Sonntag, 26.05.2019

Von der Außenseiterin zur Botschafterin

Lebensschicksal:Christine Preißmann aus Darmstadt ist Asperger-Autistin und arbeitet als Ärztin - Sie informiert in Vorträgen die Öffentlichkeit

Darmstadt
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20.02.2018, Niedersachsen, Hannover: Eine Frau sitzt auf einer Bank in der Sonne. Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Bildunterschrift 2019-04-10 --> Christine Preissmann hat es von der Außenseiterin in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Foto: J. Stratenschulte (dpa) Bildunterschrift 2019-04-10 --> Christine Preißmann hat es von der Außenseiterin in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Foto: J. Stratenschulte (dpa)
Foto: Julian Stratenschulte
Den direkten Blickkontakt hat sie trainiert: Asperger-Autistin Christine Preißmann aus Darmstadt. Fotos: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor

Ein Ca­fé an ei­nem Früh­lings­mor­gen mit­ten in Darm­stadt. Die Son­ne hat vie­le Men­schen auf die Stra­ße ge­lockt. Vor dem Sch­loss gibt es ei­nen klei­nen Markt.

Mittendrin im trubeligen Café zwischen Geschirrklappern und Gemurmel der Gäste und dem geschäftigen Hin- und Herlaufen der Servicekräfte fällt eine Frau auf, die ganz still und aufrecht dasitzt. Man sieht Christine Preißmann nicht an, dass sie Autistin ist.

Aber die 1970 in Dieburg geborene und aufgewachsene Hessin hat mit Asperger-Syndrom ihren Weg gemacht. Sie ist promovierte Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie und arbeitet seit 2002 auf der Akutstation eines psychiatrischen Krankenhauses in Heppenheim. Mit 27 Jahren wurde bei ihr das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Danach fing sie an, sich intensiv damit zu beschäftigen und auseinanderzusetzen. Und seit sie 34 Jahre ist, hat die Frau mit den blauen Augen und dem kurzen gelockten Haar eine Botschaft, einen Auftrag: das Thema Autismus in die Öffentlichkeit zu tragen und für eine Sensibilisierung in der Gesellschaft zu sorgen. Dafür hat sie fünf Bücher geschrieben, hält Vorträge in der ganzen Republik in Schulen, Krankenhäusern und Betrieben, tritt sogar in Talk-Shows auf. Sogar im hessischen Landtag hat sie schon vor einem Plenum von ihrem Leben mit Autismus berichtet.

»War ein stilles, ruhiges Kind«

Gewusst hat sie aber schon immer, dass sie ein bisschen anders als die anderen ist. Schon in der Kindheit merkt sie, dass sie anders denkt und handelt als die anderen Kinder um sie herum. Nach außen fällt sie aber nicht weiter auf. »Ich war ein stilles, ruhiges Kind, das immer brav war. Deswegen sind meine Eltern auch nicht auf die Idee gekommen, zu einem Arzt mit mir zu gehen«, erzählt Preißmann.

Wenn sie spricht, schaut sie an ihrem Gegenüber vorbei. Ihrem Gesprächspartner kann sie nicht in die Augen sehen. Was typisch ist für Autisten. Später bekommt sie Probleme in der Schule, wird von Mitschülern gemobbt. »Ich hatte andere Interessen. Wenn die Mädchen in meiner Klasse über Jungs sprechen wollten, wollte ich über Flugpläne reden. Da galt ich schnell als sonderbar und wurde links liegen gelassen«, sagt sie. Was das in ihr ausgelöst hat, darüber kann sie heute reden. »Ich war ein Außenseiter. Jemand, mit dem kaum jemand etwas zu tun haben wollte. Das macht einsam und traurig.« Denn über Gefühle zu sprechen, können Autisten eigentlich nicht. Preißmann hat es mühsam während ihrer Therapie gelernt.

Dass sie Ärztin geworden ist, war eine Fügung. Im Jugendalter leidet die Hessin an Knieschmerzen und geht von einem zum nächsten Arzt in der Hoffnung, dort Hilfe zu bekommen. Heute weiß sie, dass die Schmerzen psychosomatisch bedingt waren. Weil das Leiden ihr ermöglichte, kleine Fluchten zu finden aus dem für sie unerträglichen Schulalltag. Sie musste nicht mehr in den Pausen mit auf den chaotischen Hof, in dem einfach zu viel Lärm und Hektik auf sie einstürmte. Autisten bekommen alle Eindrücke ungefiltert mit. Das bedeutet immensen Stress. Sie durfte zu Hause bleiben, wenn die Klasse Ausflüge machte. Veränderungen jeglicher Art verunsichern Autisten. Und auf Partys und in Diskotheken musste sie dann auch nicht mehr - auch etwas, wovor sie sich fürchtete.

