Positionen: Die Coolness der Spitzenpolitiker

Fee Berthold-Geis sagt: Gleichberechtigung ist erst dann erreicht, wenn wir Politikerinnen nicht mehr nach ihren Aussehen beurteilen

2 Min.

2 Kommentare

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Lachender Laschet
Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, lacht während Bundespräsident Steinmeier (nicht im Bild) ein Pressestatement gibt.
Foto: Marius Becker/dpa
 Gerhard Schröder, so die Mär, hat die Wahl 2002 damals nur gewonnen, weil er in Gummistiefeln durch das Hochwassergebiet in Ostdeutschland stapfte. Die Jahrhundertflut spülte Schröder wieder an die Macht. Ja, für Politiker sind symbolhafte Bilder eine Währung im täglichen Geschäft.

 

Die Sprache der Bilder, sie transportiert oft mehr als das, was gesagt wird. Kann das Image polieren oder ihm schaden. Das musste nicht nur Armin Laschet schmerzlich erfahren, als er am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt lachte. Es kann auch nützen: Wie bei Willy Brandt, als er 1970 in Warschau auf die Knie sank.
Oder bei Susanne Hennig-Wellsow, damalige Landeschefin der Linken, die Thomas Kemmerich (FDP) nach der Wahl zum neuen thüringischen Ministerpräsidenten einen Blumenstrauß vor die Füße warf. Ein Bild, eine unmissverständliche Aussage. Auch wenn mittlerweile mehr Frauen in der Politik Einfluss haben, werden Politikerinnen immer noch anders beurteilt als ihre Kollegen. 
Echte Gleichberechtigung hätten wir dann erreicht, wenn man Frauen nach ihrer Leistung beurteilte und nicht nach ihrem Aussehen. Das fängt im Gemeinderat an, in dem immer kommentiert wird, was die einzige Fraktionssprecherin so anhat. Dass ihr Kollege barfuß durch den Sitzungssaal läuft, ist dagegen kein Thema. Und es endet damit, dass man nicht immer erwähnen muss, wenn Spitzenpolitikerinnen Mütter sind. Oder eben beginnt, es bei den Vätern auch dazuzuschreiben. Spitzenpolitiker sind ja auch Väter. Welch' Herausforderung! Wie sie das nur schaffen – diese Doppelbelastung? 
Wenn in Beiträgen über Politikerinnen wie die EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola, die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und die finnische Regierungschefin Sanna Marin nicht stehen würde, dass sie »eine gute Figur« machen, wie – das gilt es selbstkritisch festzustellen – in der vergangenen Woche im Politikteil dieser Zeitung. Sondern dass sie eine gute Politik machen. Die Frauen können (wie eigentlich jeder Mensch) nichts für ihr Aussehen. Und ja, es ist doch herzlich egal, was Menschen tragen, wenn sie ihre Arbeit gut machen. 
Bei Frauen werden andere Kriterien angelegt als bei Männern. Aber Menschen nach ihrem Aussehen zu beurteilen, ist 2022 einfach nicht mehr angemessen (wenn es das je war). Es sollte egal sein, ob Wolodymyr Selenskyj, der Präsident der Ukraine, olivfarbene, hautenge T-Shirts trägt oder ob Robert Habeck, seit er Minister ist, auf einmal in Anzüge schlüpft (und trotzdem seine geliebte speckige Ledertasche mitnimmt). 
Deshalb gibt es hier auch keine Replik auf den hier erschienenen Text vom 21. Juli, die Politiker und ihren Kleidungsstil unter die Lupe nimmt. Denn wir haben wahrlich wichtigere Probleme und immense Defizite aus den vergangenen zwei Jahren, die wir angehen müssen.
Und wie soll man denn sonst auf ein Festival gehen, wenn nicht so wie die 36 Jahre alte Sanna Marin in Finnland? Soll sie da im Kostüm hinmarschieren? Muss man da schreiben, dass sie »den Coolness-Faktor für Spitzenpolitikerinnen in neue Höhen schraubte«? Der Coolness-Faktor von Spitzenpolitikern sollte herzlich egal sein. Und warum muss man erwähnen, dass sie ein »schwarzes kurzes T-Shirt mit kurzen Armen« trug, als sie nach Kiew reiste? So lange man beschreibt, wie Politikerinnen bei ihrer Arbeit aussehen, nimmt man sie weniger ernst als ihre Kollegen. Es sollte nicht um Äußerlichkeiten, sondern um Inhalte gehen. In der Politik. In der Gesellschaft. In Büros. In Schulen. Überall. Gerade jetzt. Gerade in Krisenzeiten.
Die richtigen Stiefel werden zwar für wahlentscheidend gehalten, aber ohne Inhalte sind auch sie für die Füße. Umgekehrt wird ein Schuh draus. 

2 Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!