Kommentar zum neuen Drogenbericht: Corona geht auf die Leber

Meinung

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Größere Alkoholprobleme wegen Corona
Kantaktarmut, mangelnde Freizeitangebote, Sorge um die Zukunft: Die Corona-Krise bringt viele Menschen aus dem Gleichgewicht. Suchtprobleme nehmen zu.
Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Wie eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim in Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg zeigt, stieg der Alkoholkonsum bei rund einem Drittel der Erwachsenen seit der Coronakrise, berichtetet die dpa bereits im Juli. Zu dem aktuelle Drogenbericht der Bundesregierung ein Kommentar:
--- Kommentar ---

Die Corona-Pandemie stellt auch die Suchtprävention und die therapeutische Begleitung von Abhängigen vor große Herausforderungen. Das ist eine Kernaussage des neuen Drogenberichts der Bundesregierung, neben den Auswirkungen des Tabak- sowie des steigenden Kokainkonsums. Und das liegt auch auf der Hand, wenn sich das Land und seine Bürger in einem kompletten oder im Teil-Lockdown befinden. Die Hilfsmöglichkeiten für Betroffene schränkt dies massiv ein.

Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens könnte zugleich für einen Anstieg der Zahl Süchtiger sorgen. Experten gehen zumindest davon aus, dass im Lockdown zum Beispiel deutlich mehr Alkohol getrunken wird. Zwar besuchen die Menschen in diesen Zeiten weniger - oder  wie jetzt gar nicht - Restaurants und Kneipen, aber das wird durch den Konsum daheim dann oft mehr als kompensiert. Aus Frust, aus Langeweile, wegen fehlender sozialer Kontakte und Kontrolle. Durch Corona leidet daher unter Umständen nicht nur die Lunge, sondern genauso die Leber.

Wer kennt zudem nicht die Bilder in den sozialen Netzwerken, beim Skypen und anderen Videotelefonaten, wo am Abend die Flasche Wein oder Bier mit auf dem Tisch steht. Jeder hinterfrage sich selbst, inwieweit sein eigener Konsum womöglich bedenklich zugenommen hat oder nicht. Deutschland gehört jedenfalls zu den führenden Nationen, was den Alkoholverbrauch angeht, die Bundesbürger trinken sich laut Statistik nun mal gerne ein oder mehrere Gläschen. Corona wird daran nichts geändert haben. 

Womöglich rollt deshalb bald eine weitere, durchaus kostspielige Welle auf das Gesundheitssystem zu, der auch die Drogenbeauftragte bisher noch nichts entgegenzusetzen hat. Das System wird sich nach dem Ende der Pandemie noch lange bewähren müssen, wenn es darum geht, die Spätfolgen von Corona-Erkrankungen zu meistern. Die Suchtproblematik kommt dann noch oben drauf. 

Hagen Strauß

 --- Bericht: Jeder Dritte trinkt mehr seit der Krise ---

Ein kaltes Bier, ein Gläschen Wein: In Zeiten von Homeoffice, Kontaktbeschränkungen und abgesagten Veranstaltungen scheinen sich die Deutschen besonders gerne Alkohol zu gönnen. Wie eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim in Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg zeigt, stieg der Alkoholkonsum bei rund einem Drittel der Erwachsenen seit der Coronakrise. 35,5 Prozent der mehr als 3000 Teilnehmenden gaben bei der anonymen Online-Umfrage an, während der Covid-19-Pandemie mehr oder viel mehr Alkohol getrunken zu haben als zuvor.

Die Erhebung ist nicht repräsentativ, liefert aber erste Erkenntnisse über die Konsumgewohnheiten während der coronabedingten Ausgangsbeschränkungen. Die Bundesregierung hatte jüngst in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion auf die Studie verwiesen. Das ZI in Mannheim ist eine Stiftung des öffentlichen Rechts des Landes Baden-Württemberg.

Unterdessen berichten Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen von deutlich mehr Interessenten: «Die Frequenz bei den Anrufen und bei den schriftlichen Anfragen, dem sogenannten Erste-Hilfe-Button, hat deutlich zugenommen», sagt Peter K. von den Anonymen Alkoholikern.

«Risikofaktoren für eine Vermehrung des Konsums waren zum Beispiel der Wechsel des Arbeitsstatus, etwa ins Homeoffice, ein hohes gefühltes Stressniveau und Zweifel daran, dass die Krise gut gemanagt wird», sagt Anne Koopmann vom ZI in Mannheim. Menschen mit einem hohen Stresslevel und geringerem sozialen Status gaben demnach eher an, in der Krise mehr Alkohol zu trinken. Menschen in systemrelevanten Berufen, die weiter arbeiten konnten, tranken den Angaben zufolge dagegen eher weniger oder behielten ihren Konsum bei.

«Die Coronakrise ist für viele Menschen auch eine emotionale Krise: Sowohl gesundheitsbezogene als auch finanzielle Sorgen und Ängste sind für viele Menschen sehr präsent. Alkohol ist ein Mechanismus, eine kurzfristige Linderung dieser Sorgen zu erleben», erklärte Koopmann. Das könnte auch erklären, warum der Konsum bei Menschen mit einem niedrigeren sozialen Status ausgeprägter war. «Hier mehren sich die Sorgen und es gibt weniger Kompensationsmöglichkeiten.»

Die Nachfragen bei den Anonymen Alkoholikern erklärt sich Peter K. auch dadurch, dass die Coronakrise bereits bestehende Alkoholprobleme vieler Menschen sichtbar gemacht habe. «Menschen, die bisher ihr Trinkverhalten verborgen haben - etwa auf dem Weg zur Arbeit, am Arbeitsplatz, in der Kneipe - waren durch Corona gezwungen, zu Hause zu trinken», sagt er. Dort hätten sich die Konflikte in den Familien und Partnerschaften entladen. Vielen, die bei den Anonymen Alkoholikern anrufen, sei ihr Problem in der Krise bewusst geworden.

dpa-Bericht vom Juli 2020

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