Kommentar des Tages: Radikal umkehren!

Martin Flenner zum Missbrauch in der katholischen Kirche

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Kardinal Rainer Maria Woelki
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat ein Gutachten zum Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern gegen Priester in Auftrag gegeben.
Foto: Marcel Kusch/dpa
Das Gutachten der Rechtsanwaltskanzlei Gercke zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln hat ganz sicher die Karriere zweier hochrangiger Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland beendet. 

Erzbischof Rainer Maria Woelki hat unmittelbar nach Vorstellung des 800 Seiten starken Machwerks seinen Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und den Offizial Günter Assenmacher wegen nachgewiesener Pflichtverletzungen von ihren Ämtern entbunden. Wie es mit Schwaderlapp und dem ehemaligen Personalchef seines Amtsvorgängers Joachim Meisner und heutigen Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, weiter geht, entscheidet jetzt der Papst. Doch der Verbleib der beiden Bischöfe in ihren Ämtern ist nach Vorstellung des Gutachtens nicht mehr vorstellbar. Heße werden elf Pflichtverletzungen zugerechnet. 
Kardinal Woelki wurde von den Gutachtern entlastet. Er muss nicht mehr um sein Amt fürchten. Insofern – aber auch nur in dieser Hinsicht – war der Donnerstag für den Kirchenmann ein Befreiungsschlag. Zu sehr ist der Eindruck entstanden, dass Woelki mit der Nicht-Veröffentlichung des Vorgängergutachtens der Münchner Kanzlei Westphal Silker Wastl (WSW) vertuschen, sich selbst oder andere schützen wollte, als dass jetzt das Vertrauen in ihn und die Kirche wiederhergestellt sein könnte. Stattdessen fragt man sich, was er um Himmels willen am WSW-Gutachten auszusetzen hatte. Nur eine Veröffentlichung könnte die Frage beantworten.
Die Kanzlei Gercke hat sich ganz auf juristische Fragen konzentriert. Und doch ist ihr 800-Seiten-Schriftsatz zu einer Abrechnung mit dem konservativen Teil der katholischen Kirche geworden.
Schonungslos wie Juristen sein müssen, haben die Gutachter Pflichtverletzungen und Lücken in der Aktenführung des Erzbistums aufgelistet. Auch dieses streng an Gesetzen und Vorschriften orientierte Schreiben hat gezeigt: Die Kirche hat nur dann eine Zukunft, wenn sie jetzt radikal umkehrt.
Künftig müssen im Umgang mit Missbrauchsopfern deren Leiden und Nöte ganz im Vordergrund stehen. Was das dann wiederum für die Institution Kirche und ihren Ruf bedeutet, darf keinerlei Bedeutung mehr haben. Ihm sei eine »verbeulte Kirche« lieber, als eine die sich an die eigenen Sicherheiten klammert, hat Papst Franziskus gesagt. Wie recht er doch damit hat.
Doch um eine gute Zukunft zu haben, müsste sich die katholische Kirche auch offener für Reformen zeigen, wie sie in Deutschland gegenwärtig im synodalen Weg diskutiert werden. Insofern muss man wirklich Angst um sie haben. 

Martin Flenner

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