Hingeschaut: Wer spricht von Vernunft?

Der Vergleich von Nachrichten bringt paradoxes Verhalten ans Licht – Die Kolumme der Main-Echo-Chefredaktion

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Höhere Inflation
Die Europäische Zentralbank (EZB) muss ihre Prognosen deutlich korrigieren und erwartet nun eine deutlich höhere Inflation.
Foto: Arne Dedert/dpa
Bisweilen wirken Nachrichten und Informationen wie eine gute Kabarettvorstellung – wobei ich das gar nicht nestbeschmutzend für meinen Berufsstand sage: Schließlich sind Journalisten letztlich nur die Boten, nicht die Urheber von Terminen und Themen, die zu Nachrichten werden.

Diese Woche beispielsweise: Da meldeten auch wir, der Corona-Expertenrat empfehle der Bundesregierung frühzeitige Pandemie-Vorbereitungen für Herbst. Tatsächlich war ich bislang der Auffassung, Planung – also Denken an und für die Zukunft – sei ein wesentlicher Zug politischen Handelns. Dass dann aber auch noch Sachverständige im Nachgang zu dieser Information ihre Hoffnung bekunden, das Kabinett möge doch bitte hier ein offenes Ohr haben, macht mich doch stutzig.
Oder kürzlich: Da verkündete ein TV-Nachrichtensprecher mit ernster Miene, dass wegen der Inflation sich immer mehr und eigentlich sogar die meisten Bundesbürger immer weniger leisten und schon gar nicht gönnen können – um eine Meldung danach auf die Freude von Reiseveranstaltern zu verweisen, die mit Blick auf die eingehenden Buchungen einen »hervorragenden Sommer« für die Branche aufziehen sieht. Die Deutsche Presse-Agentur schrieb zeitgleich: »Zudem lassen sich Sonnenhungrige die schönsten Wochen des Jahres teils mehr kosten. Sie buchten beispielsweise längere Urlaube und mehr Luxushotels.«

Die Wahrnehmung
Sind das Nachrichten aus Parallelwelten?
Obskure Theorien zum Weltenlauf waren zeitweise tatsächlich angesagt, aktuell ist eher die schnöde Realität wieder gefragt. Insofern stellt sich dann eben doch die Frage, ob eigene und fremde Wahrnehmungen nicht bisweilen verzerrt daherkommen. 

Die Wirklichkeit
Als Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir diese Woche sein neues Tierhaltungslabel präsentierte, wollte die Redaktion der TV-Nachrichtensendung »RTLaktuell« noch am selben Abend von ihren Zuschauern wissen, ob sie bereit seien, höhere Preise für Fleisch von Schweinen mit einem glücklicheren Leben zu zahlen: 63 Prozent der Anrufer bejahten das laut Senderangabe. Nun gilt es nur noch herauszufinden, wie viele dieser 63 Prozent ihr gutes Vorhaben dann auch noch beim auf regional aus Freilandhaltung beziehenden Metzger tatsächlich einlösen. Und ich gehe mal ganz forsch davon aus, dass Sie – liebe Leserin und lieber Leser – da einer Meinung sind.
Dafür braucht es nur die Erkenntnis, auf der Fahrt über die Autobahn zur und von der Arbeit immer zu den Langsamen zu gehören und hochtourig Vorbeipreschenden hinterher zu schauen. Oder sich – wie an diesem Donnerstagmorgen – über die vielen SUVs zu wundern, die vor dem Kindergarten der Heimatgemeinde im Leerlauf wummerten, während der Nachwuchs abgeliefert wurde. Was im übrigen zu der Einsicht führte, dass sich ein Klischee nicht abnutzt, wenn es von der Wirklichkeit stets aufs Neue gefüttert wird.
Am Benzinpreis jedenfalls scheint's nicht zu liegen, wenn wir hochpreisige Urlaube buchen und uns keine Gedanken an die Viren-Lage im Herbst und Winter machen. Es sind ja auch letztlich nur wir Menschen selbst, die allen Ernstes behaupten, vernünftig zu sein.

Stefan Reis

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