Bistum Aachen öffnet Archive

Missbrauchsskandal: Unabhängiges Gutachten ist schmerzhaft für Kirche - Weist aber Weg aus der Krise

AACHEN
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Der tausendfache sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche Deutschlands wird für die Institution zunehmend zu einem nie enden wollenden Alptraum. Das Bistum Aachen will sich seiner Vergangenheit stellen und hat seine Archive geöffnet. Im Bistum Köln wurde ein Gutachten gestoppt. Foto: Friso Gentsch (dpa)
Foto: Friso Gentsch
ARCHIV - 28.09.2016, Nordrhein-Westfalen, Aachen: Der Aachener Bischof Helmut Dieser spricht am bei einem Pressegespräch. Als eines der ersten Bistümer in Deutschland hat das Bistum Aachen ein unabhängiges und ohne Einschränkungen erstelltes Gutachten über den eigenen Umgang mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs veröffentlicht. (zu dpa «Opfer nicht beachtet - Gutachten zu Missbrauch im Bistum Aachen») Foto: picture alliance / dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Bildunterschrift 2020-11-23 --> Bischof Helmut Dieser. Foto: dpa
Foto: Deutsche Presse-Agentur (DPA), Henning Kaiser
Bei der Au­f­ar­bei­tung von se­xu­el­lem Kin­des­miss­brauch in der ka­tho­li­schen Kir­che ge­be es ab jetzt ei­nen »Gold­stan­dard«. So ur­teilt der Kir­chen­recht­ler Tho­mas Schül­ler über ein Gu­t­ach­ten zum Um­gang mit Miss­brauchs­fäl­len im Bis­tum Aa­chen.

Vor zwei Jahren veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz eine Missbrauchsstudie, die als Meilenstein gewürdigt, aber auch kritisiert wurde: Die Autoren der Untersuchung hatten keinen uneingeschränkten Zugriff auf die Kirchenakten und benannten keinen einzigen Verantwortlichen.

Das war jetzt im Fall Aachen anders. Die Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl konnte nach Darstellung beider Seiten frei agieren und war ausdrücklich aufgerufen, die Namen derer zu benennen, die in der Vergangenheit möglicherweise etwas vertuscht hatten. Die Unterstützung des Bistums Aachen sei »grenzenlos« gewesen, lobte der Jurist Ulrich Wastl.

Opfer als Störenfriede

Die Gutachter fanden bei ihren Recherchen Hinweise auf 175 Missbrauchsopfer im Bistum Aachen bis 2019, die meisten davon Jungen, besonders aus der Altersgruppe der Acht- bis 14-Jährigen. In mehreren Fällen seien Priester, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht und teilweise Haftstrafen abgesessen hätten, wieder in Gemeinden eingesetzt worden. Dort hätten einige dann erneut Kinder missbraucht.

Das Gutachten bestätigt damit ein Prinzip, das aus der Studie der Bischofskonferenz und aus Einzelfällen bereits zur Genüge bekannt ist: Opfer galten in der Kirche tendenziell als Störungsfriede. Als Täter überführte Kleriker wurden geschützt und wieder eingesetzt.

Persönliche Mitverantwortung sehen die Gutachter bei mehreren früheren Aachener Bischöfen, unter ihnen Klaus Hemmerle (1929 - 1994) und Heinrich Mussinghoff, der bis 2015 an der Spitze des Bistums stand. Die Präsentation des Gutachtens hatte jedoch nichts von einem Tribunal. Es ging den Juristen erkennbar nicht darum, einzelne Verantwortungsträger an den Pranger zu stellen. Vielmehr wollten sie die »systemischen Ursachen« des Missbrauchs herausarbeiten, die solche Verbrechen an Kindern und Jugendlichen nach ihrer Überzeugung bis heute begünstigen.

Dazu gehört für sie zum einen die quasi unangreifbare Stellung des Priesters als Mittler zwischen Gott und den Menschen. So jemand kann sich nach früher weit verbreitetem Verständnis eigentlich gar nicht schuldig machen. Ein zweiter wesentlicher Punkt ist für die Gutachter das problematische Verhältnis der Kirche zur Sexualität. Sexualität werde rein negativ gesehen - darüber zu sprechen, hätten viele Amtsträger nie gelernt.

