Hingeschaut: Tabus, die keine sind

Aschaffenburg
2 Min.

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Mehr zum Thema: Lust und Liebe
Foto: zerocreatives/Westend61/dpa-tmn
Ist ein Tabuthema, dass Menschen lieben und begehren? Ein Sprichwort besagt, der Mann liebe, was er begehre – während die Frau begehre, was sie liebe: ein bedeutsamer Unterschied. Ob die These stimmt: Das wird jeder Mensch – ob Mann, ob Frau, ob eigener Bestimmung seines Geschlechts – für sich wissen (müssen). Tatsache jedoch ist: Unser aller Alltag ist permanent geprägt von Liebe und ihren vielen Formen der Begierde.

Insofern ist es natürlich kein Tabubruch, wenn die Volontäre – also die Redaktionsmitglieder in der Ausbildung – sich in diesen Wochen des Themas »Lust & Liebe« annehmen und in ihren Beiträgen aus sehr vielen Blickwinkeln beäugen und die vielen so selbstverständlichen Facetten von Liebe und Lust beispielhaft erörtern – von der wahrlich romantischen Liebe zwischen zwei Menschen bis zum mehr oder weniger kontrollierten Bedürfnis, seine Begierde nach Liebe auszuleben; von der selbstgewählten Enthaltsamkeit als höchster Ausdruck platonischer – also auf den Geist konzentrierter (Nächsten)Liebe bis zum Verlust des Menschen, der einem der Liebste auf dieser Welt war.
Das ganze Leben
Ein Abbild des Lebens also – und das ist uns in der Redaktion in den vergangenen Wochen vor allem daran noch einmal umso klarer geworden, als viele Menschen aus der Generation jenseits der 60 uns am Telefon, per Mail und vor allem auch im persönlichen Gespräch dargestellt haben, wie selbstverständlich doch diese Serie Teil der täglichen Berichterstattung eines Mediums sein kann, darf, muss.
Dies freut uns – und hat uns anfangs erstaunt, weil wir zunächst dem Klischee aufgesessen waren, die Bereiche Liebe und Lust seien eher typische Gesprächsthemen für die Altersgruppe U 40 – und könnten möglicherweise jene verschrecken, die in Zeiten aufgewachsen sind, in denen es in der Tat nicht salonfähig war, offen über seine eigenen Fantasien und Begierden zu sprechen; in der Menschen Gefahr liefen aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden, wenn ihre Sexualität nicht der Norm des klassischen Familienbildes entsprach; in der die Akte von Liebe und Lust genauso selbstverständlich wie heute waren, aber ins Verborgene gedrängt wurden.
Kein zweierlei Maß
Natürlich: Es gibt auch Kritik an der Serie »Lust & Liebe« – aber »beispielsweise Schweinkram« und »Schmuddel« zu mit dem Hinweis zu rügen, »diesen Dreck« erst gar nicht gelesen zu haben, zeigt allenfalls, dass gesellschaftliche Konventionen überdauern. Und nein, dennoch keine Häme gegen diese Kritik: Jeder hat seine eigene Entwicklung – und insofern gilt es die Meinung von Menschen zu akzeptieren, die für sich Tabus definieren.
Was allerdings auch gilt: Es sollte nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. Ein Komiker wie Jürgen von der Lippe hat den Herrenwitz perfektioniert, ein Eckart von Hirschhausen versucht sich und sein Publikum ein ums andere Mal mit Doppeldeutigkeiten, Anzüglichkeiten und sexuellen Anspielungen, um die Lacher auf seiner Seite zu haben. Damit sind die beiden zu Stars im deutschen Fernsehen und auf den Bühnen geworden. Womit sich zuvorderst erweist: Sex – das große Spektrum zwischen Liebe und Lust – war auch vor 2019 kein Tabuthema.

 

Stefan Reis

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