»Aus Fehlern lernen«

Eckart Roloff:Der Journalist hat sich mit Medizin- und Pharmaskandalen befasst

Aschaffenburg
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Genau beobachten und gerecht beurteilen: Eckart Roloff. Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Ec­k­art Roloff hat­te schon früh ein Ge­spür für das Span­nungs­feld zwi­schen Me­di­zin und Me­di­en. 1994 be­kam er für sei­ne Be­rich­t­er­stat­tung zum Blu­terskan­dal der frühen 1980er- Jah­ren den Theo­dor-Wolff-Preis. Das In­ter­es­se an der Heil­kun­de hat ei­nen Grund in der Her­kunft:

Sein Vater war Tuberkuloseforscher; auch die Mutter beschäftigte sich damit. Jetzt hat sich der in Bonn lebende Journalist mit Medizin- und Pharmaskandalen befasst. Das Buch »Geschädigt statt geheilt« erschien Ende 2018. Die Redaktion hat den 75-Jährigen zum Gespräch getroffen.

Wie kamen Sie darauf, sich mit Medizinskandalen auseinanderzusetzen?

Zwei Jahre habe ich mit meiner Kollegin Karin Henke-Wendt, einer Biologin, daran gearbeitet. 16 Fälle beleuchteten wir - zwölf Pharmaskandale und vier medizinische Affären.

Wie kamen Sie darauf, sich mit Medizin- und Pharmaskandalen auseinanderzusetzen?

Das schien uns überfällig, zumal es dazu noch kein Buch gab. Dabei ging es uns um sachliche Aufklärung. Nicht jede Zeile sollte voll Empörung sein. Wir wollten auch nicht das ganze System infrage stellen. Aber wenn man von Gesundheitsminister Jens Spahn und anderen immer wieder hört, dass das deutsche Gesundheitssystem das beste der Welt sei, dann sollte man doch genauer hinschauen.

Und was genau kritisieren Sie am Gesundheitssystem?

Millionen Operationen gehen gut. Aber trotzdem passieren Fehler. Das ist nicht immer zu vermeiden, und das sind nicht immer Skandale. Zu kritisieren ist aber der Umgang mit Fehlern. Fehlerkultur, also das Bekenntnis und die offene Aufarbeitung von Mängeln, das klingt gut. Aber das ist noch viel zu wenig verbreitet. Da wird weiter vertuscht, und meist gibt es Gutachterkriege mit jahrelangen Verfahren. Zudem ist die Krisenkommunikation von Unternehmen, Verbänden und Kliniken oft unzureichend. Für zwei Pharmablätter hätten wir übrigens darüber schreiben können - sofern die Pharmaskandale unerwähnt bleiben.

Wie sind Sie an die Fälle gekommen?

Wir haben uns durch viele Gerichtsurteile, Petitionen, Filme, Medienbeiträge und Fachliteratur gearbeitet, auch bei nicht so bekannten Fällen, etwa die Anti-D-Vorgänge in der DDR, die Duogynon-Folgen und die Experimente an Heimkindern. Von Anwälten, Opfern und anderen Journalisten kamen ebenfalls Hinweise.

Gibt es einen Fall, der Sie besonders berührt hat?

Ich denke da an den Hochstapler Gert Postel, einen gelernten Postboten. Wie er es geschafft hat, als falscher Arzt jahrelang die Fachwelt zu narren, das ist schon ein starkes Stück. Das ging nur, weil niemand genau hingesehen hat. Das ist ein Indiz fast aller Skandale. Bei Postel hätte es auffallen müssen, dass er etwa als Oberarzt der Psychiatrie nicht einen einzigen Fachaufsatz veröffentlicht hatte. Und niemand fragte den angeblichen Dr. Dr. nach seinen Doktorarbeiten.

Und was ist Ihre Lösung, damit sich solche Skandale nicht mehr ereignen?

Am wirkungsvollsten ist wohl eine Art Frühwarnsystem. Wenn ein Arzt etwas findet, wenn ein Patient sich beschwert oder wenn wie beim Patientenmörder Högel Mitarbeiter Auffälliges beobachten, dann muss man das ernst nehmen und dem nachgehen, um das künftig zu vermeiden und aus Fehlern zu lernen. Die Krankenkassen haben Meldesysteme für ärztliche Fehler. Demnach sind rund 30 Prozent der Meldungen berechtigt. Es geht auch nicht, dass nach dem Anerkennen grober Fehler den Opfern nur geringe Entschädigungen - und dann noch gegen garantiertes Stillschweigen - gezahlt werden. Das war etwa so zulasten vieler Geschädigter des HIV-Bluter-Skandals. Versicherungen haben sie extrem unter Druck gesetzt.

Warum haben Sie sich all die Arbeit gemacht?

Wir waren sehr vom Thema überzeugt und sahen uns den Opfern verpflichtet. Einige kannten wir schon, andere kamen hinzu. Darunter waren tief enttäuschte, deprimierte, gebrochene Menschen, Menschen, die über Jahre Gerichtsprozesse geführt haben, ehe sie Recht bekamen - oder im schlimmsten Fall auch nicht. Man hat den Bottroper Apotheker erlebt, der jahrelang Krebsmedikamente panschte. Bei ihm ist keine Einsicht vorhanden. Er geht in Revision gegen das Urteil von zwölf Jahren Haft. Es ist bitter, das mit ansehen zu müssen - und zu wissen, dass er offenbar aus Geldgier so vielen Menschen geschadet hat. Dieser Fall kam nur durch zwei Whistleblower ans Licht, durch mutige Hinweisgeber. Die müssen in Zukunft rechtlich besser geschützt werden.

Wollen Sie weiter zu dem Thema veröffentlichen?

Wir haben nicht die Illusion, dass durch dieses Buch die Skandale aufhören. Aber wir wollen Licht in die Verhältnisse bringen. Und die Pharmalobby, die eher besorgt ist um ihr gutes Image, sollte angesichts weiterer Fälle mit Stichworten wie Valsartan, Iberogast und neue Verhütungspillen die Dinge besser regeln.

Ist das nicht frustrierend, sich damit zu beschäftigen? Sie sind ja schließlich auch mal selbst Patient.

Das sehe ich nicht als Problem. Es geht um Aufklärung und Korrektur. Ich bin kein Skeptiker, eher ein Hinschauer, ein Nachfrager und jemand, der hoffentlich gut einordnet.

b»Geschädigt statt geheilt. Große deutsche Medizin- und Pharmaskandale«, Eckart Roloff/Karin Henke-Wendt; 256 Seiten, Hirzel 2018.

Zur Person: Eckart Roloff

Eckart Roloff ist 1944 in Treuenbrietzen in Brandenburg geboren und wuchs in Bayern auf. Von 1972 bis 1974 war er Volontär und Redakteur in unserem Medienhaus. Ein Jahr später wurde er Referent im Bundespresseamt Bonn, was er bis 1988 blieb. Danach leitete er bis 2007 beim Rheinischen Merkur das Wissenschaftsressort und die Leserbriefredaktion. Roloff lebt als freier Journalist in Bonn. ()

Hintergrund

» Ich habe nicht die Illusion, dass durch mein Buch die Skandale aufhören werden. «

Eckart Roloff,Wissenschaftsjournalist

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!