Mittwoch, 21.08.2019

Rätseln über Anti-Stimmung im Osten

Mauerfall-Gedenken: Disput im Schloss Bellevue

BERLIN
Kommentieren
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Gesprächsreihe »Geteilte Geschichte(n)«. Foto: Kumm (dpa)
Foto: Wolfgang Kumm
Die Rei­he der Dia­log­ver­an­stal­tun­gen, die sich Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er zum 30. Jah­res­tag des Mau­er­falls aus­ge­dacht hat, klingt nach Har­mo­nie. Sich ge­gen­sei­tig Ge­schich­ten und Ge­schich­te er­zäh­len, zu­hö­ren und wert­schät­zen, dar­um soll es ge­hen. Doch bei der ers­ten Ver­an­stal­tung im Sch­loss Bel­le­vue wird es sch­nell dis­so­n­ant.

Es fängt schon mit Steinmeiers Rede an. Der Präsident erwähnt die Rechtspopulisten der AfD namentlich nicht, aber ihren Wahlkampf. Die Partei versucht mit Plakatsprüchen wie »Wir sind das Volk« an die Bürgerbewegung der DDR anzuknüpfen. Sie stehle damit das Erbe von 1989, sagt Steinmeier und spricht von einer »perfiden Verdrehung der Geschichte.« Und er geht noch weiter: Damals habe auf der falschen Seite der Geschichte gestanden, wer die Menschenwürde mit Füßen trat. Heute sei es derjenige, »der Menschen verunglimpft oder das Gift des Hasses in die Sprache und in die Gesellschaft trägt«. Klartext vom Bundespräsidenten.

»Wir sind nicht so wichtig«

Auch bei den Dialogpartnern des Tages wird der heutige Zustand der Ost-Gesellschaft schnell zum Thema. Siegbert Schefke hatte als junger Bürgerbewegter am 9. Oktober 1989 heimlich die große Demonstration in Leipzig gefilmt und die Aufnahmen in den Westen geschafft. Georg Mascolo hatte als Westdeutscher mit seinem Kamerateam am 9. November 1989 den eigentlichen Moment der Maueröffnung am Grenzübergang Bornholmer Straße für »Spiegel-TV« eingefangen. Schefke mag sich heute über die Entwicklung in Sachsen nicht so aufregen, obwohl er in Leipzig lebt und arbeitet. »Mein Gott«, sagt er unter Hinweis auf die geringe Bevölkerungszahl im Osten, »wir sind doch gar nicht so wichtig«. Mascolo findet dies falsch. Die AfD versuche, die Geschichte der DDR-Revolution für sich zu nutzen. »Das dürfen wir ihr nicht durchgehen lassen«.

Im Publikum sitzen viele Altvordere dieser Revolution. Und sie beschäftigt nichts mehr als die Frage, wieso die Stimmung im Osten heute so anti ist. Wolfgang Thierse, Ex-Bundestagspräsident und Mitbegründer der Ost-SPD, sagt, in den neuen Ländern sei die Gesprächsatmosphäre heute so polarisiert, »wie ich es nie zuvor erlebt habe«. Matthias Platzeck, kurz einmal SPD-Chef, länger Ministerpräsident Brandenburgs, hat eine andere Analyse. Es habe nicht nur die friedliche Revolution und den Mauerfall gegeben, sondern nach der Wiedervereinigung auch den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft mit Folgen für jeden. »Auch das war eine Kollektiverfahrung der Ostdeutschen.«

Dominierende Wessis

Dazu die dominierenden Wessis, die Abwanderung der jungen, fitten Leute und 2015 der Flüchtlingszustrom. »Dass dann eine Gesellschaft älter und ängstlicher ist, das kann uns nicht wundern«. Werner Schulz, Bürgerrechtler der ersten Stunde, verortet die Schuld bei der Linkspartei, den »Nachfolgern der SED«, wie er sie nennt. Denn die habe die Unzufriedenheit genährt. »Das wird jetzt von den Rechten bedient«.

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!