Samstag, 21.09.2019

Rollenspiele gegen Radikalisierung

Bayern: Workshop soll junge Flüchtlinge erreichen

WÜRZBURG
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Anti-Radikalisierungsworkshops sollen junge Flüchtlinge erreichen. Foto: Nicolas Armer (dpa)
Foto: Nicolas Armer
As­men ist ver­liebt. Vol­ler Freu­de er­zählt er sei­nem Va­ter, dass er sich ver­lobt ha­be. Der Va­ter ist be­geis­tert. Oh­ne­hin ist er stolz auf sei­nen Sohn. Drei Jah­re sind sie in Deut­sch­land und As­men wird bald im Job be­för­dert. Doch als der Va­ter den Na­men der künf­ti­gen Frau er­fährt, dreht sich die Stim­mung: Clau­dia.

Asmen möchte eine deutsche Nichtmuslima heiraten.

Die Szene zwischen Asmen, seinem Vater ist ein Rollenspiel im Antiradikalisierungs-Workshop »Rethink - Freiheit beginnt im Kopf«. Etwa 15 Schüler einer Berufsintegrationsklasse an einer Berufsschule im bayerischen Würzburg, sämtlich Flüchtlinge oder Migranten, beobachten das Workshopteam beim Rollenspiel und diskutieren miteinander. »Liebe kennt keine Nationalität«, sagt ein Schüler. Doch nach genauerem Nachdenken fügt er an: »Aber dass Claudia Christin ist, könnte in der Kindererziehung Probleme geben.« Interreligiöse Liebe ist in den Rethink-Rollenspielen ebenso Thema wie patriarchale Strukturen und Antisemitismus.

Der Workshop wird vom Bayerischen Innenministerium gefördert. Er findet seit Ende 2017 an Berufsschulen und vereinzelt an Sprachschulen in Bayern statt. Etwa 1000 Flüchtlinge im Alter von 17 bis Mitte 20 sollen ihn bereits mitgemacht haben.

Hinter Rethink stecken der Berliner Ahmad Mansour und seine »Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention« (MIND prevention). Der als Sohn einer arabischen Familie in Israel geborene Mansour ist Islamismus-Fachmann. Den Anstoß zu Rethink hat der Freistaat Bayern gegeben.

Hohe Emotionalität

Im Workshop an Berufsschulen sollen sich die jungen Menschen mit alltäglichen Konfliktsituationen beschäftigen. »Die Emotionalität ist bei allen Themen sehr hoch«, sagt Sprecherin Beatrice Mansour. Manchmal kommt es zu hitzigen Debatten. Nach Angaben der Mansour-Initative sind die Reaktionen der Teilnehmer positiv. Rethink ist längst nicht das einzige Präventionsprojekt. Alleine im Bundesprogramm »Demokratie leben« sind knapp 50 Modellprojekte zu islamistischen Orientierungen aufgeführt. Die Vielfalt ist laut Julian Junk, Radikalisierungsforscher am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung wichtig. Manche Projekte richteten sich an Schulen, andere an Häftlinge, wieder andere an Multiplikatoren wie Lehrer.

Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie hält es für wichtig, dass sich Maßnahmen nicht nur an Teilgruppen richten, etwa nicht nur an einige Schüler einer Schule. »Prävention ist schwierig, wenn sie Menschen das Gefühl vermittelt, dass sie sich in eine falsche Richtung entwickeln könnten und ihnen damit ein Label verpasst«, so Kiefer.

Als Problemfall erleben beim Workshop in Würzburg die meisten jungen Teilnehmer offenbar die Rolle des Vaters, der seinen Sohn Asmen verstößt, weil er eine christliche Freundin hat. Irgendwann sagt einer: »Deutschland hat uns doch auch so akzeptiert, wie wir sind, Muslime.«

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