Die wichtigste Empfehlung lautet: Die Kirche muss ihre Leitungsämter für Frauen öffnen. Nur so könne ihr »männerbündische System« aufgebrochen und ein »Kulturwandel« erreicht werden. Dass die Kirche diesen Rat beherzigt, ist jedoch absolut nicht in Sicht. Das Priestertum und damit auch alle Bischofsämter bleiben Männern vorbehalten - mit dem schlichten Hinweis darauf, dass die zwölf Apostel von Jesus vor 2000 Jahren in der römischen Antike auch alle Männer gewesen seien.

»Angst im Bistum Köln«

Kirchenrechtler Schüller bewertet das Gutachten als »qualitativ präzise« und »fachlich hochwertig«. »Hinter diesen Bericht wird kein Bistum zurückgehen können, und jeder weiß jetzt, welche Angst das Erzbistum Köln umtreibt, verzweifelt den für Köln erstellten Bericht mit allen Kräften nicht der Öffentlichkeit zu übergeben«, sagt der Münsteraner Professor .

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hatte bei derselben Kanzlei eine ähnliche Untersuchung bestellt, die schon seit mehr als einem halben Jahr fertig ist. Durchgesickert ist bereits, dass darin unter anderem der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße - ehemals Personalchef in Köln - kritisch beurteilt wird.

Die geplante Veröffentlichung des Gutachtens wurde von Kardinal Woelki jedoch mittlerweile ganz abgesagt - es fehle die nötige Rechtssicherheit. Der Aachener Bischof Helmut Dieser hat sich von Woelkis Bedenken nicht abschrecken lassen. Kirchenrechtler Schüller meint: »Dem Bischof von Aachen ist für seinen Mut und seine Entschlossenheit zu danken.« > Seite 3

Hintergrund

Bischof Helmut Dieser. Foto:

Hintergrund: Betroffene fühlen sich unter Druck gesetzt

Im Streit um den Umgang mit einem Missbrauchsgutachten im Erzbistum Köln fühlen sich ehemalige Sprecher des Betroffenenbeirats von Kardinal Rainer Maria Woelki unter Druck gesetzt. Die zurückgetretenen Sprecher Patrick Bauer und Karl Haucke warfen dem Erzbischof in einem Interview der »Süddeutschen Zeitung« einen »erneuten Missbrauch von Missbrauchsopfern« vor. »Wir wurden völlig überrannt«, sagte Bauer zu Woelkis Entscheidung, ein von ihm selbst in Auftrag gegebenes Missbrauchsgutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl nicht zu veröffentlichen. Woelki hatte sich dazu die Zustimmung des Betroffenenbeirats geholt.

Ende Oktober hätten ihm drei Juristen überraschend erklärt, dass das Gutachten aufgrund methodischer Mängel nicht veröffentlicht werden könne, sagte Bauer. Stattdessen müsse ein neues Gutachten erstellt werden. »Das war für mich wie der Moment, als ich damals von meiner Krebserkrankung erfahren habe. Und der Arzt sagte mir: Es gibt nur diese eine Therapie und diesen Weg müssen Sie gehen. Oder Sie sterben. Ich hatte keine Entscheidungsmöglichkeit.« Im Nachhinein habe er aber Zweifel an der Darstellung des Erzbistums. Er habe den Eindruck, dass die Entscheidung schon lange vorher festgestanden habe.

Bis heute kennen weder Bauer noch Haucke den Inhalt des Münchner Gutachtens. »Die Erkenntnisse müssen toxisch sein aus der Sicht des Erzbistums«, sagte Haucke. Sonst würde sich das Bistum nicht derart der Kritik der Öffentlichkeit aussetzen. »Deshalb war ihnen auch unsere Unterstützung so wichtig. Wir sollten das Zertifikat liefern: vom Beirat abgesegnet.« Haucke sieht sich erneut traumatisiert: »Es geht mir sehr schlecht. Das hat jemand mit mir angestellt, der mir vorher Zusammenarbeit auf Augenhöhe angeboten hat.«

Bauer und Haucke haben ihre Sprecherämter im Betroffenenbeirat inzwischen abgegeben und sind aus dem Gremium ausgetreten. Sie fordern zudem eine Veröffentlichung des Gutachtens der Münchner Kanzlei. (dpa)

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