden. Forschung ist wichtig, Tiere hierfür zu missbrauchen ist jedoch ethisch nicht zu rechtfertigen und wissenschaftlich unsinnig. Denn wenn es um den medizinischen Fortschritt geht, ist eine Forschung ohne Tierversuche erforderlich, bei der Ursachenforschung und Bevölkerungsstudien sowie moderne tierversuchsfreie Systeme mit menschlichen Zellkulturen, Mikrochips und Computermodellen zu für den Menschen relevanten Ergebnissen führen.


Wie könnte Deutschland eine Vorreiterrolle in Sachen Tierschutz einnehmen?
Durch ein konsequentes Verbot von Tierversuchen und Umwidmung der Milliarden in Tierversuche investierten Gelder in eine zukunftsfähige und anwendungsorientierte Forschung ohne Tierversuche. Dies würde nicht nur Tiere vor einem Labortod schützen, sondern auch die Basis liefern für die bestmögliche medizinische Forschung für Menschen. Dass Tierversuche nicht geeignet sind, menschliche Krankheiten zu verstehen oder zu heilen oder uns vor schädlichen Chemikalien zu schützen, ist längst auch auf politischer Ebene bekannt. Leider zeigt sich die Politik aber als Diener der finanz- und einflussstarken Tierversuchslobby.
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