Kolumne des Tages: Der ewige Mahner

Gesundheitsminister Lauterbach muss um Aufmerksamkeit kämpfen – "Hingeschaut"

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Karl Lauterbach
Karl Lauterbach wirbt weiterhin für eine allgemeine Impfpflicht ab 18 Jahren.
Foto: Wolfgang Kumm/dpa
Natürlich kann er nerven: Wenn er mit seinem unverkennbaren Tonfall darüber referiert, dass 200 bis 300 Corona-Tode am Tag Ende Februar einfach nicht zu akzeptieren sind. Wenn er daran erinnert, dass die Häufigkeit der Infektionen in der Risikogruppe der über 60-Jährigen weiter besorgniserregend ansteigt. Wenn er an diesem Freitag in seiner wöchentlichen Pressekonferenz mantrahaft wiederholt: »Die Pandemie ist nicht vorbei.«


Karl Lauterbach bleibt sich treu, er steht konsequent zu seiner Linie. Der Bundesgesundheitsminister sieht sich selbst als ewigen Mahner, der uns allen ins Gewissen reden muss, damit wir die Sars-Cov-2-Infektionen und ihre Folgen nicht unterschätzen.
Unbeirrbar
Lauterbach lässt sich auf seinem Weg durch nichts beirren, auch nicht von nachweislichen eigenen Irrtümern. Lauterbach liegt falsch, wenn er eine Kampagne einzelner Medienhäuser gegen seine Person anprangert – aber zu seinen eigenen Fehleinschätzungen in den vergangenen 24 Monaten nicht stehen will.
Lauterbach weiß, dass es immer schwerer wird, mit seinen Warnungen vor Covid-19 durchzudringen. Zum einen haben sich die Prioritäten der Aufmerksamkeit in dieser Woche noch einmal dramatisch verändert. Der Gesundheitsminister selbst startete in seine Pressekonferenz mit einem Blick in das Kriegsgebiet in die Ukraine. Dieser Krieg mitten in Europa verdrängt die Pandemie als Top-Nachrichtenthema – das zeigte sich an diesem Freitag ganz konkret: Der öffentlich-rechtliche Kanal Phoenix übertrug Lauterbachs Auftritt nur noch zeitversetzt und teilweise, andere Nachrichtensender ignorierten den Routine-Termin in der Bundespressekonferenz ganz. So ändern sich eben die Schwerpunkte in der öffentlichen Arena – das war noch nie anders und ist ebenso nachvollziehbar wie richtig.
Dazu kommt die Pandemie-Müdigkeit in weiten Teilen der Gesellschaft. Nach zwei Jahren schriller Corona-Warnungen haben viele, zu viele Bundesbürgerinnen und Bundesbürger keine Lust mehr auf die immergleichen Hinweise – so richtig und zutreffend sie nach wie vor sein mögen. Die Sehnsucht nach der alten Normalität ist groß – auch bei denjenigen, die wohl in der Mehrheit sind und sinnvollen Infektionsschutz weiterhin mittragen.
Karl Lauterbach wird weiterhin versuchen, das aus seiner Sicht Entscheidende in der Öffentlichkeit zu platzieren. Dazu gehört die stets wiederholte Erinnerung daran, dass Impfungen vor schweren und tödlichen Covid-19-Verläufen nachweislich schützen. 
Übereinstimmend fürs Impfen
In dieser Einschätzung ist Lauterbach am Freitag von Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) unmissverständlich unterstützt worden. Es ist derselbe Gassen, den Corona-Skeptiker gerne als Kronzeugen nutzen, weil er in den zwei zurückliegenden Pandemiejahren als kritischer Geist bei der Bewertung des politischen Umgangs mit der Pandemie aufgefallen ist. Deshalb lohnt es sich festzuhalten, dass beim Impfen Lauterbach und Gassen hundertprozentig übereinstimmen.
Keine Überraschung
Wirklich überraschend ist das allerdings nicht, wenn man die Einschätzung in medizinischer Praxis und Wissenschaft unvoreingenommen wahrnimmt: Auch Klinik-Praktiker wie der Aschaffenburger Chefarzt für Intensivmedizin York Zausig nennen neben dem hohen Alter und schweren Vorerkrankungen als einen der wichtigsten Risikofaktoren für einen heftigen Covid-19-Verlauf den Impf-Status. Für ihn steht fest, wie er im aktuellen Main-Echo-Corona-Podcast sagt: Wer nicht geimpft ist, geht ein hohes persönliches Risiko ein.
Bei aller berechtigten Kritik an manchem inhaltlichen Fehltritt und am teils chaotischen Kommunikationsstil: Karl Lauterbach verfügt über die Ausdauer und die nötige Schmerzfreiheit, um für seine Überzeugungen selbst im heftigsten Gegenwind einzustehen. Das sind Eigenschaften, die unser Land in der Gesundheitspolitik in diesem dritten Jahr der Covid-19-Pandemie gut brauchen kann. Denn für die tatsächlichen Experten in Wissenschaft und in den Krankenhäusern ist klar: Lauterbach hat Recht, die Pandemie ist nicht vorbei. Und es werden dicke Bretter zu bohren sein, damit wir im Herbst 2022 nicht wieder komplett unvorbereitet dastehen werden.

Martin Schwarzkopf

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