Kommentar des Tages: Ein Mann von gestern

Martin Flenner zu Kardinal Woelki und Missbrauch

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Kardinal Rainer Woelki
Der Kölner Kardinal Rainer Woelki während der Trauerfeier im Kölner Dom.
Foto: Oliver Berg
Was Kölns Erzbischof und Kardinal Rainer Maria Woelki seit Donnerstag von der Tageszeitung »Kölner Stadtanzeiger« vorgeworfen wird, ist alles andere als eine Lappalie. Ein ihm bestens bekannter Priester hat sich Ende der 70er Jahre an einem Jungen im Kindergartenalter vergangen. Wie so oft zeigt das Opfer die Tat erst Jahrzehnte später beim Erzbistum an – im Jahr 2010. Doch der konservative Kirchenmann schert sich in diesem Fall nicht um die Vorschriften und meldet den Fall nicht weiter nach Rom.


Die Recherchen der Kölner Tageszeitung zeigen wie gravierend die Angelegenheit ist. Der sexuelle Übergriff des Pfarrers würde nach aktuellem Strafrecht eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren nach sich ziehen. Und: Das Erzbistum zahlte dem Opfer 15 000 Euro – das Dreifache der sonst üblichen Summe: Auch die Kirche sah den Missbrauch durchaus als schwerwiegend an. 

Kanonische Straftat

Kirchenrechtler sind sich einig: Woelkis Verhalten ist keine bloße Ordnungswidrigkeit, sondern eine Kanonische Straftat, die im Höchstfall sogar mit seiner Amtsenthebung geahndet werden könnte. Man darf sehr gespannt sein, wie sich offizielle Stellen der katholischen Kirche dazu stellen werden. 
Doch unabhängig von den juristischen Fragen zeigt der Kölner Kardinal – wie schon beim Umgang mit dem Gutachten einer Münchner Kanzlei zu sexuellem Missbrauch im Bistum Köln – , dass er ein Mann von gestern ist, der überhaupt nicht begriffen hat in was für einer tiefgreifenden Krise sich die katholische Kirche befindet. Nur mit schonungsloser Transparenz und Offenheit kann die altehrwürdige Institution einen Teil des Vertrauens wiedergewinnen, das sie einmal hatte. Und Vertrauen ist schließlich ihr größtes Kapital. Machtspielchen wie Woelki sie betreibt sind das Letzte, was die Kirche gegenwärtig braucht. 

Marx hat verstanden

Wie wohltuend ist es da, dass andere führende Kirchenmänner ganz offenbar die Zeichen der Zeit erkannt haben. Münchens Kardinal und Erzbischof Reinhard Marx will jetzt eine gemeinnützige Stiftung für kirchliche Missbrauchsopfer gründen, in die er den größten Teil seines Privatvermögens einbringen wird – rund eine halbe Million Euro. 
Sollte es Kölns Kardinal daran gelegen seiner Kirche noch einen Dienst zu erweisen, so sollte er zurücktreten. Fehlt ihm dazu die Kraft und menschliche Größe sollte Rom ihn abberufen. Es wäre ein Signal an die Missbrauchsopfer, dass man endlich verstanden hat. Nur radikale Schritte können die Kirche noch davor bewahren, in Bedeutungslosigkeit zu versinken.

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