Die Eltern glauben an sie

Doch der Kontakt zu den verschiedenen Medizinern bringt sie auf die Idee, selbst Ärztin werden zu wollen. »Ich fand das spannend und wollte das plötzlich auch«, schildert sie. Die Eltern glauben an sie. Nur die Lehrer meinen, sie sei zu faul und nur wenig intelligent. »Dabei wusste ich einfach nicht, wie man lernt«, sagt sie.

Und weil sie eben kein gutes Abitur hat, muss sie den Medizinertest absolvieren - als Eintrittskarte für das Studium. Mit Bravour gelingt ihr das. »Ich hatte ein festes Ziel, ich konnte etwas fokussieren. Ich habe wie besessen dafür gelernt.« Nach dem Studium in Frankfurt macht sie ihren Facharzt für Allgemeinmedizin und qualifiziert sich auch noch für Psychotherapie, Notfallmedizin und Suchtmedizin. Heute ist sie mit Leib und Seele Ärztin.

Sie hat im vergangenen November eine Autismussprechstunde an ihrer Klinik eingeführt. Es macht sie stolz, wenn sie davon erzählt. Es habe kaum Angebote gegeben in der Region, sagt sie. Dabei sei doch ein Prozent der deutschen Bevölkerung autistisch veranlagt. Außerdem gingen viele Menschen unerkannt als Autisten durch ihr Leben.

Christine Preißmann ist ein Mensch zwischen den Stühlen. Irgendwie. Sie ist Autistin - und hat doch gelernt, sich auf Menschen sehr weit einzulassen. Sie hat sich viele Fähigkeiten und viel Selbstständigkeit angeeignet. Es muss sie viel Mühe gekostet haben. Aber sie hat es gelernt, um den Menschen zu helfen, die das nicht wie sie können. Die nicht wie sie in Fernsehstudios gehen können und auftreten können im TV. Die nicht wie sie auf einer Bühne sitzen können und aus ihrem Buch lesen können. Die nicht wie sie einer fremden Journalistin ihre Geschichte erzählen können.

Aber Preißmann hat eine Mission. Sie will aufklären und informieren. Sie will Autismus entstigmatisieren. Sie will erzählen, wie das ist, wenn man mit Autismus lebt. Und will andere dafür sensibilisieren, dass man keine Berührungsängste haben muss. Dass Autisten genauso dazu gehören wie alle anderen auch. Nur dass man ein bisschen Rücksicht nehmen sollte auf ihre speziellen Bedürfnisse. Oft seien es schon kleine Änderungen, die Autisten helfen könnten. Etwa mehr Zeit für Aufgaben, gedämpftes statt grellem Licht oder ein Raum, der mehr Ruhe bietet. Auch sei kein Autist wie der zweite, alle seien verschieden. »Autisten sind nicht nur die, die in der Ecke sitzen und stereotyp herumwackeln.«

Veränderung bedeutet Stress

Das Genaue, das Akkurate liegt Preißmann. »Wenn ich Bücher schreibe, gebe ich Texte ab, die fehlerfrei sind. Weil ich sie einfach sehe. Mir springen die Fehler ins Auge«, sagt Preißmann. Sie geht offen mit den Besonderheiten ihrer Asperger-Persönlichkeit um und geht bewusst damit an die Öffentlichkeit. »Ich gehe auch in Talkshows. Das ist eine große Herausforderung. Da stürmt dann viel auf mich ein. Hinterher bin ich fertig. Wenn ich so etwas vorhabe, plane ich den Tag sehr strukturiert«, erzählt die schmale Frau. Spontan könne sie nicht sein. Jegliche Veränderungen, alles, was vom Plan abweiche, bedeute für Autisten puren Stress. Wenn sie selbst mit der Bahn unterwegs ist, hat sie vier Möglichkeiten im Kopf, damit sie nicht zu spät kommt. »Das kostet Zeit und ist anstrengend, aber für mich ist das wichtig, um Sicherheit zu haben.«

Auch wirken Autisten nach außen oft wunderlich, weil sie ganz spezielle Interessen hätten. Bei einer Tagung zu Autismus saß Preißmann mit auf dem Podium. Die Fotografen hätten die Redner auf dem Podium fotografiert. Und ein autistischer Mann habe die Lautsprecherboxen aus allen Winkeln fotografiert. »Das ist ganz normal. Der Mann hat sich sein ganzes Leben nur für Lautsprecherboxen interessiert und für nichts anderes. Dazu wusste er alles«, erzählt Preißmann. Man müsse dem Autisten in seine Welt folgen, sonst könne man ihn nicht begreifen. Auch sie stoße da oft auf Verwunderung, wenn sie im Sommer Weihnachtslieder höre. »Das ist mein spezielles Interesse. Die höre ich das ganze Jahr über. Das beruhigt und entspannt mich«, sagt die 49-Jährige.

Räumliche Nähe überfordert sie

Was ihr noch fehlt, ist ein Partner. Gerade war Preißmann für zweieinhalb Wochen in Costa Rica. Ganz alleine ist sie mit dem Auto durch das Land gefahren, hat fotografiert und die Natur genossen. Einen Begleiter hat sie nicht vermisst, denn die räumliche Nähe zu einem anderen Menschen würde sie überfordern, wie sie sagt. »Vielleicht gibt es trotzdem jemanden für mich. Ab und zu zum spazieren gehen, mal einen Ausflug machen, mal ein Museum besuchen. Das wäre schon schön«, sagt Preißmann.

Und dann packt sie ihren Rucksack, verabschiedet sich. Am Abend hält sie einen Vortrag in Heidelberg. Als sie weg ist, fällt der Reporterin erst die Nachricht auf, die Preißmann auf ihrem Handy hinterlassen hat. Während sie im Stau steckte und verzweifelt versucht hatte, Preißmann im Café zu erreichen, hat die Ärztin auf den Anrufbeantworter gesprochen. Genau eine Minute nach dem vereinbarten Termin.

b Am 21. Mai um 19.30 Uhr spricht Christine Preißmann in der Bücherei Münster über »Leben mit Autismus: Bedürfnisse, Erfahrungen und Hilfen«, am 23. Mai spricht sie in Mosbach über »Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus« und am 11. Juni um 18.30 Uhr spricht sie an der Volkshochschule Offenbach zum Thema Autismus; Internet www.preissmann.com

Hintergrund

Christine Preißmann hat es von der Außenseiterin in die Mitte der Gesellschaft geschafft.

Hintergrund

» Autisten sind nicht nur die, die in der Ecke sitzen und stereotyp herumwackeln. «

Hintergrund

» Wenn ich Bücher schreibe, gebe ich Texte ab, die fehlerfrei sind, weil ich sie einfach sehe. «

Hintergrund

» Ich war ein Außenseiter, mit dem kaum jemand etwas zu tun haben wollte. «

Hintergrund: Asperger-Syndrom eine Form von Autismus

Autismus-Störungen gehören mit zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen und sind laut WHO als medizinische Diagnosen definiert. Es wird zwischen »Frühkindlicher Autismus«, »Asperger-Syndrom« und »Atypischer Autismus« unterschieden.

Nach Schätzungen könnte etwa ein Prozent der Menschen in Deutschland von einer autistischen Störung betroffen sein. Das wären rund 800 000 Menschen. Autismus kann nicht geheilt werden. Verhaltenstherapie kann aber die Selbstständigkeit fördern.

Das Asperger-Syndrom unterscheidet sich von anderen Autismus-Störungen in erster Linie dadurch, dass oft keine Entwicklungsverzögerung oder kein Entwicklungsrückstand in der Sprache oder der kognitiven Entwicklung vorhanden ist. Die meisten Menschen mit Asperger-Syndrom besitzen eine normale, in Teilgebieten besonders hohe Intelligenz. Das wird auch als Inselbegabung bezeichnet. Hingegen sind in der psychomotorischen Entwicklung und der sozialen Interaktion Auffälligkeiten festzustellen. Besonderheiten in der Wahrnehmung und Verarbeitung von Umweltreizen und Sinneseindrücken treten auch bei Menschen mit Asperger-Syndrom häufig auf. (bk)

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